Montag, Februar 13, 2017

Tödlicher Vipernbesuch

Irgendwie ist mir seltsam. Mir hat es nie etwas ausgemacht, alleine zu sein. Jetzt gerade wünschte ich mir aber, ich wäre es nicht. Unser kleiners Häuschen kommt mir plötzlich riesig vor, riesig und unsicher. Es gibt keinen wirklichen Grund dafür, außer dass sich meinem Gefühl nach irgendetwas anbahnt.  Draußen regnet es. Immerhin haben Donner und Blitze aber eine Pause eingelegt. Das Telefon hat dennoch keinen Empfang.

Vielleicht sollte ich mir etwas zu Essen machen. Warum faucht Katze Binha so unaufhörlich? Kater Nelson Mandela und Maxi sind doch auf der anderen Seite des Hauses. Die drei verstehen sich nicht so gut. Ein Blick durch die Gitternetztür macht mich noch unruhiger. Zwei der drei Katzenbabys stehen hinter Binha mit aufgestellten Haaren und Angriffsbuckel. Binha faucht, macht drei vorsichtige Schritte nach vorne zum Tisch und zuckt schnell wieder zurück.

Die Jararaca ist wieder da. Ich sehe sie nicht. Binhas Verhalten ist aber ein eindeutiges Zeichen. Schnell schlüpfe ich in die Gummistiefel, schnappe mir die Taschenlampe und gehe aus der anderen Türe nach draussen. Ich sehe die Viper immer noch nicht, nehme Binha und die zwei Jungen und sperre sie ins Haus. Dann entdecke ich das dritte Junge. Es sitzt verstört auf dem Haufen geschnittenen Bambus unter dem Tisch. Als ich es hoch hebe, sehe ich den Schwanz der Jararaca hinter der Gasflasche, vor der ich stehe. Hätte sie gewollt, hätte sie mir jetzt leicht ihre Zähne in die Hand hauen können.

Noch habe ich keine Zeit, um mich wirklich um sie zu kümmern. Zuerst müssen alle Katzen ins Haus gebracht werden, damit sie nicht auf die Idee kommen, Schlangenfangen zu spielen. Die Jararaca unter dem Tisch ist eindeutig zu groß für sie. Einen guten Meter ist sie lang und zwei Finger dick. Eine ausgewachsene Katze kann sie zwar nicht verschlingen, aber mit ihrem Gift töten.

Erster Vipernbesuch
Vor drei Tagen hat sie schon auf der anderen Seite des Hauses für Unruhe gesorgt. Da wurde im Haus plötzlich eine der Katzen unruhig und hat mit typischen Gefahr-in-Verzug-Gesten Alarm bei mir geschlagen. Die anderen saßen vor der Tür und haben alle in die gleiche Richtung gestarrt, zum Katzenhäuschen, das auf der Veranda neben der Tür steht. Auch an dem Tag war es naß, kühl und sc hon Nacht. Die Viper war unter das Häuschen geflohen. Wahrscheinlich hatten die Katzen versucht, sie zu erwischen. Nur Roberto Robusto saß regungslos, wie in Trance da. Meine Vermutung, dass er von der Jararaca gebissen worden ist, habe ich erst später bestätigen können, als ich sein langes Fell genau untersucht hatte. Zwei kleine Punkte am Rücken unter seinem Pelz. Die Bißstelle ist anfangs immer unscheinbar. Wirklich sichtbar wird sie, wenn sich das Gift stärker ausbreitet und sich schwarze Krusten an den beiden von den Zähnen verursachten Punkten bilden.

In der Regel überleben Katzen die Schlangenbisse. Wir haben immer ein Breitband-Antitoxikum im Haus, das wir sofort verabreichen, wenn unsere Vierbeiner mal wieder einen dieser giftigen Frösche verspeist haben oder eben von einer Schlange gebissen worden sind. Danach heißt es abwarten und alle paar Stunden ein "Soro" einflössen (Zuckerwasser mit Salz).

Vor drei Tagen hatte ich ebenso alle Katzen im Haus eingesperrt und dann versucht, mit einer langen Bambusstange, die Schlange aufzugabeln und weit weg vom Haus wieder absetzen. Nur war es mir nicht gelungen, sie weit weg zu tragen. Sie hatte sich so gewunden, dass sie schließlich von der Stange fiel und sich schnell in ein nahes Gebüsch davon machen konnte.

Alessandros Mutter liegt uns seit Jahren im Ohr damit, dass wir doch ein Rinderhorn verbrennen und die Reste ums Haus herum verstreuen sollen. Außerdem soll nach ihren Worten Creolina Schlangen, Spinnen und weiß nicht was abhalten. Das Horn, das sie uns geschenkt hat, ist mit Symbolen versehen. Verbrannt haben wir es nie. Ihr Creolina habe ich indes nach dem nächtlichen Viperbesuch vor drei Tagen ausgiebigst rund ums Haus und den Hundezwinger herum versprüht. Das hat einen infernalischen Gestank ergeben, der durch den Regen zum Glück bald wieder nachgelassen hatte.

Versteck unter dem Tisch
Vielleicht war es auch Unglück oder Vipern stören sich nicht wirklich am Creolina. Die Jararaca kam jedenfalls zurück. Dieses Mal hat sie sich einen beinahe uneinnehmbaren Platz ausgesucht. Wie soll ich sie nur aus all dem Gerümpel unter dem Tisch mit der ewig langen Bambusstange raus bekommen? Ich habe gar keinen Platz, um die Stange anzusetzen. Hinter mir ist die Wand, links von mir ebenso. Die Stirnseite des Tisches habe ich zugebaut. Auf der hinteren Seite stehen Alessandros Schwingmäher und die Reste der Holzbretter von der Einzugdecke.

In der Hoffnung, dass sie abhaut, wenn ich Creolina versprühe, stinke ich alles ein, mit einem Auge immer die Schlange im Blick. Die sieht mich an und schlängelt sich langsam Richtung Schwingmäher. Dort ringelt sie sich ein und harrt der Dinge. Wäre sie abgehauen, wäre das vielleicht gar nicht so gut gewesen. Dann würde ich die nächsten Tage in Angst verbringen, dass sie uns irgendwo versteckt belauert und nur auf einen günstigen Moment zum Zuschlagen wartet.

Nach acht Jahren Leben im Regenwald weiß ich natürlich, dass Schlangen anders ticken, als wir uns das so vorstellen. Sie lauern uns nicht auf und beißen auch nicht sofort zu, außer du trittst auf sie oder bedrängst sie unbedacht. So lange sie lang ausgestreckt sind, ist die Gefahr eines Zuschlagens gering. Anders sieht es aus, wenn sie sich für einen Angriff zusammenrollen. Aber auch dann geben zumindest die Jararacas und auch die ungiftigen Caninanas meistens erst einmal eine Warnung, indem sie mit ihrem Schwanz rasseln. Oft verziehen sie sich auch einfach wieder ohne großes Aufsehen. Das weiß mein Verstand. Der Rest von mir will davon aber gerade nichts wissen.

Notruf
Und jetzt? Im Haus geben die Katzen ein Fest, besetzen Tisch und Schränke und alle Plätze, wo sie normalerweise nicht hin dürfen. Roberto Robusto, der sich vom Schlangenbiss von vor drei Tagen wieder einigermaßen erholt hat, liegt neben dem immer noch empfangslosen Telefon, wo er eigentlich nichts zu suchen hat. Ich beschließe, irgendjemanden anzurufen. Alleine fühle ich mich gerade ein wenig überfordert. Es ist Sonntag, es ist schon weit nach 21 Uhr und ich frage mich, wer unserer in der Nähe wohnenden Bekannten um diese Zeit noch wach oder nicht in einer dieser Crenten-Kirchen (Evangelikale Freikirchen) ist.

Erst einmal werde ich einen Empfang suchen und dann sehen, wen ich anrufen werde. In der Hoffnung, dass es im Wald oben an irgendeinem Fleck ein Signal für unser Ruraltelefon mit Handychip gibt, stöpsle ich den Apparat aus und mache mich mit Schirm, Taschenlampe und Telefon auf den Weg, die Katzen im Haus und die Schlange vor der Haustür zurück lassend.

Bis ich ein Signal finde, das einigermaßen stabil ist, dauert es eine Weile.  Ich rufe S. an. Er ist einer unserer Nachbarn, wohnt aber in der Stadt, und er ist pensionierter Bombeiro, Feuerwehrmann. Er empfiehlt mir, über den Notruf die Bombeiros anzurufen. Das mache ich. In den Hörer hinein schreiend, weil der Empfang immer noch hundsmiserabel ist, erkläre ich, wo ich wohne und wo sich die giftige Schlange befindet. Dann gehe ich zur Straße vor, um den kommenden Bombeiros zu zeigen, wo sie abbiegen müssen. So habe ich es mit dem Entgegennehmer des Notrufes vereinbart.

Da stehe ich mitten in der Nacht, den Regenschirm in der einen Hand, den Telefonapparat in der anderen, die Stirnlampe ausgeknipst und warte.

Das Telefon klingelt. Während das Haus trotz potenter Antenne ohne Empfang ist, gibt es diesen ausgerechnet dort, wo sonst nie ein Signal ist. Wir haben unser Haus eindeutig an der falschen Stelle gebaut.

"Hallo?"
"Bombeiros Antonina. Wer spricht?"
"Ich, die Frau mit der Schlange."
"Wir wurden informiert, dass bei ihnen eine Jararaca ist. Wo befindet sie sich?"
"Die Jararaca oder ich? Ich stehe an der Straße und warte auf Sie. Die Viper liegt vor meiner Haustür."
"In der Garage?"
"Nein. Vor der Haustür."
"Ist sie zusammen geringelt?"
Warum diese Frage so wichtig ist, verstehe ich nicht wirklich, antworte aber wahrheitsgetreu mit einem "Ja".
"Wohnen Sie im "Recanto Ecológico"?"
"Nein."  Noch einmal erkläre ich genau, wo ich wohne und wo ich stehe, um ihnen bei ihrem Eintreffen den Weg zum Haus zu zeigen.
Schließlich sagt der Herr Bombeiro, dass sie sich sofort auf den Weg machen werden und ich stehe weiter da und warte. Godot lässt grüßen.

Ein einsamer Radler fährt an mir vorbei und grüßt höflich. Plötzlich kommt eine Hitzewallung, von denen ich bisher behauptet habe, dass sie mich kalt lassen. Diese haut mich um, so heiß ist mir. Warum muss sich der Wechsel ausgerechnet jetzt bemerkbar machen? Wahrscheinlich werde ich jetzt dank dieser Hitzewelle noch mehr Mücken anziehen Die geben sich auf Armen und Rücken ohnehin schon ihrem unersättlichen Blutrausch hin. Ich fühle mich, als wäre ich eine einzige riesige, erhitzte Mückenbeule. Eine dritte Hand wäre jetzt recht, mit der ich die nervigen Vampire vertreiben oder zerdatschen könnte. Stattdessen winde ich mich mit meinen zwei besetzten Händen im Dunkeln wie eine Schlange hin und her, um den Mücken das Landen zu erschweren. Wirklich beeindrucken lassen sie sich davon nicht.

Bei jedem sich nähernden Auto klemme ich den Schirm zwischen Hals und Schulter und  knipse die Stirnlampe an, den vermeintlichen Bombeiros das versrpochene Zeichen gebend. Viele sind es nicht.

Bombeiros im Einsatz
Nach hunderten unfreiwilligen Blutspenden an die Mückenschwärme hält das Bombeiro-Auto dann endlich vor mir an. Nur fünf Minuten länger und ich wäre an Blutarmut gestorben.

Bevor ich etwas sagen kann, spricht einer der beiden jungen Feuerwehrleute in das Funkgerät: "Angekommen in "zona rural". Werden jetzt Schlange entfernen". "Zona rural". Hört sich an wie etwas Außerirdisches. Ländliche Zone, für Städter ein Incógnito und die meisten Brasilianer leben in Städten.

Bis zum Haus sind es noch 300 Meter den Waldweg entlang. Mittlerweile befürchte ich, dass sich die Viper nach all der Zeit schon längst verzogen hat. Ich geleite meine mutmaßlichen Retter zu ihrer Einsatzstelle. "Wo ist die Jararaca?", fragt einer der beiden Bombeiros vor dem Haus stehend und ich sehe mal wieder nichts, außer der Ausrüstung, mit der die Schlange gefangen werden soll: zwei lange Stangen, eine mit einer Schlinge, eine verschließbare Kiste aus Holz und zwei Paar kurze Handschuhe. Letzte stülpen sie sich über. Ob diese tatsächlich einen Biß einer Viper abhalten würden, wage ich sehr zu bezweifeln.  Sie reichen gerade einmal bis zum Handgelenk. Der Rest des Armes unterhalb der kurzämeligen Uniform ist vollkommen schutzlos. Ich hoffe, sie wissen, was sie tun. Immerhin handelt es sich ja nicht um irgendein harmloses Schlänglein, sondern um eine der giftigsten Vipern.  Die ist aber gerade nicht zu sehen.

Vorhin war sie noch da. Genau da unter dem Tisch vor dem Eingang, zwischen all meinen vorgeschnittenen Bambuslatten und den Holzresten war sie, hatte sich dort eingerollt, als würde sie es sich gemütlich machen oder auf ihre Beute warten wollen, die ich vor einer Stunde im Haus eingesperrt habe. Jetzt scheint das Gerümpel schlangenlos. Ich gehe um den Tisch herum. Einer der Bombeiros folgt mir. Beinahe gebe ich auf, da sieht der Bombeiro die Schlange.

"Bring die Kiste näher heran", befiehlt er seinem Kollegen und nimmt die Alustange mit der Schlinge am Ansatz in Anschlag. Zweimal versucht er, die Viper damit aufzugabeln und ich sehe sie in Gedanken schon unter das Holzhaus flüchten und mich die Nacht wachend verbringen, weil sie da vor allen menschlichen Nachstellungen geschützt wäre, wir, die Katzen und ich aber schutzlos wären. Doch davon weiß die Schlange nichts.

Einer der nächsten Fangversuche klappt. Der junge Mann  gabelt das Tier gekonnt auf und legt es wie einen wertvollen Schatz sanft in die Holzkiste, deren Deckel vom anderen doch etwas nervös erscheinenden Bombeiro aufgehalten wird.

"Die ist ganz schön groß", sagt der Schlangenfänger und sein Kollege klappt den Deckel zu. Mission erfüllt. Ich atme auf. Sie werden sie am "Kilometer Fünf" freilassen, sagen sie. Das ist fünf Kilometer von der Stadt entfernt und per Luftlinie ebenso fünf Kilometer von uns.

Sind Vipern ortstreu?
Die abziehenden Bombeiros lassen mich jeder Menge Fragen zurück. Wie groß ist das Revier einer Viper? Wie lange brauchen sie, um fünf Kilometer zurückzulegen? Sind sie überhaupt reviertreu? Wird sie zurückkommen? Verfügen sie über einen ähnlichen Orientierungssinn wie Tauben? Ich finde, das sollten Forscher einmal klären. Das sind für Bewohner der "zona rural" schließlich lebenswichtige Informationen.

Ich öffne die Haustür und beende das Katzenfest mit einem "Die Luft ist rein Jungs, ihr könnt jetzt wieder raus und Mäuuse fangen". Gut, ein wenig muss ich nachhelfen, um die Stube wieder Katzenfrei zu bekommen. Nur die Babys, die lasse ich drinnen. Sie schlummern vor dem Sofa in ihrem von mir zu Beginn des Schlangeneinsatzes eiligst eingerichteten Notnest, einer kleinen Wanne.

Warum ist die Viper überhaupt zu unserem Haus gekommen? Findet sie im Wald um uns herum nicht genügend Nahrung? Oder war es ihr im Wald zu nass? Es ist Regenzeit. Die Niederschlagsmenge der vergangenen Wochen liegt noch dazu weit über dem historischen Durchschnitt, um es mit den Worten der Meteorologen zu sagen. Vielleicht wurde sie vom Geruch der Katzenbabys Binhas angezogen. Der war aber vor ein paar Wochen bestimmt stärker, als sie noch kleiner waren.

Tod der Katzenmama
Wo ist Katzenmama Binha? Im Nest ist sie nicht und auch nicht unter dem Sofa oder einem der Schränke. Als ich vor zur Straße gelaufen bin, lag sie neben dem Notnest. Bei einer schnellen Untersuchung hatte ich keine Bißstelle ausfindig machen können. Das Antitoxikum hatte ich ihr vorsichtshalber dennoch verabreicht. Das war vor dem Anruf bei den Bombeiros. Jetzt ist sie nicht mehr da. Wieder laufe ich mit Taschenlampe und Schirm los, um sie zu suchen. Inzwischen bin ich mir sicher, dass die Jararaca sie gebissen hat, sonst hätte sie jetzt nicht ihre Jungen alleine gelassen.

Binha liebt Katzenbabys. Trächtig war sie nur selten. Nur ein einziges ihrer Katzenkinder lebt noch. Die anderen sind, weil zu klein und zu früh geboren, alle gestorben. Dafür hat sie sich immer all der anderen Katzenbabys angenommen, die wir auf der Straße aufgeklaubt haben, weil sie dort von irgendjemand ausgesetzt worden sind. Dass sie nun drei ihrer eigenen Babys schon fast bis zur Flüggereife gebracht hat, grenzt an ein kleines Wunder.

Alle ihre Lieblingsplätze laufe ich ab, leuchte unters Gebüsch und unters Haus. Nichts. Nach einer Ewigkeit gebe ich schließlich auf, traurig, weil ich weiß, dass ihre Überlebenschancen ohne die regelmäßige Gabe von Flüssigkeit zur Aufrechterhaltung der Nierenfunktion gering sind. Erst am nächsten Tag verlässt sie ihr Versteck, kommt zur Tür, ganz so als ob sie noch ein letztes Mal ihre Jungen sehen will. Wenig später stirbt sie neben dem Nest ihrer Babys.

Montag, Februar 06, 2017

Mückenregen


Wenn sie nur nicht dieses die Nerven zerbohrende Geräusch von sich geben würden, würde ich sie ohne Weiteres unbehelligt lassen. Obwohl das ganz schön dumm wäre. Es ist ja nicht ihr sirenenartiger Ton, der Mücken zum Feind des Menschen macht. Zika, Chikungunya, Dengue, Malaria und Gelbfieber sind nur einige der vielen unter Umständen tödlich verlaufenden Krankheiten, die sie übertragen können.

Mücken sollen vor allem bei Vollmond sehr aktiv sein, sagen Dona Dora und Tio Zeco. Sie berufen sich dabei auf altes Volkswissen, wie sie betonen. 

Jetzt ist der Neumond gerade vorbei. Nach ihrer Theorie soll es rund um diesen kaum Mücken geben. Das scheinen die im Verlauf der Jahre nur vergessen zu haben. Sie schwirren in Schwärmen mit Myriaden von Mitgliedern, bei Vollmond, bei Neumond, bei Halb- und sonstigem Mond.

Vielleicht ist es ja auch gerade andersherum und die Stechtiere bevorzugen den Neumond, um ihr Larvendasein zu beenden und einen Neuanfang im Erwachsenenstadium zu wagen.

Wahrscheinlich steckt hinter all dem nur mal wieder das Klima. Heiß und nass ist es. Das mögen Mücken.

678 mm Regen sind auf uns in den vergangenen fünf Wochen herunter geprasselt. Das gibt genügend Pfützen und Wasseransammlungen, wo sich ihre Larven entwickeln können. Das tun sie, je nach Mückenart, in weniger als einer Woche vom Ei bis zum erwachsenen Tier.


Heute sind mir ebenso extrem viele Libellen aufgefallen, die fern ab von den Teichen über unserer Wiese in der Luft auf und ab getanzt sind. Libellenlarven fressen Mückenlarven. Fische fressen Libellenlarven und Cagados die Fische. Wir werden also jede Menge gut genährte Wildtiere haben.

Mittwoch, Februar 01, 2017

Zerstörende Säuberungswut

 Der Nachbar ist beim "carpinando", am bewaldeten Hang. Den Unterwuchs, Büsche, Kletterpflanzen, darunter Heilpflanzen wie Guaco und auch Vanille-Orchideen, hat er nach seinem Beschluß, ein Haus zu bauen, als erstes entfernen lassen. Gut zwei Hektar hat er nach seinen Vorstellungen gesäubert. Hat die Nistplätze von Hummeln, Spechten und Eulen umsäbeln lassen, weil es Totholz ist. Was für eine dämliche Bezeichnung, Totholz, in dem oft mehr Leben steckt, als in einem im Saft stehenden Baum. Auch dünnere Nachwuchsbäumchen sind seiner Säuberungswut zum Opfer gefallen. Gut zwei Hektar Wald hat er in eine Wüste mit Galeriebäumen verwandelt und den Lebensraum von Chamäleon, Gürteltier und anderen Vertretern der reichen Flora und Fauna des Atlantischen Regenwaldes zerstört. Nein, es braucht längst keinen Kahlschlag, um das zu bewerkstelligen.
Weil er den Unterwuchs beseitigt hat, gelangt mehr Sonne und Wärme zum Boden, der trockener wird und aus dem Gleichgewicht kommt. Die Folge davon sind geschwächte und absterbende Bäume. Ein kleiner Wind und tropische Regenfälle reichen aus, um sie umzuwerfen. Sein Galeriewald lichtet sich zusehends, ohne dass er es bemerkt. Irgendwann werden die Wurzeln der restlichen Bäume nicht mehr ausreichen, um den Hang vor Muren zu schützen.
Er weiß nicht, dass er ohne Totholz keine Hummeln hat, ohne "Mamangabas" (Hummeln) seine Maracujas nicht bestäubt werden und er deshalb auch keine Früchte ernten wird, so wie er es sich noch ausmalen mag.
Warum sind wir Menschen so doof und zerstören alles rund um uns herum, in der irrigen Annahme auf diese Weise für Ordnung zu sorgen? Er ist nicht der einzige Städter, der so reagiert. Sie kaufen sich ein Grundstück im Grünen, um sich vom Stadteinerlei zu erholen und machen sich dann als Erstes an die alles vernichtende Säuberungsaktion, schaffen ein Abbild ihrer toten Stadtumgebung. Erst dann legen sie Hacke und Buschmesser befriedigt zur Seite und betrachten voller Stolz ihre nun sich im Todeskampf befindende Umgebung. Zu dem Zeitpunkt wollen sie nichts davon ahnen, dass sie damit den Grundstein für künftige Probleme gelegt haben. Wahrscheinlich gestehen sie sich auch später ihr Dazutun nicht ein, werden sie die Augen schließen und Weltklima, Industrie und die Abholzung des über 4.000 Kilometer entfernten Amazonas-Regenwaldes dafür verantwortlich machen.  
Noch bietet sein Hangwäldchen ein wenig Schatten, in dem er jetzt die Hacke schwingt, um die von ihm als "Unkraut" eingestuften Bodendecker und andere Pflänzchen zu entfernen. "Carpinar" nennen sie das, was in der Landwirtschaft durchaus seinen Sinn hat. Das Ergebnis davon in seinem Hangwald wird indes ein Schlammeinbruch sein, wenn sich der nächste Sommerregen mit 50mm oder mehr über uns ergießt. Die großen, harten Tropfen werden sich zu Rinnsälen sammeln und die aufgerissene Erde mit sich hinab gen Straße reißen. Da werde ich dann unter der Woche, wenn er in seiner Stadtwohnung sitzt, stehen und den Schlamm seines Hanges aus den Abflußgräben beseitigen, damit unsere Feldwegstraße nicht zum Reißbach wird und unbenutzbar wird.
Fruchtlos waren meine Bemühungen bisher, ihn über die Folgen seines Handelns aufzuklären. Mit etwas Abstand ist zu sehen, dass sein Grundstück schhon jetzt mit etlichen absterbenden Bäumen durchsetzt ist, während das unberührte Nachbargrundstück im schönsten Grün dasteht. Er will davon nichts wissen. Denkt sich wahrscheinlich, dass Schlamm und Muren nur andere betreffen und sein einstiger gesunder Wald davon verschont bleibt, weil ja noch ein paar Bäume übrig sind.
Wie dumm wir Menschen sind. Wir müssen die Folgen zuerst am eigenen Leibe spüren, bevor wir an unserem Handeln etwas ändern. Vielleicht wird er seine Besiedlungsversuche des Atlantischen Regenwaldes aufgeben, wenn er irgendwann den Muren nicht mehr Herr wird, keine Früchte mehr erntet und "pragas" ihn in Atem halten. "Plagen" wie Pilzbefall seiner Fruchtbäumchen, verstärktes Auftreten von Raupen, Mücken, Bremsen und auch Schlangen sind die natürliche Folge des zerstörten Regenwald-Lebensraumes, der aus dem Gleichgewicht geraten ist. Schade nur, dass es erst dazu kommen muss.

Montag, Januar 16, 2017

Stillstand im Regenwald

Die Hitze hüllt selbst die sonst so unermüdlichen Grillen und Zikaden in ein dumpfes Nichtstun ein. Keinen Mucks geben sie von sich.
Während die Sonne im Zenit steht schreit mich in dem sonst Tag und Nacht mit allerlei Geräuschen gefüllten Regenwald eine unheimliche Stille an. Kein Vogel bringt die Kraft für einen Pips auf. Keine Äste knacksen, keine Blätter wedeln und in mir ruft alles nach irgendeinem Zeichen, dass sich die Welt noch dreht.
“Hollerreiduljöh gugu. Leben wo bist du?”, rufe ich in die alles umschlingende Stille hinein. Ich höre, was ich rufe. Die Zeit-Raum-Kombination muss wider dem Anschein doch noch existieren.
Während sich Hund und Katz und alles Getier irgendwo an einem schattigen Plätzchen in dieser stillen Welt der Siesta hingeben, flüchte ich vor der sengenden Sonne ins Haus. Automatisch lande ich vor dem Regal mit den Musik-CDs. Bei gerade einmal 35 Quadratmetern Wohnfläche keine große Kunst. Ich könnte die unbewegte Luft mit ein wenig Musik anreichern, denke ich mir und schnappe mir den Haufen dieser in bunten Hüllen steckenden runden Scheiben. Adriano Gelentano ist der erste, der mir wenig später aus den Laptoplautsprechern seinen Liebesschmerz entgegen singt. Als Gegenpol gibt es im Anschlulß Queen on Fire, Live at the Bowl 1982.
Dann kommt Sissi Perlinger. Bei ihrem Song "Fliesen" muss ich laut lachen. Wie passend. Ich versehe gerade die geflieste Duschecke mit Mosaikquadraten, die ich gestern aus den vom Nachbarn weggeworfenen Fliesenresten geschnitten habe. Damit wird auch unser Bad ewig mit meiner Fliesenarbeit verbunden sein.
Auch wenn es drinnen längst nicht so heiß ist wie draußen, zieren Milliarden große und kleinste Schweißtropfen mein Gesicht, meine Arme und den Rest meines Körpers. An der Wirbelsäule treffen sich einige und sausen achterbahnartig die Kuhle hinunter bis sie in Hinternnähe vom Hosenbund aufgefangen werden, während meine Fliesenmosaikzierleiste langsam wächst.
Mit Seed schließe ich ab. Mein Bedarf an Ruhetöter ist für heute gestillt. Inzwischen steht die Sonne ein wenig tiefer, fangen die ersten Vögel wieder mit ihrem Geschwitzer, die Grillen mit ihrem Gezirpe und die Zikaden mit ihrem Geschrille an. Die Regenwaldwelt dreht sich wieder.

Dienstag, Januar 10, 2017

Invasion der Büffel


Ich habe mich an Gürteltiere gewöhnt, an Pacas (kleine Wildschweine) und selbst an Vipern und Pumas. Die Besucher von heute haben mich jedoch nervös gemacht. Plötzlich stand ein Dutzend schwarzgrauer Büffel vor mir und den Hunden. Schäferhündin Hanna war genauso verdutzt wie ich. Zum Glück wusste sie nicht recht, ob sie angreifen oder einen Rückzieher machen soll. Dank ihrer Denkpause konnte ich sie am Kravattl packen, bevor sie sich für einen Angriff entschieden hat.

Was machen diese Riesenhufer hier im Regenwald? Und vor allem, woher kommen sie? Nach einem Bad in Nachbars Fischteich, haben sie das Anwesen des nächsten Nachbarns gestürmt. Dann kamen wir an die Reihe.  Da waren Hanna und Luma schon sicher in ihrem Zwinger verwahrt. Die Katzen nicht. Mit riesigen Sätzen und weit aufgerissenen Augen sind sie vor den Hufen der riesigen Tiere Richtung Haus geflohen. Da saßen sie auf der Veranda, die Blicke auf die Büffel gerichtet, und ich mitten unter den Katzen.

Mir sind diverse Erlebnisse mit Kühen bei Bestandsaufnahmen zu Umweltstudien und auch bei Almwanderungen noch lebhaft in Erinnerung. Auch wenn ich ihnen immer freundlich begegnet bin, haben sie oft weniger freundlich auf mich reagiert. Ein paar Mal musste ich flüchten. Einmal habe ich mir dabei Jacke, Hose und Bein am Stachelzaun aufgerissen.

Und jetzt? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich machen soll. Ich könnte ja schreien. In mir aufsteigende Bilder von alles zertrampelnden Büffelherden auf den Savannen Nordamerikas halten mich davon zurück.

Vorsichtshalber nehme ich den an der Tür angelehnten Bambusstecken in die Hand. Frau weiß ja nie. Dann gehe ich Hirtenmadlähnlich langsam auf die Büffeltiere zu, die immer weiter bei uns Eindringen, in Richtung Haus stapfen.

Warum mache ich das? Ich denke nicht, hebe den Stock und kommandiere "Husch, Husch. Macht, dass ihr hier wegkommt". Sie schauen die mit dem Stecken fuchtelnde und in der seltsamen Sprache sprechende Frau träge an. Dann verstehen sie. "Husch, Husch" scheint ein Wort aus der Universalsprache zu sein. Sie zuckeln tatsächlich von dannen - in die falsche Richtung.

Sie machen sich auf den Weg zur asphaltierten Staatstraße. Noch einmal greife ich zum Telefon, rufe bei der Militärpolizei an. "Da können wir doch nichts machen, Senhora. Wir sind doch die Militärpolizei", sagt der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung. Das gleiche hat er auch schon bei meinem ersten Anruf gesagt, nachdem mich die Umweltpolizei (Polícia Florestal) aufgeklärt hatte, dass ich doch den Besitzer anrufen sollte. Wenn ich wüsste, wem die Tiere gehören, hätte ich das schon längst getan. "Na, dann rufen sie doch beim Umweltsekretariat der Gemeinde an oder bei der PM, der Polícia Militar", so der Herr von der Umweltpolizei.

Bei meinem zweiten Anruf bei der PM beharre ich. "Es wird gefährlich", sage ich. Ich will mir gar nicht ausdenken, was passiert, wenn auf der kurvigen Staatstraße ein Motorradfahrer in die Büffelherde knallt. Irgendwann gibt der Polizist auf. Da höre ich es schon von weither hupen. Das Dutzend hat die Staatsstraße erreicht. "Ich werde sehen, was wir machen können", sagt der Polizist.

Ich lege auf und laufe zur asphaltierten Straße vor. Die Herde ist nicht mehr zu sehen. Nur ihre Spuren, die sind auf dem Asphalt erkennbar. Sie marschieren in Richtung Rio do Nunes, ein beliebter Badeplatz an einem unweit gelegenen Bergbach. Wer weiß, vielleicht treffen sie ja dort auf Polizisten.

Warum es hier Büffel gibt
Vor 30 Jahren haben sie versucht, an der nördlichen Küste von Paraná Büffel zu etablieren. Der Fleischmarkt und die Aussicht auf gutes Geld waren die Triebfedern. Rentiert hat es sich in unserer Region nicht wirklich. Dann kam auch die APA, eine Art Landschaftsschutzgebiet. In dem sollten Büffel nichts zu suchen haben. Einzelne Tiere werden in unserem Munizip dennoch weiter gehalten. Von Herden war mir bisher aber nichts bekannt.

Auch unser Sítio war einst eine Büffelweide. Bis sie alles soweit zertrampelt hatten, dass nichts mehr wuchs und selbst nahrhaftes Gras ausblieb. Die damaligen Besitzer, zwei Agronomen, haben aufgegeben und ihr Anwesen stückweise verkauft. Das ist knapp 30 Jahre her. Die ehemaligen Weiden blieben sich selbst überlassen.

An den Hanglagen hat sich nach und nach der Atlantische Regenwald wieder ausgebreitet. Anders als auf der Nordhalbkugel dauert es nur wenige Jahre, bis eine Fläche wieder mit 15 Meter oder noch höheren Bäumen bestanden ist. Nicht so dort, wo die Büffel hausten. Vor allem in den feuchteren Niederungen hatten es die Bäume schwer, wieder Fuß zu fassen.

Dort sind die Spuren der tonnenschweren Büffel auf unserem Grundstückes immer noch vorhanden: Extrem verdichteter Boden, Kuhlen und Trittwege. Ein zerstörter Boden. Beim Pflanzen von Bäumen heben wir große Gruben aus, bestücken sie mit neuer Erde und Kompost und hoffen, dass die Wurzeln es schaffen werden, sich den Boden zurückzuerobern. Schön langsam wird es, wächst nach drei Jahrzehnten auch der Niederungsbereich langsam wieder mit Wald zu.

Montag, Januar 09, 2017

Superman-Spinne fängt Moskitos

Aranha da Mata Atlântica

Ich mag sie eigentlich nicht, die Spinnentiere, zumindest nicht im Haus oder in meiner Nähe. Aber die hier finde ich schon faszinierend. Sie hat neben dem Bambusbrunnen zwischen den Blättern einer Bromelie und eines Glücksbambus mit ihren klebrigen Fäden eine Falle gebaut. Jetzt hängt sie mit ihrem braunen Superman-Umhang regungslos dazwischen und wartet geduldig darauf, dass sich Futter darin verfängt. Ich hoffe, es werden Moskitos sein, die versuchen in den vergänglichen Pfützchen am Brunnenfuß ihre Eier abzulegen. Keine Angst, in den Pfützchen wachsen keine Mückenlarven heran. Bei 35 Grad trocknen sie ruckzuck weg.

Sonntag, Januar 01, 2017

Trockenes Regenwaldsilvester

Ich wünsche euch allen: 


Bei uns ist der Regenwald zum ersten Mal seit acht Jahren in der Silvesternacht trocken geblieben. Der Regen kam schon am Nachmittag in Form eines Gewitters. Danach war Ruhe, unsere regenwäldliche Silvesterruhe. Nur in der Ferne haben sie irgendwo ein paar Raketen in den Himmel geschossen, während wir mit Grillen, Zikaden und Nachtvögeln in aller Stille das neue Jahr begrüßt haben.

Jetzt hoffe ich, dass 2017 uns allen jede Menge Positives bringt!

Freitag, Dezember 23, 2016

Weihnachtsrasen




Früher hätte ich gesagt, kaum ist Weihnachten rum, schon lacht Ostern. Jetzt hat sich Ostern aufgelöst, überrannt von der staaden Zeit. Weihnachten hat sich selbst überholt. Bevor es auch nur annähernd rum ist, steht es schon wieder vor der Tür.
Wo ist die Zeit dazwischen hin? Was habe ich gemacht an den 366 Tagen, die es dieses Mal waren, die angeblich ein Weihnachten von dem anderen getrennt haben?
Ich werde mich an eine kleine, keineswegs vollständige Auflistung wagen.
In der Weihnachtszwischenzeit habe ich
  • 732 mal mit den Hunden im Wald einen Gassispaziergang eingelegt.
  • 52 mal einen Ausflug in die Stadt unternommen, um Gemüse, Nudeln, Milch und Klopapier zu kaufen. Weil ich ja nicht alles in einem Laden kaufe, wäre ich damit mindestens einhundertmal an einer Kasse gestanden.
  • 130 mal Wäsche gewaschen, mit meiner neuen Wäscheumwälzmaschine. Ein einfaches, aber tolles Teil, mit dem ich das Waschbrett in den Ruhestand schicken konnte - dem Anschluß an die öffentliche Wasserversorgung im Januar sei Dank. Der hat uns allerdings einiges an Arbeit gekostet. Weil der Druck zu ungleichmäßig und groß ist, hat es uns etliche Male im und rund ums Haus die Leitung zerrissen. Jetzt haben wir die Plastikrohre dank Geraldos Tipp durch einen Hochdruckschlauch ersetzt.
  • 365 mal morgens aus der Hängematte herausgeblinzelt. Nur einmal, da war es so kalt, dass ich zu Alessandro ins Bett gekrochen bin, um mich aufzuwärmen. Danach haben wir beschlossen, einen geziegelten Ofen zu bauen. Der war auch prompt fertig, als es wieder wärmer wurde. Der Frost hat indes etlichen der Bananenstauden, dem Abiu-Baum, der Taioba und den Maña-Cubiu arg zugesetzt. Einige von ihnen mussten wir umschneiden und zu Kompost verarbeiten.
  • 300 mal mit Yoga Körper und Geist verwöhnt und zweimal dabei das Kreuz verrissen.
  • 17 mal Schwammerl geerntet. Auf präparierten Eukalyptusstämmen gewachsene Shitake, auf Spezialpräparat gesprossene brasilianische Austernseitlinge und braune Austernseitlinge zu leckerer Schwammerlsuppe mit Semmelknödel verarbeitet und mich damit in die Heimat zurückgesetzt gefühlt.
  • 102 mal Riesenechsen, Schmetterlinge, Raupen, Jacu, Sperber, Perigitos (kleine Papageien), Schlangen und anderes Getier fotografiert. Dank Milena werden die Fotos jetzt auch schärfer. Sie hat uns ihre alte Digitalkamera überlassen. Die ist blöderweise nicht immer zur Hand, wenn wir mal wieder Naturwunder betrachten, wie die kleine Bande Kapuzineraffen (Macaco prego), die sich hoch oben in den Baumwipfeln über die Bromelienherzen hergemacht hat. Alessandro hatte zuerst nur den Lärm vernommen, brechende Zweige, tropfendes Wasser, raschelnde Blätter. Dann hat er die schwarzen und braunen Affen entdeckt. Kurz später sind wir wie die Kinder unter den Bäumen gestanden, um die macacos beim Verspeisen der Bromelien zu beobachten. Es war das erste Mal, dass wir hier bei uns Affen zu Gesicht bekommen haben. Von ihnen herunter geworfene, ausgezutzelte Bromelienblätter habe ich indes schon öfter zu Hauf auf dem Waldboden entdeckt.
  • dreimal die Suçuarana (Puma) rufen gehört, leider aber nicht gesehen.
  • achtmal Bambus umgeschnitten und einen kleinen Vorrat angelegt, der schon wieder verschwunden ist, in Pergola, Blumentöpfe, Elemente für Hundezwinger, Bambusbrunnen, Plakatwand (Outdoor) und Lampen verwandelt. Als nächstes steht die Bambussprossenernte an. Dieses Mal will ich über Elianes Kooperativen-Fabrik ein paar von ihnen zu Konserven verarbeiten und an hiesige Restaurants verkaufen.
  • 18 mal Baumaterial eingekauft, zwei Holzschiebefenster gesägt, zusammen gebastelt, eingebaut und eins von ihnen probeweise orange, blau und weiß angemalt und ein bißchen Bunt in unser grünes Meer gebracht. Angefangen, einen neuen Sitzplatz neben dem Haus anzulegen. Dutzende Fliesenreste in kleine Quadrate geschnitten und ein Mosaik für die Küchenzeile an die Wand gezaubert. Die Küchenzeile selbst werde ich im nächsten Jahr bauen.
Wie das alles zwischen Weihnachten und Weihnachten hinein gepasst hat, ist mir ein Rätsel. Irgendwie waren wohl die kleinen Zeitgeister am Werk.
Egal.

Bevor ich es wieder verpasse, weil ich mich auch nach 12 Jahren noch nicht an warme Weihnachten gewöhnt habe, wünsche ich euch allen jetzt erst einmal 

ein wunderschönes Weihnachtsfest! 
Lasst es euch gut gehen und genießt das Leben!

Mittwoch, November 23, 2016

Kefir im Regenwald

Kefir-Kultur im Regenwald
Jetzt sind sie auch hier im Regenwald angekommen, die Bakterien aus dem Kaukasus. Wahrscheinlich haben sie Millionen von Umwegen genommen, bevor sie an der Südküste den Weg Richtung Bambueiro eingeschlagen haben. Letzterer ist Eliane zu verdanken, deren Chácara einen guten Kilometer von unserer entfernt ist.

Sie hatte Fotos von ihrem Kefir in Facebook gepostet und zack haben sich hunderte Interessenten bei ihr gemeldet. Ich war schneller, habe gleich zugesagt, als mich Eliane neulich gefragt hat, ob ich denn eine "Kefirspende" wolle.

Jetzt stehen die Kaukasusbakterien auf dem Tisch mit Blick auf die rund um das Häuslein wachsenden Palmen und arbeiten fleissig vor sich hin.

Sie sind so fleissig, dass ich mir heute schon den ersten mit Pfirsich gemixten Kefir gegönnt habe. Leckere Sache. Ich freue mich schon auf das Vermischen mit unseren Regenwald- und Obstwiesenfrüchten.

Kaum kann ich es erwarten, bis die Jabuticabas reif sind, schwarze, kleine direkt am Baumstamm wachsende Früchte, die mit dem Kefir mit Sicherheit eine traumhafte Schlemmermischung ergeben.

Der Milchkefir erinnert mich an die gestöckelte Milch, die meine Oma immer getrunken hat, und auch ein wenig an die im Sommer auf Almen stets genossene, frische Buttermilch. Habe heute schon davon geträumt, wie ich auf der Himmelwiesenalm auf der Bank sitzend, mit dem Rücken an der Hütte angelehnt, in die Sonne blinzelnd frischen Kefir getrunken habe. Der Senner war wenig begeistert, er hätte mir lieber seine Buttermilch verkauft.

Montag, November 21, 2016

Gelber Rüsselkäfer im Zeitlupentempo


Nanu, was ist denn das für ein gelber Klecks, der sich da im Zeitlupentempo auf dem Blatt bewegt? Ohne Brille konnte ich das Tier nicht wirklich einstufen. Bin zurück zum Haus gelaufen, um meine Sehhilfe zu holen. Bis ich wieder zurück kam, hatte der Zeitlupenkäfer zu meinem Glück kaum seine Position verändert.

Ich habe ihn gleich einmal fotografiert. So ein seltsamer Käfer wie er, ist mir bisher hier im Regenwald noch nicht unter gekommen. Da ist mir eine ganz persönliche Premiere im Reich der tausend großen und kleinen Käfer gelungen. So viele verschiedene habe ich hier schon gesehen: bunt getupfte, gestreifte, knallrote, gelbe, schwarze Käfer. Diesen sich so langsam bewegenden Rüsselkäfer bin ich bisher indes noch nie begegnet.

Wie er heißt? Keine Ahnung. Er ist einer von den weltweit 350.000 Käferarten und den geschätzten 30.000 verschiedenen Käferarten, die es in Brasilien gibt....

Ihr werdet es nicht glauben. Aber heute, einen Tag später, ist der gelbe Käfer immer noch auf dem gleichen Platz gesessen wie gestern.

Donnerstag, November 17, 2016

Ansturm der Libellen



Angezogen von den Fischteichen der Nachbarn und unserem Sumpf gibt es das ganze Jahr über Libellen. Jetzt im Frühjahr schwirren sie verstärkt herum. Das zweite Libellenhoch fällt auf dem Spätsommer. Dann geben andere Libellenarten den Ton an. Auch im Winter und Herbst umfliegen sie Feuchtstellen und Gewässer.

Die Pinkfarbenen habe ich heute nicht gesehen. Auch Plattbauchähnliche, dunkle, schwarze Libellen waren nicht dabei. 

Sie bevorzugen wohl eine andere Jahreszeit. Es ist mir noch nicht gelungen, sie zu bestimmen. Ich weiß auch gar nicht, ob es einen Schlüssel für die brasilianischen Libellen gibt. Mit Fotos alleine ist es nicht getan. Schlappe 1.200 verschiedene Libellenarten sollen in Brasilien vorkommen.

Von den Einheimischen werden sie kaum beachtet. Manche nennen sie Hubschrauber, manche sagen Zick-Zack zu ihnen. Das war dann aber auch schon das höchste an Aufmerksamkeit, die sie den Flugkünstlern zukommen lassen.

Ihre Larven fressen so ziemlich alles, was sich bewegt, Kaulquappen, frisch geschlüpfte Fischlein und auch Mückenlarven. Manchmal sind Seggen und Juncus am Rand der Teiche voll mit leeren Larvenhäuten. Heute habe ich nur eine gefunden, eine besonders große. Ob sie der großen Libelle gehört, die der mitteleuropäischen Königslibelle so gleicht? Eine solche habe ich heute auch herumfliegen sehen. Ich war aber zu langsam, um sie zu fotografieren. Immer dann, wenn ich abdrücken wollte, ist sie einfach ruckzuck abgeschwirrt.
Als vor einem Jahr bekannt wurde, dass eine Zika-Erkrankung während der Schwangerschaft zu Mikrozephalie beim Ungeborenen führen kann, ist auch eine kleine Libellenhysterie ausgebrochen. Plötzlich wurden überall Säckchen mit Samen von Crotalária juncea ausgeteilt. Die gelbblühende Leguminose soll Libellen anziehen. In der Landwirtschaft wird sie zur Gründüngung eingesetzt. Jetzt sollte die Bevölkerung sie aber in ihren Gartenbeeten in Siedlungen anbauen.

Der Bengalische Hanf (Crotalaria juncea) wird allerdings fast zwei Meter hoch, wächst strauchartig gagelig (auch wenn er nur eine einjährige Pflanze ist) und verbreitet sich leider auch ziemlich schnell vor allem auf gestörten, offenen Böden. Ein paar der Crotalaria-Arten und Unterarten sind zwar in Brasilien heimisch, aber eben nicht in allen Biomen. Crotalaria juncea kommt im trockenen Nordosten Brasiliens natürlich vor. Wir leben hier im feuchten Süden. Nein, ich habe keine Crotalaria angebaut. "Unsere" Libellen kommen auch ohne sie.



Mittwoch, November 16, 2016

Sommer-Skibrillen-Rätsel

Manchmal dauert es, bis mein Hirn warm läuft, bis es dechiffriert, was ihm meine Augen vorlegen. Da steht "Skibrillen und neue Brillen". Es könnte auch "Sko"-Brillen heissen. Das würde jetzt nicht den geringsten Unterschied machen, weil es für meine Hirnzellen einfach nicht den geringsten Sinn ergibt.

Mein HIrn fragt sich: "Was sind "S-k-i"- oder "S-k-o"-Brillen? Es ist sich sicher, dass dahinter eine neue Mode stecken muss. Vielleicht sind es besonders eckige Sehhilfen. Durch das "S", gefolgt vom "k", bildet sich ein härterer Laut. Ja, es müssen Brillen sein, die Härteres vermuten lassen, die nach Durchsetzungskraft und nach einem russischen oder polnischen Design aussehen. Eine neue Wortschöpfung oder eine Abkürzung für "Super coole Idee" oder ähnliches. Dann würde es aber Sci-Brillen heißen.

Die Neutronenverbindung läuft weiter und hält bei "Plaste und Elaste aus Skopau" kurz an. Das Schild hat mal über der ehemaligen DDR-Autobahn geprangt, die die aus dem eisernen Vorhang hervorstechende Insel Berlin mit Westdeutschland verbunden hat. Viermal bin ich unter dem Schild durchgefahren. Nein, es war nicht Sk-opau. Es war Schkopau.

Schkopau-Brillen. Die wären wahrscheinlich wegen der Plaste und Elaste eher formbar, rund und weich.

Das "Ski-Sko-Ska" jagt die Gehirngänge entlang. Irgendwo muss die passende Andogstelle sein. Ich bin nah dran. Vielleicht handelt es sich um ein Schki, wie Schkopau, nur eben mit Schki und ohne opau. Das ergibt nur nicht wirklich einen Sinn.

Irgendwie kommt mir das "S-k-i" bekannt vor. Ich weiß es, da war was. Es will mir nur partout nicht einfallen, was es mit diesem seltsamen Wörtchen auf sich hat.

Was war das für eine Farbe, die da irgendwo in den Gehirnwindungen aufgeblitzt ist? Langsam sickert es durch. "S-k-i" muss mit Weiß verbunden sein. Weiße Brillen. Ob das der letzte Modeschrei ist, ein weißes Ding auf der Nase zu tragen? Warum heißen sie dann aber nicht "Weiß-Brillen"?

S-k-i und Weiß, da war noch was, etwas, das lange zurückliegt. Es muss irgendetwas mit meiner Kindheit und Jugend zu tun haben. Mein Hirn kommt langsam in Schwung und zaubert Bilder von Bergen hervor, vom Mesnerhang, der nur ein paar Gehminuten von unserem Haus entfernt lag. Kaum einen Nachmittag haben wir im Winter ausgelassen, um dort Schi zu fahren. Manchmal gab es sogar aufregende, nächtliche Flutlicht- und Mondfahrten.

Da ist die Verbindung. "Schifahren" muss etwas mit S-k-i-Brillen zu tun haben. Dann sickert es durch, bahnt sich seinen Weg durch das Weiß, durch das englische, portugiesische und spanische Sprachenzentrum in meinem Hirn, schiebt sich der deutschsprachige Bereich in den Vordergrund.  "Ski" ist "Schi". Logisch, es sind Schibrillen, Skibrillen eben. Sowas.

Da hätte ich auch früher draufkommen können. Nur mein Hirn war gerade nicht auf Winter eingestellt. In dem macht sich von Tag zu Tag mehr der bevorstehende, brasilianische Sommer breit, in dem der Kauf von Skibrillen nicht gerade einen wirklichen Sinn ergibt.

Bild vom aufgehängten Mond


Hier das versprochene Bild vom aufgehängten Supermond...

Dienstag, November 15, 2016

Aufgehängter Supermond

Na, habt ihr euren Supermond gesehen? 

Am Brandenburger Tor war er und auch in Rom und wahrscheinlich ebenso über der Bourbon Street.
Und hier?

Hier hat es den ganzen Tag geregnet, und nachts auch. 

Warum regnet es eigentlich immer, wenn der Mond super wird, wenn Meteoritenregen erwartet werden oder der Mars gerade mal extra nah ist?

Fast hatte ich mich schon damit abgefunden, dass ich jetzt mal eben 18 Jahre warten muss, bis der Mond der Erde wieder so nah ist, wie heute, schlappe 30.000 Kilometer näher als sonst.

Dann ist es draussen plötzlich doch heller geworden. 

Da stand er, hat durch ein Wolkenloch hindurchgelugt. Vor lauter Aufregung bin ich beim Rauslaufen beinahe auf eine der Katzen getreten. Ich musste mich ja beeilen, damit ich ihn noch erwische, bevor er wieder hinter den Wolken verschwindet. 

Und das ist dann bei der Fotojagd heraus gekommen: ein aufgehängter Supermond....

das Foto gibt's leider erst später, weil mein Netz mal wieder schneckt und das Bild nicht lädt... deshalb wird's halt eine Supermond-Serie, die genau beim spannendsten Teil eine Pause einbaut...

Montag, Oktober 24, 2016

Ohne Internet

Freitagabend ging plötzlich nichts mehr. Es kommt durchaus vor, dass unser Telefon mal ohne Empfang ist. Oft dauert das nur ein paar Minuten oder eine Stunde. Spätestens am nächsten Tag ist es dann aber wieder da. Dieses Mal war es anders.

Unser Handy-Telefon ist auch unser Modem, unsere Tür zum Internet. Die hat in der Nacht vom Freitag auf den Samstag irgendwer zugeschlagen. In den Spätnachrichten hören wir, dass es in den USA eine Hacker-Attacke gegeben hat. Bei der sollen elektronische Geräte wie Sicherheitskameras so umprogrammiiert worden sein, dass sie gleichzeitig auf einen Server zugriffen haben, der eigentlich dafür verantwortlich ist, das Internet zu organisieren. Der ist dann abgestürzt, was alles lahmgelegt haben soll.

Zufall oder nicht, bei uns ist zur gleichen Zeit auch alles abgestürzt. Den ganzen Samstag über gab es keinen Empfang. Nur auf der 900-Frequenz konnten wir telefonieren. Unser Internet läuft aber auf der Frequenz 1.800. Auch bei den Nachbarn war nur das Telefonieren möglich.

Wir haben trotzdem unsere Antenne abgebaut. In der Hoffnung, irgendwo auf unserem Grundstück, an einem anderen Fleckchen ein Signal zu finden, haben wir uns schrittweise mit der Antenne fortbewegt. Nichts. Wir haben sie auseinander genommen, zusammengebaut und gesäubert. Auch das hat nicht wirklich geholfen. Am Sonntag haben wir dann plötzlich ein einsames Signälchen gefunden. Das war leider zu schwach. Nach wenigen Sekunden ist ihm schon die Puste ausgegangen.

Also sind wir weiter herumstolziert, mit der Antenne auf dem 15 Meter hohen Metallmasten. Keine leichte Aufgabe. Jede Bewegung hat die Antenne in Schwingung versetzt, hat Muskelkraft gefordert, um das Teil aufrecht zu halten.

Irgendwann haben wir aufgegeben, haben Mast und Antenne wieder an der alten Stelle installiert. Und siehe da, plötzlich hatten wir wieder Empfang. Wir sind wieder online.


Jahrelang haben wir ohne Strom und Internet fröhlich gelebt, ohne dass uns etwas gefehlt hätte. Und jetzt bringen uns zwei Tage ohne Anschluß an das weltweite Netz völlig aus dem Ruder. Auwei, wir sind Zivilisationsabhängig...