
Bambuskinderstube
Von den 50 Samen die ich vor drei Wochen gekauft habe, sind nach zwei Wochen schon etliche aufgegangen. 22 zarte Pflänzlein von Guadua chacoensis, einer in Südbrasilien einheimischen Bambusart, die bis zu 25 Meter hoch wird und einen Durchmesser von etwa 12 bis 15 Zentimeter hat. Die Wände dieser Art sind sehr dick, so dass sich daraus eine Art Latten machen lässt und ein Laminat. Genutzt wird sie auch zum Bau von Häusern und Baugerüsten.
Bis wir die ersten Bambusstäbe von den Pflänzlein ernten können, dauert es aber noch mindestens drei Jahre.

Matschweg zu unserem Hüttlein...

Auf jeden Schritt muss geachtet werden. Nicht nur wegen der Gefahr auszurutschen. Alessandro wäre gestern beinahe auf eine Schlange getreten. Angesichts des schwarzen Etwas, das da auf sie zukam, hat sie vorher aber schnell noch das Weite gesucht.

Mit zwölf Jahren habe ich absolut nicht begriffen, für was Physik unterrichtet werden muss. Wir haben so tolle Versuche gemacht, wie die Oberflächenspannung von Wasser mit Spüli aufzulösen. Dass das funktioniert, hatten wir Kinder schon längst vorher selbst festgestellt. Bei unseren Versuchen am Bach mit dem Wasserschlauch hatten wir auch herausgefunden, dass das Wasser an beiden Enden immer gleich hoch sein wird, egal, wie du den Schlauch hältst. Warum sollte ich also das Ganze noch einmal in der Schule lernen, wo die doch dazu da sein sollte, mir neue Dinge beizubringen. Das hatte ich damals auch ganz entrüstet unserem Physiklehrer erklärt. Daran musste ich am Montag denken, als Alessandro und Renato die Höhen für die Lehre festgelegt haben. Mit einem Schlauch voll Wasser, einem Stift und ein paar eingeschlagenen Ästen.
Wäre der Sand nicht ausgegangen, hätte Renato noch am Montag die restlichen Punktfundamente gemauert. So musste er bis Dienstag warten und darauf, dass wir einen Teil des Sandes über die Schlammpiste zum Grundstück gebracht haben. Danach ging es ruck zuck. Grundgerüst ausgelotet und festgenagelt. Bretter für die Wände dran genagelt. Und schon sah das ganze nach Hüttlein aus:

Damit Renato wusste, wo er Lücken für die Fenster lassen soll, habe ich ihm schnell eine kleine Skizze gemalt. Auf eine leere Klopapierrolle. Ich hatte sonst gerade keinen anderen Zettel zur Hand.

Ein bisschen anders, als ich es wollte, ist es geworden, unser Hüttlein. Egal. Es funktioniert auch so und soll ja nur als Übergang dienen. Nach der Regenzeit, werden wir versuchen, bei ein paar Nachbarn Bambus zu ernten, zu behandeln und zu trocknen, um dann im brasilianischen Winter, in der Trockenzeit, ein richtiges Häuslein zu bauen. Das aus Bambus und Lehm. Bis dahin werden wir mit 12 Quadratmetern zurecht kommen.
Bisher habe ich immer sehr ausschweifend gelebt, was den Platz anbelangt. Haus oder grosse Wohnung mussten es sein. Ich weiss aber auch, mit wenig zurechtzukommen, wie ich vor vier Jahren festgestellt habe, als ich mich lediglich mit Rucksack und Koffer auf ein neues Leben eingelassen habe. Ich habe das damals weniger als Einschränkung, sondern mehr als Bereicherung empfunden. Es ist schon erstaunlich, wie wir Menschen uns an verschiedene Situationen anpassen können und wie das sogar Spass machen kann. Wir müssen uns nur darauf einlassen. Die nächste Herausforderung heisst deshalb, mit wenig Platz zurecht zukommen.
Neben dem Hüttlein wird es aber auch noch einen kleinen Stadel geben und jede Menge Freigelände und ein angenehmes Klima, bei dem wir nicht so auf das Drinnensein angewiesen sind, wie es in Deutschland der Fall ist. Es ist also halb so schlimm.
Das mit dem Wasser und Strom haben wir noch nicht wirklich gelöst. Wenn wir erst einmal in dem Hüttlein sind, werden wir auch das in Angriff nehmen. Bis wir eine Lösung gefunden haben, gibt es ein Gaslämplein, Trinkwasser aus dem Supermarkt und Duschen bei der Schwiegermutter, im 10 Kilometer entfernten Städtlein.
"Zurück zur Steinzeit", hat meine Ma unsere vorerst künftige Wohnform tituliert. Ich sehe es eher als ein "Vorwärts in die Moderne". Weg von den konventionellen Wegen, frei von Ballast, hin zu einem fast autonomen Leben und vor allem einem mehr umweltverträglicheren Leben.
Ich weiss, es ist ein Privileg, morgens von Vogelgezwitscher geweckt zu werden, das eigene Land bestellen zu dürfen, Tomaten, Kartoffeln, Salat für den eigenen Gebrauch anzubauen und nebenbei noch am eigenen Projekt zu basteln. Unserem Bambusprojekt.
"Lieber barfuss zum Strand, als mit dem Merzedes ins Büro", werde ich jetzt zwar nicht mehr sagen können. Dafür wird es heissen: "Lieber von Vogelgezwitscher geweckt, als vom Wecker erschreckt"....