Montag, Januar 16, 2017

Stillstand im Regenwald

Die Hitze hüllt selbst die sonst so unermüdlichen Grillen und Zikaden in ein dumpfes Nichtstun ein. Keinen Mucks geben sie von sich.
Während die Sonne im Zenit steht schreit mich in dem sonst Tag und Nacht mit allerlei Geräuschen gefüllten Regenwald eine unheimliche Stille an. Kein Vogel bringt die Kraft für einen Pips auf. Keine Äste knacksen, keine Blätter wedeln und in mir ruft alles nach irgendeinem Zeichen, dass sich die Welt noch dreht.
“Hollerreiduljöh gugu. Leben wo bist du?”, rufe ich in die alles umschlingende Stille hinein. Ich höre, was ich rufe. Die Zeit-Raum-Kombination muss wider dem Anschein doch noch existieren.
Während sich Hund und Katz und alles Getier irgendwo an einem schattigen Plätzchen in dieser stillen Welt der Siesta hingeben, flüchte ich vor der sengenden Sonne ins Haus. Automatisch lande ich vor dem Regal mit den Musik-CDs. Bei gerade einmal 35 Quadratmetern Wohnfläche keine große Kunst. Ich könnte die unbewegte Luft mit ein wenig Musik anreichern, denke ich mir und schnappe mir den Haufen dieser in bunten Hüllen steckenden runden Scheiben. Adriano Gelentano ist der erste, der mir wenig später aus den Laptoplautsprechern seinen Liebesschmerz entgegen singt. Als Gegenpol gibt es im Anschlulß Queen on Fire, Live at the Bowl 1982.
Dann kommt Sissi Perlinger. Bei ihrem Song "Fliesen" muss ich laut lachen. Wie passend. Ich versehe gerade die geflieste Duschecke mit Mosaikquadraten, die ich gestern aus den vom Nachbarn weggeworfenen Fliesenresten geschnitten habe. Damit wird auch unser Bad ewig mit meiner Fliesenarbeit verbunden sein.
Auch wenn es drinnen längst nicht so heiß ist wie draußen, zieren Milliarden große und kleinste Schweißtropfen mein Gesicht, meine Arme und den Rest meines Körpers. An der Wirbelsäule treffen sich einige und sausen achterbahnartig die Kuhle hinunter bis sie in Hinternnähe vom Hosenbund aufgefangen werden, während meine Fliesenmosaikzierleiste langsam wächst.
Mit Seed schließe ich ab. Mein Bedarf an Ruhetöter ist für heute gestillt. Inzwischen steht die Sonne ein wenig tiefer, fangen die ersten Vögel wieder mit ihrem Geschwitzer, die Grillen mit ihrem Gezirpe und die Zikaden mit ihrem Geschrille an. Die Regenwaldwelt dreht sich wieder.

Dienstag, Januar 10, 2017

Invasion der Büffel


Ich habe mich an Gürteltiere gewöhnt, an Pacas (kleine Wildschweine) und selbst an Vipern und Pumas. Die Besucher von heute haben mich jedoch nervös gemacht. Plötzlich stand ein Dutzend schwarzgrauer Büffel vor mir und den Hunden. Schäferhündin Hanna war genauso verdutzt wie ich. Zum Glück wusste sie nicht recht, ob sie angreifen oder einen Rückzieher machen soll. Dank ihrer Denkpause konnte ich sie am Kravattl packen, bevor sie sich für einen Angriff entschieden hat.

Was machen diese Riesenhufer hier im Regenwald? Und vor allem, woher kommen sie? Nach einem Bad in Nachbars Fischteich, haben sie das Anwesen des nächsten Nachbarns gestürmt. Dann kamen wir an die Reihe.  Da waren Hanna und Luma schon sicher in ihrem Zwinger verwahrt. Die Katzen nicht. Mit riesigen Sätzen und weit aufgerissenen Augen sind sie vor den Hufen der riesigen Tiere Richtung Haus geflohen. Da saßen sie auf der Veranda, die Blicke auf die Büffel gerichtet, und ich mitten unter den Katzen.

Mir sind diverse Erlebnisse mit Kühen bei Bestandsaufnahmen zu Umweltstudien und auch bei Almwanderungen noch lebhaft in Erinnerung. Auch wenn ich ihnen immer freundlich begegnet bin, haben sie oft weniger freundlich auf mich reagiert. Ein paar Mal musste ich flüchten. Einmal habe ich mir dabei Jacke, Hose und Bein am Stachelzaun aufgerissen.

Und jetzt? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich machen soll. Ich könnte ja schreien. In mir aufsteigende Bilder von alles zertrampelnden Büffelherden auf den Savannen Nordamerikas halten mich davon zurück.

Vorsichtshalber nehme ich den an der Tür angelehnten Bambusstecken in die Hand. Frau weiß ja nie. Dann gehe ich Hirtenmadlähnlich langsam auf die Büffeltiere zu, die immer weiter bei uns Eindringen, in Richtung Haus stapfen.

Warum mache ich das? Ich denke nicht, hebe den Stock und kommandiere "Husch, Husch. Macht, dass ihr hier wegkommt". Sie schauen die mit dem Stecken fuchtelnde und in der seltsamen Sprache sprechende Frau träge an. Dann verstehen sie. "Husch, Husch" scheint ein Wort aus der Universalsprache zu sein. Sie zuckeln tatsächlich von dannen - in die falsche Richtung.

Sie machen sich auf den Weg zur asphaltierten Staatstraße. Noch einmal greife ich zum Telefon, rufe bei der Militärpolizei an. "Da können wir doch nichts machen, Senhora. Wir sind doch die Militärpolizei", sagt der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung. Das gleiche hat er auch schon bei meinem ersten Anruf gesagt, nachdem mich die Umweltpolizei (Polícia Florestal) aufgeklärt hatte, dass ich doch den Besitzer anrufen sollte. Wenn ich wüsste, wem die Tiere gehören, hätte ich das schon längst getan. "Na, dann rufen sie doch beim Umweltsekretariat der Gemeinde an oder bei der PM, der Polícia Militar", so der Herr von der Umweltpolizei.

Bei meinem zweiten Anruf bei der PM beharre ich. "Es wird gefährlich", sage ich. Ich will mir gar nicht ausdenken, was passiert, wenn auf der kurvigen Staatstraße ein Motorradfahrer in die Büffelherde knallt. Irgendwann gibt der Polizist auf. Da höre ich es schon von weither hupen. Das Dutzend hat die Staatsstraße erreicht. "Ich werde sehen, was wir machen können", sagt der Polizist.

Ich lege auf und laufe zur asphaltierten Straße vor. Die Herde ist nicht mehr zu sehen. Nur ihre Spuren, die sind auf dem Asphalt erkennbar. Sie marschieren in Richtung Rio do Nunes, ein beliebter Badeplatz an einem unweit gelegenen Bergbach. Wer weiß, vielleicht treffen sie ja dort auf Polizisten.

Warum es hier Büffel gibt
Vor 30 Jahren haben sie versucht, an der nördlichen Küste von Paraná Büffel zu etablieren. Der Fleischmarkt und die Aussicht auf gutes Geld waren die Triebfedern. Rentiert hat es sich in unserer Region nicht wirklich. Dann kam auch die APA, eine Art Landschaftsschutzgebiet. In dem sollten Büffel nichts zu suchen haben. Einzelne Tiere werden in unserem Munizip dennoch weiter gehalten. Von Herden war mir bisher aber nichts bekannt.

Auch unser Sítio war einst eine Büffelweide. Bis sie alles soweit zertrampelt hatten, dass nichts mehr wuchs und selbst nahrhaftes Gras ausblieb. Die damaligen Besitzer, zwei Agronomen, haben aufgegeben und ihr Anwesen stückweise verkauft. Das ist knapp 30 Jahre her. Die ehemaligen Weiden blieben sich selbst überlassen.

An den Hanglagen hat sich nach und nach der Atlantische Regenwald wieder ausgebreitet. Anders als auf der Nordhalbkugel dauert es nur wenige Jahre, bis eine Fläche wieder mit 15 Meter oder noch höheren Bäumen bestanden ist. Nicht so dort, wo die Büffel hausten. Vor allem in den feuchteren Niederungen hatten es die Bäume schwer, wieder Fuß zu fassen.

Dort sind die Spuren der tonnenschweren Büffel auf unserem Grundstückes immer noch vorhanden: Extrem verdichteter Boden, Kuhlen und Trittwege. Ein zerstörter Boden. Beim Pflanzen von Bäumen heben wir große Gruben aus, bestücken sie mit neuer Erde und Kompost und hoffen, dass die Wurzeln es schaffen werden, sich den Boden zurückzuerobern. Schön langsam wird es, wächst nach drei Jahrzehnten auch der Niederungsbereich langsam wieder mit Wald zu.

Montag, Januar 09, 2017

Superman-Spinne fängt Moskitos

Aranha da Mata Atlântica

Ich mag sie eigentlich nicht, die Spinnentiere, zumindest nicht im Haus oder in meiner Nähe. Aber die hier finde ich schon faszinierend. Sie hat neben dem Bambusbrunnen zwischen den Blättern einer Bromelie und eines Glücksbambus mit ihren klebrigen Fäden eine Falle gebaut. Jetzt hängt sie mit ihrem braunen Superman-Umhang regungslos dazwischen und wartet geduldig darauf, dass sich Futter darin verfängt. Ich hoffe, es werden Moskitos sein, die versuchen in den vergänglichen Pfützchen am Brunnenfuß ihre Eier abzulegen. Keine Angst, in den Pfützchen wachsen keine Mückenlarven heran. Bei 35 Grad trocknen sie ruckzuck weg.

Sonntag, Januar 01, 2017

Trockenes Regenwaldsilvester

Ich wünsche euch allen: 


Bei uns ist der Regenwald zum ersten Mal seit acht Jahren in der Silvesternacht trocken geblieben. Der Regen kam schon am Nachmittag in Form eines Gewitters. Danach war Ruhe, unsere regenwäldliche Silvesterruhe. Nur in der Ferne haben sie irgendwo ein paar Raketen in den Himmel geschossen, während wir mit Grillen, Zikaden und Nachtvögeln in aller Stille das neue Jahr begrüßt haben.

Jetzt hoffe ich, dass 2017 uns allen jede Menge Positives bringt!

Freitag, Dezember 23, 2016

Weihnachtsrasen




Früher hätte ich gesagt, kaum ist Weihnachten rum, schon lacht Ostern. Jetzt hat sich Ostern aufgelöst, überrannt von der staaden Zeit. Weihnachten hat sich selbst überholt. Bevor es auch nur annähernd rum ist, steht es schon wieder vor der Tür.
Wo ist die Zeit dazwischen hin? Was habe ich gemacht an den 366 Tagen, die es dieses Mal waren, die angeblich ein Weihnachten von dem anderen getrennt haben?
Ich werde mich an eine kleine, keineswegs vollständige Auflistung wagen.
In der Weihnachtszwischenzeit habe ich
  • 732 mal mit den Hunden im Wald einen Gassispaziergang eingelegt.
  • 52 mal einen Ausflug in die Stadt unternommen, um Gemüse, Nudeln, Milch und Klopapier zu kaufen. Weil ich ja nicht alles in einem Laden kaufe, wäre ich damit mindestens einhundertmal an einer Kasse gestanden.
  • 130 mal Wäsche gewaschen, mit meiner neuen Wäscheumwälzmaschine. Ein einfaches, aber tolles Teil, mit dem ich das Waschbrett in den Ruhestand schicken konnte - dem Anschluß an die öffentliche Wasserversorgung im Januar sei Dank. Der hat uns allerdings einiges an Arbeit gekostet. Weil der Druck zu ungleichmäßig und groß ist, hat es uns etliche Male im und rund ums Haus die Leitung zerrissen. Jetzt haben wir die Plastikrohre dank Geraldos Tipp durch einen Hochdruckschlauch ersetzt.
  • 365 mal morgens aus der Hängematte herausgeblinzelt. Nur einmal, da war es so kalt, dass ich zu Alessandro ins Bett gekrochen bin, um mich aufzuwärmen. Danach haben wir beschlossen, einen geziegelten Ofen zu bauen. Der war auch prompt fertig, als es wieder wärmer wurde. Der Frost hat indes etlichen der Bananenstauden, dem Abiu-Baum, der Taioba und den Maña-Cubiu arg zugesetzt. Einige von ihnen mussten wir umschneiden und zu Kompost verarbeiten.
  • 300 mal mit Yoga Körper und Geist verwöhnt und zweimal dabei das Kreuz verrissen.
  • 17 mal Schwammerl geerntet. Auf präparierten Eukalyptusstämmen gewachsene Shitake, auf Spezialpräparat gesprossene brasilianische Austernseitlinge und braune Austernseitlinge zu leckerer Schwammerlsuppe mit Semmelknödel verarbeitet und mich damit in die Heimat zurückgesetzt gefühlt.
  • 102 mal Riesenechsen, Schmetterlinge, Raupen, Jacu, Sperber, Perigitos (kleine Papageien), Schlangen und anderes Getier fotografiert. Dank Milena werden die Fotos jetzt auch schärfer. Sie hat uns ihre alte Digitalkamera überlassen. Die ist blöderweise nicht immer zur Hand, wenn wir mal wieder Naturwunder betrachten, wie die kleine Bande Kapuzineraffen (Macaco prego), die sich hoch oben in den Baumwipfeln über die Bromelienherzen hergemacht hat. Alessandro hatte zuerst nur den Lärm vernommen, brechende Zweige, tropfendes Wasser, raschelnde Blätter. Dann hat er die schwarzen und braunen Affen entdeckt. Kurz später sind wir wie die Kinder unter den Bäumen gestanden, um die macacos beim Verspeisen der Bromelien zu beobachten. Es war das erste Mal, dass wir hier bei uns Affen zu Gesicht bekommen haben. Von ihnen herunter geworfene, ausgezutzelte Bromelienblätter habe ich indes schon öfter zu Hauf auf dem Waldboden entdeckt.
  • dreimal die Suçuarana (Puma) rufen gehört, leider aber nicht gesehen.
  • achtmal Bambus umgeschnitten und einen kleinen Vorrat angelegt, der schon wieder verschwunden ist, in Pergola, Blumentöpfe, Elemente für Hundezwinger, Bambusbrunnen, Plakatwand (Outdoor) und Lampen verwandelt. Als nächstes steht die Bambussprossenernte an. Dieses Mal will ich über Elianes Kooperativen-Fabrik ein paar von ihnen zu Konserven verarbeiten und an hiesige Restaurants verkaufen.
  • 18 mal Baumaterial eingekauft, zwei Holzschiebefenster gesägt, zusammen gebastelt, eingebaut und eins von ihnen probeweise orange, blau und weiß angemalt und ein bißchen Bunt in unser grünes Meer gebracht. Angefangen, einen neuen Sitzplatz neben dem Haus anzulegen. Dutzende Fliesenreste in kleine Quadrate geschnitten und ein Mosaik für die Küchenzeile an die Wand gezaubert. Die Küchenzeile selbst werde ich im nächsten Jahr bauen.
Wie das alles zwischen Weihnachten und Weihnachten hinein gepasst hat, ist mir ein Rätsel. Irgendwie waren wohl die kleinen Zeitgeister am Werk.
Egal.

Bevor ich es wieder verpasse, weil ich mich auch nach 12 Jahren noch nicht an warme Weihnachten gewöhnt habe, wünsche ich euch allen jetzt erst einmal 

ein wunderschönes Weihnachtsfest! 
Lasst es euch gut gehen und genießt das Leben!

Mittwoch, November 23, 2016

Kefir im Regenwald

Kefir-Kultur im Regenwald
Jetzt sind sie auch hier im Regenwald angekommen, die Bakterien aus dem Kaukasus. Wahrscheinlich haben sie Millionen von Umwegen genommen, bevor sie an der Südküste den Weg Richtung Bambueiro eingeschlagen haben. Letzterer ist Eliane zu verdanken, deren Chácara einen guten Kilometer von unserer entfernt ist.

Sie hatte Fotos von ihrem Kefir in Facebook gepostet und zack haben sich hunderte Interessenten bei ihr gemeldet. Ich war schneller, habe gleich zugesagt, als mich Eliane neulich gefragt hat, ob ich denn eine "Kefirspende" wolle.

Jetzt stehen die Kaukasusbakterien auf dem Tisch mit Blick auf die rund um das Häuslein wachsenden Palmen und arbeiten fleissig vor sich hin.

Sie sind so fleissig, dass ich mir heute schon den ersten mit Pfirsich gemixten Kefir gegönnt habe. Leckere Sache. Ich freue mich schon auf das Vermischen mit unseren Regenwald- und Obstwiesenfrüchten.

Kaum kann ich es erwarten, bis die Jabuticabas reif sind, schwarze, kleine direkt am Baumstamm wachsende Früchte, die mit dem Kefir mit Sicherheit eine traumhafte Schlemmermischung ergeben.

Der Milchkefir erinnert mich an die gestöckelte Milch, die meine Oma immer getrunken hat, und auch ein wenig an die im Sommer auf Almen stets genossene, frische Buttermilch. Habe heute schon davon geträumt, wie ich auf der Himmelwiesenalm auf der Bank sitzend, mit dem Rücken an der Hütte angelehnt, in die Sonne blinzelnd frischen Kefir getrunken habe. Der Senner war wenig begeistert, er hätte mir lieber seine Buttermilch verkauft.

Montag, November 21, 2016

Gelber Rüsselkäfer im Zeitlupentempo


Nanu, was ist denn das für ein gelber Klecks, der sich da im Zeitlupentempo auf dem Blatt bewegt? Ohne Brille konnte ich das Tier nicht wirklich einstufen. Bin zurück zum Haus gelaufen, um meine Sehhilfe zu holen. Bis ich wieder zurück kam, hatte der Zeitlupenkäfer zu meinem Glück kaum seine Position verändert.

Ich habe ihn gleich einmal fotografiert. So ein seltsamer Käfer wie er, ist mir bisher hier im Regenwald noch nicht unter gekommen. Da ist mir eine ganz persönliche Premiere im Reich der tausend großen und kleinen Käfer gelungen. So viele verschiedene habe ich hier schon gesehen: bunt getupfte, gestreifte, knallrote, gelbe, schwarze Käfer. Diesen sich so langsam bewegenden Rüsselkäfer bin ich bisher indes noch nie begegnet.

Wie er heißt? Keine Ahnung. Er ist einer von den weltweit 350.000 Käferarten und den geschätzten 30.000 verschiedenen Käferarten, die es in Brasilien gibt....

Ihr werdet es nicht glauben. Aber heute, einen Tag später, ist der gelbe Käfer immer noch auf dem gleichen Platz gesessen wie gestern.

Donnerstag, November 17, 2016

Ansturm der Libellen



Angezogen von den Fischteichen der Nachbarn und unserem Sumpf gibt es das ganze Jahr über Libellen. Jetzt im Frühjahr schwirren sie verstärkt herum. Das zweite Libellenhoch fällt auf dem Spätsommer. Dann geben andere Libellenarten den Ton an. Auch im Winter und Herbst umfliegen sie Feuchtstellen und Gewässer.

Die Pinkfarbenen habe ich heute nicht gesehen. Auch Plattbauchähnliche, dunkle, schwarze Libellen waren nicht dabei. 

Sie bevorzugen wohl eine andere Jahreszeit. Es ist mir noch nicht gelungen, sie zu bestimmen. Ich weiß auch gar nicht, ob es einen Schlüssel für die brasilianischen Libellen gibt. Mit Fotos alleine ist es nicht getan. Schlappe 1.200 verschiedene Libellenarten sollen in Brasilien vorkommen.

Von den Einheimischen werden sie kaum beachtet. Manche nennen sie Hubschrauber, manche sagen Zick-Zack zu ihnen. Das war dann aber auch schon das höchste an Aufmerksamkeit, die sie den Flugkünstlern zukommen lassen.

Ihre Larven fressen so ziemlich alles, was sich bewegt, Kaulquappen, frisch geschlüpfte Fischlein und auch Mückenlarven. Manchmal sind Seggen und Juncus am Rand der Teiche voll mit leeren Larvenhäuten. Heute habe ich nur eine gefunden, eine besonders große. Ob sie der großen Libelle gehört, die der mitteleuropäischen Königslibelle so gleicht? Eine solche habe ich heute auch herumfliegen sehen. Ich war aber zu langsam, um sie zu fotografieren. Immer dann, wenn ich abdrücken wollte, ist sie einfach ruckzuck abgeschwirrt.
Als vor einem Jahr bekannt wurde, dass eine Zika-Erkrankung während der Schwangerschaft zu Mikrozephalie beim Ungeborenen führen kann, ist auch eine kleine Libellenhysterie ausgebrochen. Plötzlich wurden überall Säckchen mit Samen von Crotalária juncea ausgeteilt. Die gelbblühende Leguminose soll Libellen anziehen. In der Landwirtschaft wird sie zur Gründüngung eingesetzt. Jetzt sollte die Bevölkerung sie aber in ihren Gartenbeeten in Siedlungen anbauen.

Der Bengalische Hanf (Crotalaria juncea) wird allerdings fast zwei Meter hoch, wächst strauchartig gagelig (auch wenn er nur eine einjährige Pflanze ist) und verbreitet sich leider auch ziemlich schnell vor allem auf gestörten, offenen Böden. Ein paar der Crotalaria-Arten und Unterarten sind zwar in Brasilien heimisch, aber eben nicht in allen Biomen. Crotalaria juncea kommt im trockenen Nordosten Brasiliens natürlich vor. Wir leben hier im feuchten Süden. Nein, ich habe keine Crotalaria angebaut. "Unsere" Libellen kommen auch ohne sie.



Mittwoch, November 16, 2016

Sommer-Skibrillen-Rätsel

Manchmal dauert es, bis mein Hirn warm läuft, bis es dechiffriert, was ihm meine Augen vorlegen. Da steht "Skibrillen und neue Brillen". Es könnte auch "Sko"-Brillen heissen. Das würde jetzt nicht den geringsten Unterschied machen, weil es für meine Hirnzellen einfach nicht den geringsten Sinn ergibt.

Mein HIrn fragt sich: "Was sind "S-k-i"- oder "S-k-o"-Brillen? Es ist sich sicher, dass dahinter eine neue Mode stecken muss. Vielleicht sind es besonders eckige Sehhilfen. Durch das "S", gefolgt vom "k", bildet sich ein härterer Laut. Ja, es müssen Brillen sein, die Härteres vermuten lassen, die nach Durchsetzungskraft und nach einem russischen oder polnischen Design aussehen. Eine neue Wortschöpfung oder eine Abkürzung für "Super coole Idee" oder ähnliches. Dann würde es aber Sci-Brillen heißen.

Die Neutronenverbindung läuft weiter und hält bei "Plaste und Elaste aus Skopau" kurz an. Das Schild hat mal über der ehemaligen DDR-Autobahn geprangt, die die aus dem eisernen Vorhang hervorstechende Insel Berlin mit Westdeutschland verbunden hat. Viermal bin ich unter dem Schild durchgefahren. Nein, es war nicht Sk-opau. Es war Schkopau.

Schkopau-Brillen. Die wären wahrscheinlich wegen der Plaste und Elaste eher formbar, rund und weich.

Das "Ski-Sko-Ska" jagt die Gehirngänge entlang. Irgendwo muss die passende Andogstelle sein. Ich bin nah dran. Vielleicht handelt es sich um ein Schki, wie Schkopau, nur eben mit Schki und ohne opau. Das ergibt nur nicht wirklich einen Sinn.

Irgendwie kommt mir das "S-k-i" bekannt vor. Ich weiß es, da war was. Es will mir nur partout nicht einfallen, was es mit diesem seltsamen Wörtchen auf sich hat.

Was war das für eine Farbe, die da irgendwo in den Gehirnwindungen aufgeblitzt ist? Langsam sickert es durch. "S-k-i" muss mit Weiß verbunden sein. Weiße Brillen. Ob das der letzte Modeschrei ist, ein weißes Ding auf der Nase zu tragen? Warum heißen sie dann aber nicht "Weiß-Brillen"?

S-k-i und Weiß, da war noch was, etwas, das lange zurückliegt. Es muss irgendetwas mit meiner Kindheit und Jugend zu tun haben. Mein Hirn kommt langsam in Schwung und zaubert Bilder von Bergen hervor, vom Mesnerhang, der nur ein paar Gehminuten von unserem Haus entfernt lag. Kaum einen Nachmittag haben wir im Winter ausgelassen, um dort Schi zu fahren. Manchmal gab es sogar aufregende, nächtliche Flutlicht- und Mondfahrten.

Da ist die Verbindung. "Schifahren" muss etwas mit S-k-i-Brillen zu tun haben. Dann sickert es durch, bahnt sich seinen Weg durch das Weiß, durch das englische, portugiesische und spanische Sprachenzentrum in meinem Hirn, schiebt sich der deutschsprachige Bereich in den Vordergrund.  "Ski" ist "Schi". Logisch, es sind Schibrillen, Skibrillen eben. Sowas.

Da hätte ich auch früher draufkommen können. Nur mein Hirn war gerade nicht auf Winter eingestellt. In dem macht sich von Tag zu Tag mehr der bevorstehende, brasilianische Sommer breit, in dem der Kauf von Skibrillen nicht gerade einen wirklichen Sinn ergibt.

Bild vom aufgehängten Mond


Hier das versprochene Bild vom aufgehängten Supermond...

Dienstag, November 15, 2016

Aufgehängter Supermond

Na, habt ihr euren Supermond gesehen? 

Am Brandenburger Tor war er und auch in Rom und wahrscheinlich ebenso über der Bourbon Street.
Und hier?

Hier hat es den ganzen Tag geregnet, und nachts auch. 

Warum regnet es eigentlich immer, wenn der Mond super wird, wenn Meteoritenregen erwartet werden oder der Mars gerade mal extra nah ist?

Fast hatte ich mich schon damit abgefunden, dass ich jetzt mal eben 18 Jahre warten muss, bis der Mond der Erde wieder so nah ist, wie heute, schlappe 30.000 Kilometer näher als sonst.

Dann ist es draussen plötzlich doch heller geworden. 

Da stand er, hat durch ein Wolkenloch hindurchgelugt. Vor lauter Aufregung bin ich beim Rauslaufen beinahe auf eine der Katzen getreten. Ich musste mich ja beeilen, damit ich ihn noch erwische, bevor er wieder hinter den Wolken verschwindet. 

Und das ist dann bei der Fotojagd heraus gekommen: ein aufgehängter Supermond....

das Foto gibt's leider erst später, weil mein Netz mal wieder schneckt und das Bild nicht lädt... deshalb wird's halt eine Supermond-Serie, die genau beim spannendsten Teil eine Pause einbaut...

Montag, Oktober 24, 2016

Ohne Internet

Freitagabend ging plötzlich nichts mehr. Es kommt durchaus vor, dass unser Telefon mal ohne Empfang ist. Oft dauert das nur ein paar Minuten oder eine Stunde. Spätestens am nächsten Tag ist es dann aber wieder da. Dieses Mal war es anders.

Unser Handy-Telefon ist auch unser Modem, unsere Tür zum Internet. Die hat in der Nacht vom Freitag auf den Samstag irgendwer zugeschlagen. In den Spätnachrichten hören wir, dass es in den USA eine Hacker-Attacke gegeben hat. Bei der sollen elektronische Geräte wie Sicherheitskameras so umprogrammiiert worden sein, dass sie gleichzeitig auf einen Server zugriffen haben, der eigentlich dafür verantwortlich ist, das Internet zu organisieren. Der ist dann abgestürzt, was alles lahmgelegt haben soll.

Zufall oder nicht, bei uns ist zur gleichen Zeit auch alles abgestürzt. Den ganzen Samstag über gab es keinen Empfang. Nur auf der 900-Frequenz konnten wir telefonieren. Unser Internet läuft aber auf der Frequenz 1.800. Auch bei den Nachbarn war nur das Telefonieren möglich.

Wir haben trotzdem unsere Antenne abgebaut. In der Hoffnung, irgendwo auf unserem Grundstück, an einem anderen Fleckchen ein Signal zu finden, haben wir uns schrittweise mit der Antenne fortbewegt. Nichts. Wir haben sie auseinander genommen, zusammengebaut und gesäubert. Auch das hat nicht wirklich geholfen. Am Sonntag haben wir dann plötzlich ein einsames Signälchen gefunden. Das war leider zu schwach. Nach wenigen Sekunden ist ihm schon die Puste ausgegangen.

Also sind wir weiter herumstolziert, mit der Antenne auf dem 15 Meter hohen Metallmasten. Keine leichte Aufgabe. Jede Bewegung hat die Antenne in Schwingung versetzt, hat Muskelkraft gefordert, um das Teil aufrecht zu halten.

Irgendwann haben wir aufgegeben, haben Mast und Antenne wieder an der alten Stelle installiert. Und siehe da, plötzlich hatten wir wieder Empfang. Wir sind wieder online.


Jahrelang haben wir ohne Strom und Internet fröhlich gelebt, ohne dass uns etwas gefehlt hätte. Und jetzt bringen uns zwei Tage ohne Anschluß an das weltweite Netz völlig aus dem Ruder. Auwei, wir sind Zivilisationsabhängig...

Freitag, Oktober 21, 2016

Mit Guns N' Roses gegen Schrillzikaden

Wer den Singzikaden den Vorsatz mit dem Singen zugedacht hat, hat wahrscheinlich noch nie nur ein paar Meter weit entfernt von diesen gesessen. Sie schrillen und das mit einer Megaphonkraft, die durchaus mit dem Lärm eines Schwerkraftlasters zu vergleichen ist.

Irgendwo über der Tür sitzt ein Vertreter der schallausbreitenden Insekten und gibt lauthals seinen Sitzort bekannt. In seinem mit dem "Trommelorgan" erzeugten Geschrille gehen sämtliche anderen Geräusche unter.  Sie schrillt was das Zeug hält.

Wie war das mit der Stille in den Regenwaldnächten? Wenn ich sie nur finden würde, dann könnte ich ihr mal meine Meinung sagen. Allein, ich finde sie nicht. Die Katzen helfen mir bei der Suche auch nicht wirklich. Wahrscheinlich sind sie von der Beschallung, so wie ich, auch schon am Ende ihrer Nerven. Dabei ist noch nicht einmal Sommer. Dann legen sie erst richtig zu, treffen sich zum gemeinsamen Schrillen.

Ich versuche, das Insekt mit "Don't cry for me Argentina" zu beeindrucken, mit dem Ergebnis, dass die Zikade noch eins drauflegt. Vielleicht sollte ich es mit Guns N'Roses versuchen oder mit "Stairway to heaven".

Jetzt hat sie den Platz gewechselt, führt ihre Arie auf der anderen Hausseite neben dem Fenster fort.

Bitte, liebes Tierchen, hab' Einsehen.... H I L F E

Donnerstag, Oktober 20, 2016

Watschn für Stadträte

Die Wahl ist immer noch Gesprächsthema Nummer Eins. In einigen Städten Brasiliens gibt es eine Stichwahl unter jeweils zwei Bürgermeisterkandidaten. In Antonina wird ab Januar ein Zahnarzt das Regent führen. Gesprächsthema ist aber mehr der Ausgang der Stadtratswahl. Von den elf bisherigen Stadträten hat es nur ein einziger geschafft, wieder gewählt zu werden. Alle anderen haben eine Watschn erhalten.

Irgendwie hatten die Antoninensen die Schnauze voll von der alten Riege, die sich seit Jahren immer wieder hat wählen lassen, deren Väter, Brüder und Onkel auch schon Stadtrat waren. Absprachen hat es vorher keine gegeben. Keine Debatten, nix war bekannt geworden. Instinktiv haben einfach alle kollektiv anders gewählt als sonst. Selbst diejenigen, die eigentlich als beliebt und ehrlich galten, hat es erwischt, sind dieses Mal außen vor geblieben.

Erstmals sind gleich zwei Frauen in der "Câmara de Vereadores" Antoninas. Ein Novum in der von Männern dominierten Kommunalpolitik.

Eine von ihnen hat mit knapp 500 Stimmen die höchste Stimmenzahl erreicht. Ihr Mann war ein paar Wahlperioden hintereinander schon Stadtrat gewesen. Seine Beliebtheit hatte er allerdings seiner Frau zu verdanken, die sich seit Jahren erfolgreich für eine Vereinigung der Landbewohner einsetzt und dafür, dass die Landmenschen in Paranaguá und Curitiba medizinisch versorgt werden. Einige werfen ihr vor, dass sie Nachbarn, Bekannte und Freunde in die beiden Städte fährt. Sie sehen das als Korruption an, weil sie sich damit beliebt macht und Stimmen sichert. Ob sie aus Nächstenliebe handelt oder nicht, weiß ich nicht. In die eigene Tasche greifen musste sie für die Fahrten bisher jedenfalls nicht. Die konnten vielmehr als Tagesreisen über das Vereadorsamt ihres Mannes abgerechnet werden.

Andererseits ist es gerade für die Landbevölkerung schwer, in die Städte zu gelangen. Es sind umständliche Tagesreisen, die mit dem Bus teuer sind. Überhaupt einen Untersuchungstermin in den großen Krankenhäusern Curitibas zu erhalten ist nicht einfach. Ohne die Hilfe der neugewählten Stadträtin, müssen die Bewohner der kleinen Landsiedlungen zuerst ein Attest vom Arzt holen, der einmal in der Woche zum Gesundheitsposten kommt, wenn er denn kommt. Mit dem Attest müssen sie nach Antonina fahren und zur nachtschlafenen Zeit Schlange stehen, nur um einen Untersuchungstermin auszumachen. Der kann oft in weiter Ferne liegen und erst Monate oder ein Jahr später gewährt werden, weil die Listen meistens elends voll sind. Wer das Wohlwollen der neuen Stadträtin hat, kann schneller mit einem Termin rechnen, muss dazu nicht nach Antonina fahren und erhält auch noch eine Mitfahrtgelegenheit mit irgendenjemanden. Wer für sie gestimmt hat, weiß, er kann auf ihre Hilfe zählen. Wer sich nicht diesem System der Hilfe einlassen will, muss warten.

Ob sich daran mit einem Zahnarzt als Bürgermeister etwas ändern wird, ist fraglich. Die Strukturen sind festgefahren und die Landbevölkerung ist schnell vergessen. Immerhin hat die ungewöhnliche Wahl aber gezeigt, dass die Antoninensen Veränderungen wollen. Das ist ja auch schon ein Anfang.

Montag, Oktober 17, 2016

Super-lua Mondparfüm


Weil der Mond derzeit näher an der Erde steht, erscheint er
heller und größer als üblich. Sie nennen das "Super lua".
Der Mond steht im Widder, und es ist ein Supermond, sagt Alessandro. Der Mond ist im Portugiesisch weiblich, "a lua", die Mondin. Am Sonntag war sie eine "Super lua". Weil sie derzeit näher an der Erde steht, erscheint sie um Etliches größer als normal und strahlt dreimal heller als sonst.

Araça-Blüten hüllen nachmittags und nachts alles mit
ihrem herb-würzigen Duft ein.
Nach Tagen des Regens ist der Sonntag plötzlich mit strahlendem Sonnenschein und 32 Grad gekrönt. Das Wetter hält bis zum Abend. Nach Sonnenuntergang schauen wir Mond. Wir stehen oben am Waldweg und bestaunen, wie er sich langsam den Himmel erobert. Hinter uns zeichnet er unsere Schatten-Silhouetten auf den Weg.

Auf dem Rückweg von unserer Mondexkursion zum Haus umschmeichelt uns der Duft der Araça-Blüten. Ein herb-würziger Duft, den die Blüten nachmittags ab 16.30 Uhr freigeben, wenn die Sonne sich schon Richtung Horziont neigt. Sie sind meine Blumenuhr. Bis Mitternacht duften sie, dann spielen sie bis zum nächsten Nachmittag wieder Aschenputtel, verschwindet ihr Zauber für eine Weile.

Nur eine Stunde später ist der Himmel zugezogen, kündet ein Grummeln ein Nachtgewitter an, das sich wenig später mit aller Gewalt über unser Häuschen ergießt.