Dienstag, September 20, 2016

Verschlungene Bäume im Zauberwald

Alles ist miteinander verbunden. Ein Baum reckt seine Äste in die Krone des nächsten. Rankende Pflanzen umschlingen Stamm und Zweige klettern zum Nachbarn. Es ist ein Netzwerk der besonderen Art, das überall und jedem Lebensraum bietet.

Tausendmal kann ich an der gleichen Stelle vorbei laufen und jedesmal präsentiert sie sich in einem neuen Kleid, mit neuen Details. Moose wachsen im Eiltempo, bilden einen grünen Reliefteppich aus Samt an allem, was sich ihnen als Unterlage anbietet.

Er ist mein Zauberwald. Er spendet uns Kühle und ein ausgeglichenes Klima, sorgt für Sauerstoff und für Regen, bindet CO2 und beruhigt Geist und Körper.

Den auf "unserem" Grundstück befindlichen Wald haben wir als "remanescente" ausgewiesen, als Fläche für den Klimaschutz, die mit all ihren Bäumen und Wesen erhalten bleiben muss. Könnte ich, würde ich auch den Wald der Nachbarn als Schutzfläche ausweisen, um sicher zu stellen, dass der Rest des Atlantischen Regenwaldes nicht weiter den Kettensägen und unbedachten Egoisten zum Opfer fällt.

Montag, September 19, 2016

Fauchender Rhinozeroskäfer zu Besuch

Seit wir Strom im Haus haben, haben wir neue Gäste. Vielleicht haben wir die riesigen Käfer vorher nur nicht gesehen, weil es ohne elektrisches Licht vor der Haustür ein wenig dunkel war. Ich glaube aber, dass sie sich vorher von unserer doch schwächeren Gasfunzel und dem Kerzenschein nicht wirklich angezogen gefühlt haben. Jetzt sind die Fenster nachts mit einigen Watts erhellt. Mit einem Brummen und Platsch fliegen sie dagegen, um kurz später einen erneuten Anlauf zu unternehmen.

Anfangs waren die Katzen noch begeistert von ihrem neuen Spielgesellen. Mittlerweile lassen sie ihn links liegen. Wenn ich versuche, ihn aufzuheben, stülpt er mir sein "Geweih" entgegen und grunzt verärgert, "He du, fass mich bloß nicht an".

Ich habe ihn schon ein paar Mal unter seinem wütenden Gegrunze weit weg getragen, nur um ihn dann kurz später wieder am Fenster zu begrüßen. Inzwischen hat er sich bei uns eingenistet. Zwischen den vertrockneten Blättern des Bambus hat er sich ein Nest gebaut.

Es ist ein Rhinozeroskäfer, dessen Verwandten in Palmenplantagen als schlimme Plage gelten. An unsere Palmen haben sie sich noch nicht gemacht. Mehr als einen auf einmal habe ich von den etwa sechs Zentimeter langen, schwarzen, behornten Käfern noch nicht gesehen. Aber wir haben auch keine Palmenmonukultur und solange er nur im Laub vom Bambus haust und mir nicht den ganzen Bambus zusammenfrisst, was äußerst unwahrscheinlich ist, ist er hier sehr willommen.

Sonntag, September 18, 2016

Feuerprobe im von uns gemauerten Holzofen

Fertig ist unser gemauerter Holzofen, eine
Mischung aus Rocket Stove und Minas-Ofen
Er raucht ein bißchen. Aber der Kamin ist ja auch noch nicht fertig, d.h. noch nicht einmal angefangen. Alessandro wollte unseren Ziegelstein-Holzofen trotzdem ausprobieren.

Wir haben Achterbahn-Wetter. An einem Tag zeigt die Wetterstation eine Höchsttemperatur von fast 37 Grad am nächsten klettert es in der Nacht gerade einmal auf 9,5 Grad. Das Gute daran ist, dass sich die nächtliche Kühle zum Ausprobieren des Ofens anbietet.

Er ist eine Mischung aus den hier typischen "Minas Gerais Öfen" und den ökonomischen "Rocket Stoves". Die Öfen aus dem brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais haben keine Türen. Die Holzstämme lagern auf einer Art Ziegeltisch auf, von dem sie nach und nach in die Öffnung geschoben werden, über der sich das Gußeisen befindet. Dahinter schließt sich ein gemauerter Kasten an, in dem sich der Backofen befindet. Der Rauch wird dabei um den Ofeneinsatz herum geleitet und gelangt erst dann in den Kamin.


Weil unsere Wohnküche mit 20 Quadratmetern nicht gerade ein Platzvergeudender Saal ist, haben wir den Backofen weggelassen.

Die Brennkammer wird von feuerfesten
Steinen gebildet. Der Kaminabzug liegt
auf der Höhe der Brennkammerbasis, ist
von dieser aber durch eine Wand getrennt,
um den Rauch nicht direkt abziehen zu
lassen, sondern umzuleiten
Der Rocket Stove ist ein System, das auf Höhe setzt. Er besteht in der Regel aus einem Metallfass, in dessen Mitte ein weiteres Fass die Brennkammer bildet. Der Rauch zieht um die Brennkammer herum und tritt im unteren Bereich in den Kamin aus. Die Vorteile dieses Systems sind eine saubere und damit Kohlendioxidärmere Verbrennung und höhere Brennwerte, Hitze. Beheizen lässt er sich mit wenig Holz, weil er für eine langsamere Verbrennung sorgt.

Ich habe die beiden Systeme ein wenig gemischt, die Ziegelfassung vom MInas-Ofen übernommen und das Brennsystem vom Rocket Stove. Damit der Rauch nicht direkt in den Kamin abzieht, haben wir eine "Umleitung" eingebaut, die das Verbrennen verzögern soll. Zusätzlich haben wir eine Isolierschicht rund um die Brennkammer gebaut, um die Hitze zu halten und so ein sauberes Verbrennen zu gewähren.

Ich bin kein Ofen-Ingenieur, habe lediglich die Öfen der Umgebung unter die Lupe genommen und Bauanleitungen von hiesigen Universitäten studiert. Ein bißchen bang war mir trotzdem, ob das so entstandene Ding überhaupt funktionieren wird. Von Freunden und Verwandten haben wir skeptische Blicke erhalten und auch den Hinweis, dass die Eisenplatte viel zu hoch liegen würde, um sie zu erhitzen, und auch der Abzug würde so nicht funktionieren, haben sie uns freundlich mitgeteilt.
Zusätzlich eingebaut haben wir eine Isolier-
kammer, die mit Holzasche ausgefüllt ist, um
damit eine höhere Hitze in der Brennkammer
und so eine saubere Verbrennung zu erreichen

Einige der Nachbarn haben uns aber auch unterstützt. Dona Cida hat für uns die Holzasche aus ihrem Ofen gesammelt, die wir für die Isolierschicht benutzt haben. Eine der Türen hat uns ein Nachbar schon vor einiger Zeit beim Alteisenhändler besorgt. Die andere hat Clecia in einem Geschäft in Curitiba aufgetrieben, nachdem wir in unserer Region erfolglos sämtliche Läden und Alteisenhändler abgeklappert hatten.

Gestern hat es Alessandro dann nicht mehr ausgehalten. Er wollte es wissen. Mit dem von mir vor Tagen nach dem Sturm gesammelten herab gefallenen Reisig, hat er ein kleines Feuerchen entfacht und zack hat sich der Rauch seinen Weg durch die Ritzen an den Ofentüren hinein in unsere gute Stube gesucht. Dass der Ofen ohne Kamin keinen Abzug hat, hat er mir vorher nicht glauben wollen. Jetzt reißt er die Türen auf und schaltet den Ventilator ein, um den Rauch zu vertreiben. Die Katzen sind von den offenen Türen begeistert und stürmen herein. Während wir Feuermachen spielen, erobern sie sich ihre Plätze im Haus.

Als das Feuer endlich das Reisig zum Knistern bringt, zieht der Rauch auch ohne Kamin am dafür vorgesehenen Auslass ab. Mit nur einer Handvoll Reisig war die Ofenplatte in wenigen Minuten heiß. Die Feuerprobe hat unser Eigenbau-Mix damit bestanden. Fehlt nur noch, ihn mit einem Kamin zu versehen, um den Wechsel zur Räucherstube zu vermeiden.



Freitag, September 16, 2016

Erbe der Paralympics Rio 2016




Es mag darüber diskutiert werden, ob es sinnvoll ist, soviel Geld für einen Megasportevent auszugeben, während es gleichzeitig an allen Ecken mangelt und Finanzmittel beispielsweise für eine ausreichende Gesundheitsversorgung fehlen. Die Paralympics haben es zumindest aber geschafft, dass einige der Alltagsprobleme von Menschen mit Behinderung sichtbar geworden sind.

In einem Land, in dem noch so viele Hürden genommen werden müssen, um einen einigermaßen akzeptablen Lebensstandard zu bieten, steht das Thema der Zugänglichkeit nicht wirklich im vordersten Bereich der "Noch-Zu-Tun-Liste". Sie wird eher als Luxus angesehen, statt sie von Anfang an bei allen Planungen einfach zu integrieren.

Die Gesetze sind eindeutig. Hin und wieder werden sie auch eingehalten. Zumindest in den Zentren der Großstädte wie São Paulo und auch der Paralympics-Stadt Rio de Janeiro wird mittlerweile mehr darauf geachtet, dass alle Menschen öffentliche Plätze und Gebäude ohne große Probleme benutzen können. In Recife hat der Tourismus zur Integration beigetragen. Eine Nichtregierungsorganisation hat es geschafft, das Thema bewusst zu machen. Es gibt beispielsweise spezielle Rollstühle zum Bad im Meer und zum Strandspaziergang.
Mit Stühlen und Masten zugestellter Gehsteig
An den Flughäfen haben die paralympischen Spiele Rio 2016 Spuren hinterlassen. Terminals mit hörbaren Informationen und Führungshilfen für Blinde wurden installiert, Fahrstühle haben Blindenschrift erhalten, Personal wurde in der Gebärdensprache geschult und darin, Menschen mit Behinderungen zu unterstützen.

Die Sichtbarkeit der Schwierigkeiten von in ihrer Fortbewegung oder Wahrnehmung eingeschränk-ten Menschen, ist wohl das größte Legat von Rio 2016. Der hat auch bewusst gemacht, dass es nicht um Randgruppen geht. Es geht um uns alle, die wir irgendwann einmal vor scheinbar unüberwindbaren Hürden stehen können, sei es durch Krankheit, Unfall, die Geburt unserer speziellen Kinder oder Einschränkungen im Alter.
Gibt es abgesenkte Übergänge für Rollstuhl-
fahrer, sind diese oft mit Gras überwuchert.

In unserem Städtchen Antonina und vielen anderen Gemeinden Brasiliens ist das bisher noch nicht wirklich ins Bewußtsein gedrungen. Architekten und Bauausführer haben selten irgendeine Defizienz, die sie zum Nachdenken bringt. Und wenn sie dann doch die Vorschriften einhalten oder an die Zugänglichkeit denken, fällt die Ausführung nicht immer brauchbar aus oder gammelt danach einfach vor sich hin und wird in kürzester Zeit unbrauchbar.

Nach wie vor werden Strommasten, Schilder und selbst Verkehrszeichen einfach auf den Gehsteig gesetzt und machen Rollstuhlfahrern, Müttern mit Kinderwagen, Blinden und Menschen mit Bewegungseinschränkungen ein Durchkommen unmöglich. Von öffentlicher Seite wird gedankenlos für einen Hindernislauf höchsten Schwierigkeitsgrades gesorgt. Wichtig ist der Verkehrsfluss auf der Straße, während alles andere in den Hintergrund rückt oder schlichtweg vergessen wird. Bürgermeister und Stadträte sind in der Regel mit dem Auto unterwegs, wissen nicht wirklich, wie es sich auf Bürgersteigen geht.

Masten, Stromzähle und Schlaglöcher machen Gehsteige für
Menschen mit Einschränkungen unbenutzbar
So manche Bürgersteige sind angesichts ihrer Höhe von bis zu 20 Zentimetern unüberwindlich. Viele sind ein Netzwerk aus Schlaglöchern. Der eigentlich den Fußgängern vorbehaltene Bereich ist oft ebenso ein Flickenwerk von Garageneinfahrten. Die werden oft mit Fliesen besiegelt, die sich bei Regen zu gefährlichen Rutschbahnen verwandeln.

Ja, es gibt noch viel zu tun. Aber immerhin wird mittlerweile darüber geredet. Dank den Paralympics Rio 2016 ist das Thema zumindest endlich in die Sinne von Planer und Bewohner gerückt. Bleibt zu hoffen, dass das anhält und Auswirkungen zeigt.



Donnerstag, September 15, 2016

Honigbaum

Wäre ich eine Biene, würde ich mich in den Baum verlieben. Schon auf dem Weg zur Bushaltestelle habe ich den starken Duft nach Honig gerochen, den seine tausende Blüten verströmen. Da wusste ich aber noch nicht, dass sie es waren, die meine Nase umschmeichelt haben. Das habe ich erst auf dem Heimweg herausgefunden. Mit dem Rucksack auf dem Rücken, voll mit dem Einkauf, habe ich dem Duft nachgespürt, bis seine Quelle vor mir stand. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie der Baum heißt, der da bei uns im Regenwald steht...

Mittwoch, September 14, 2016

Zyklon, Hexen und Windspiele

Der Wind pfeift um und auch durchs Haus. Den ganzen Tag schon ist er aktiv und wirbelt alles durcheinander, lässt Blätter vor sich her tanzen, reißt Zweige und Bäume um. Es sind die Ausläufer eines Zyklons, der vor der Küste des brasilianischen Bundesstaates Rio Grande do Sul und auf der Höhe von Argentinien herum wirbelt. Wir spüren ihn nur am Rande. Das ist schon ausreichend genug.

Weil am Vormittag nichts mehr ging, die Handy- und Internetantenne in ihrem Windtanz kein Signal mehr empfangen hat, habe ich mich auf dem Weg in die Stadt gemacht. Dort angekommen macht es plörtzlich plopp als ich an der Theke des Lan-Hauses stehe um einen Computer für meine Internetarbeit anzuheuern. Weg ist der Strom und er kommt auch nicht wieder. Also fahre ich mit dem 16-Uhr-Bus wieder nach Hause, lasse mir an der Haltestelle noch einmal die Haare zersausen und genieße auf dem Heimweg durch den Wald das Windblütenbild auf dem Weg.

Anders als in der Stadt, gibt es im Regenwald überraschenderweise Strom. Die Windböen sind auch da. Die Hexen sind los, sagt Alessandro. Zack reißt eine von ihnen die Tür auf, stürzt sich auf das gegenüber liegende Fenster und nimmt das Fliegengitter mit. Eine andere stöbert im Schrank, dessen Türen auf und zu klappen. Irgendwann wird mit das Treiben zu bunt und greife zu Hammer und Nägel. Als ich dann endlich im Halbdunkeln alles festgenagelt habe, flaut der Wind auch schon ab und wir haben wieder Internetempfang im Haus.


Dienstag, September 13, 2016

Indiofrauen wenig begeistert von "zivilisierter" Gesellschaft

Noch gibt es indigene Völker, die abgeschieden von der sogenannten Zivilisation im Amazonas-Regenwald leben. Die Chancen, weiterhin ungestört nach ihren kulturellen Vorstellungen zu leben werden jedoch immer kleiner. Illegale Gold- und Edelsteinschürfer, die skrupellose Holzmafia und Fazendeiros mit Riesenrinderherden zerstören nicht nur weiterhin ihre Lebensräume, sondern bringen auch Krankheiten in die abgelegensten Winkel des Regenwaldes, gegen die die Ureinwohner Südamerikas nicht gefeit sind.

Beinahe sind auch zwei Frauen daran gestorben. Nachdem sie in einem Indiodorf, das schon Kontakt mit den nichtindigenen Strukturen hat, Hilfe gesucht haben, sind sie in einem Krankenhaus behandelt worden. Gefallen hat ihnen unsere Gesellschaft aber nicht. Wieder gesund, haben sie sich auf den Rückweg zu ihren Wurzeln gemacht. 

Der Artikel "Amazonas-Indianer werfen Blick auf „uns“ – und kehren zurück in den Regenwald" beschreibt ihre Erfahrungen auf eindrucksvolle Weise und wirft einmal mehr die Frage auf, warum der Staat nichts oder kaum etwas gegen die Holzmafia unternimmt. Aber auch wir sind gefragt, die wir alles möglichst billigst einkaufen und haben wollen, egal wo es herkommt. Bevor ich mich jetzt aber über unseren gedankenlosen Konsumrausch auslasse, empfehle ich euch lieber den lesenswerten Artikel von Survival International.

Donnerstag, September 08, 2016

Im Rausch der Frühlingsstürme

video

Von Weitem ist er schon zu hören. Es ist ein Rauschen, das durch den Wald zieht. Minuten später tobt er über und rund um uns. Irgendwo kracht ein Baum um. Unsere Telefon-Antenne schwankt gefährlich im Wind hin und her, als würde sie versuchen wollen, das verschwundene Handysignal doch noch irgendwie einzufangen. Der Bambus verneigt sich tief mit jeder Böe. (Ein bißchen davon könnt ihr auf dem Video sehen.)

Es ist ein Frühlingssturm, der noch einmal kühle Nächte ankündigt und alles in Schwingung versetzt.

Romm, eine Türe schlägt zu. Wumm, die Türe zur Veranda wird aufgerissen und der Wind fegt durchs Haus. Die ganze Nacht hält der Sturm an, dann legt er eine Pause ein, um am Abend wieder aufzubrausen.

Dienstag, September 06, 2016

Blühende Puma-Orchidee

Eine "neue" Orchidee zeigt sich gerade in Blüte. Als ich sie an einem herab gefallenen Zweig im Wald entdeckt habe, dachte ich zuerst, es ist ein Gold- oder Silberregen. Der Goldregen wächst eher im Halbschatten oder mitten im Wald. Der Silberregen mag eher die Sonne. Manche unserer Guavenbäume sind so voll mit der weißblühenden Orchidee, dass es eine wahre Pracht ist, wenn sie den gageligen Baum in ein Schneeballdepot verwandeln.

Die vor einem Jahr gefundene Orchidee stammt aus dem Inneren des Waldes. Immer wieder krachen Äste und Zweige herunter, fallen Bäume um. Bei meinen Spaziergängen sammle ich dann Orchideen, Bromelien und Tilandsien ein und binde sie mit Sisal an anderen Bäumen nahe unseres Häusleins fest. Jetzt hat mich mein Fund mit seiner gelben Blüte und einem zarten Duft überrascht. Hoffentlich macht sie Samen und breitet sich weiter aus.

Wie sie heißt, weiß ich nicht. Ich nenne sie "Orquidea-onça", weil sie wie der gefleckte Jaguar dunkle Punktle hat.

Brasilien soll etwa 3.500 bis 4.000 Orchideenarten soll beheimaten. Wissenschaftlich erfasst sind bisher rund 2.600. Bei uns im Atlantischen Regenwald gibt es ebenso etliche.

Freitag, September 02, 2016

Geräuschvoller Regenwald mit Jacu

Ein seltsam lauter Ruf eines Tieres und Ästeknacken schrecken Liane hoch. Bis dahin hatte sie die Ruhe ihrer "chácara" genossen. Etwa 1,5 Kilometer von uns entfernt, mitten im Wald liegt ihr Anwesen, das sie zweimal in der Woche besucht. Sie lebt in der Stadt, ist in der Stadt aufgewachsen und hat die chácara als Datscha zur Erholung an den Wochenenden gekauft.

Jetzt läuft es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Was ist das für ein Ruf, der lautstark die Stille verdrängt und den ganzen Wald einnimmt? Ein Jaguar? Ein Puma? Oder "nur" ein "bugio", Affen?

Das Tor des rund herum eingezäunten Grundstücks ist wie eine Schneuse weit geöffnet. Sie steht neben dem Auto, in dessen Kofferraum sie gerade ihre Ernte gestellt hat, eine Kiste voll mit Manã Cubiu und anderen Früchten.

Da ist der Schrei schon wieder. Ist er näher als vorher? Aus welcher Richtung kommt er? Und wenn es doch ein Jaguar ist, der sie als Beute auserkoren hat? Jetzt gilt es handeln. Sie knallt den Kofferraum zu, rennt ums Auto, setzt sich hinein und wartet. Erst da fällt ihr auf, dass sie den Schlüsselbund auf dem Tischchen vor der Küche hat liegen lassen. Sie wartet und sieht gespannt zum Tor hinauf. Kein Puma und kein Jaguar ist weit und breit zu sehen. Das will nichts heißen. Sie können sich auch irgendwo im Wald dahinter versteckt haben. Vielleicht ist das Tier auch schon innerhalb der Abzäunung, hinter dem Haus, zwischen den Bäumen, unten am See.

Wenn sie doch nur den Schlüssel per Telepathie in ihre Hand bringen könnte. Gegen einen Puma oder Jaguar hätte sie wenig Chancen. Sie springen ihre Beute von hinten an und zielen direkt auf den Hals. Eine Attacke würde sie nur schwer überleben und wenn, dann würde sie wahrscheinlich verbluten, bevor sie irgendwer findet. Der nächste Nachbar, etwa 200 Meter weiter im Wald, würde sie nicht hören. Er ist nach Curitiba gefahren und würde erst am nächsten Tag wieder  zurückkommen. Ihr Mann und ihr Sohn würden sie vermissen. Vielleicht würden sie sich aber auch nur denken, dass sie auf der chácara übernachtet.

Es bleibt kein Ausweg, sie muss es schaffen, zum Schlüssel zu kommen. Lange wartet sie. Als sich die Sonne schon senkt, beschließt sie doch noch zum Tischchen zu rennen. Beinahe fällt sie, als sie sich wieder ins Auto wirft. Aber sie hat es geschafft, steckt den Schlüssel in die Zündung, dreht ihn um fährt aufbrausend davon. Das Tor bleibt auf und auch die Tür der Küche.

Erst ein paar Tage später traut sie sich wieder zu ihrer Datscha. Sie erzählt mir von dem Vorfall und ahmt den schrecklichen Ruf des Tieres nach. Noh immer ist sie aufgeregt, wenn sie daran denkt, was sie durchgestanden hat.

Jaguare verirren sich nur äußerst selten an die Küste. Anders sieht es bei den Pumas aus. Seine Spuren haben wir schon rund um unseren Brunnen gefunden. Ab und zu hören wir sein Raunzen, das mindestens die Dezibel-Marke eines Schwerlasters erreicht. Normalerweise bricht er dabei aber keine Äste und Zweige.

Lianes Nachahmung hört sich eher an, wie der Schlachtruf des Jacus, des Vogels, der mich immer wieder an den Auerhahn erinnert, den ich als Jugendiche einmal in den verschneiten Bergen der Voralpen beim Balztanz beobachten konnte.

Jetzt teilen wir unseren Lebensraum mit seinen Hühnervogelverwandten. Sie haben sich längst an uns gewöhnt, picken herunter gefallene Araça-pera, Guaven und andere Früchte und auch die, die noch an den Ästen hängen. Morgens und nachmittags staken sie nur wenige Meter vom Haus entfernt über die kleine Waldlichtung, verfolgt von den Augenpaaren der Katzen, die die großen, schwarzen Hühnervögel mit Ehrfurccht betrachten.

Vor allem in den Dämmerungsstunden sorgen sie manchmal für ein gewaltiges Spektakel. Auch außerhalb der Paarungszeit ist ihr fauchartiges Gekrächze zu hören. Werden sie bei ihrer Mahlzeit gestört, fliegen sie fauchend auf, um sich unweit auf einem Ast niederzulassen. Die Äste halten aber nicht immer das schwere Gewicht der Jacus aus, der dann solange von Ast zu Ast weiterhüpft, bis er einen stabilen Halt gefunden hat.

Liane, ich bin mir sicher, dein geräuschvoller Besucher war ein Jacu. Mehrfach habe ich ein Pärchen dieser wilden Hühnervögel schon auf ihrer chácara gesehen, als ich dort den Bambus für ihre Pergola geschnitten und behandelt habe.

Mittwoch, August 31, 2016

Frühlingsboten unterwegs: Riesenechse und Waschbären

Riesenechse "Teiu" kündigt Winterende an
Der Frühling kommt. Alessandro hat heute den ersten Teiu gesehen. Die Riesenechsen igeln sich den Winter über in Erdhöhlen ein. Erst wenn die Nächte wieder wärmer werden, kommen sie tagsüber raus. Warum die Nacht ausschlaggebend ist, weiß ich nicht. In den acht Jahren, in denen ich Temperatur, Wetter und Tierereignisse aufzeichne, haben wir aber festgestellt, dass es nichts nützt, wenn nur tagsüber Temperaturen von über 20 Grad verzeichnet werden. Solange es auch nachts nur unter 18 Grad hat, ziehen die Teius ihre warme Höhle dem täglichen Ausgang vor.

Der "Mão pelada" (Procyon cancrivorus) scheint mit kühlem Wetter keine Probleme zu haben. Seine Spuren haben wir vor ein paar Tagen am Rande des nachbarlichen Fischteiches entdeckt. Wahrscheinlich hat er sich da des nächstens an den vollgedeckten Tisch gesetzt. Auf seinem Speiseplan stehen schließlich Fische, Frösche, Krustentiere, Samen und Früchte. Die Frösche quaken dort schon seit Wochen, nicht ganz so laut wie im Sommer, aber doch vernehmbar.

Der Waschbär "Mão Pelada" hat seine Spuren auf dem
feuchten Waldweg hinterlassen
Unser Glück war der Regen. Der hatte den Waldweg ein wenig aufgeweicht und die Tapser des Waschbären wie einen Siegelabdruck für uns sichtbar gemacht. "Mão pelada", "Nackte Hand" wird er genannt, weil er an seinen Pfoten kein Fell hat. Ihn selbst haben wir noch nicht gesehen. Anders seine Verwandten, die Quatis (Nasua nasua). Von denen ist uns schon eine ganze Bande begegnet. Wie junge Katzen haben ein paar von ihnen spielend Bäume erklommen und versucht, sich gegenseitig zu fangen. Da war ich gerade auf dem Weg zur Bushaltestelle und dachte mir nur "was sind das für lustige Tiere".

Als ich schnell zum Haus zurück gelaufen bin, um Alessandro den tollen Fund  zu zeigen, haben sich die Waschbärchen versteckt. Da standen wir an der Stelle, an der ich sie gesehen habe und habe Alessandro von den Quatis erzählt. Doch die haben Verstecken gespielt. Plötzlich tauchte eins hinter ihm auf. Da rufe ich und zeige mit dem Finger auf die Stelle, auf der nichts mehr zu sehen ist, als Alessandro sich umdreht. Wir schauen in die andere Richtung und zack läuft noch mal ein Quati nur wenige Meter hinter ihm vorbei. Komm, was du gesehen hast, war eine unserer Katzen, sagte er noch, bevor ich mich doch noch laufend auf dem Weg zur Bushaltestelle gemacht habe.

Nach meiner Rückkunft am Abend hat er mir dann erzählt, dass er doch noch zwölf Quatis gesehen hat, nachdem er eine Weile still ausgeharrt hatte.

Jetzt wünsche ich mir eine selbstauslösende Kamera, die auch nachts Fotos aufnimmt, damit ich endlich auch "unsere" Mão pelada zu sehen bekomme und vielleicht auch die Capivaras, die größten Nagetiere der Welt, von denen wir bereits am Rand unseres Sumpfes Kot gefunden haben. Werde die Kamera mal beim Universum bestellen...

Dienstag, August 30, 2016

Bambussäbeln



Habe den herrlichen Wintertag mit seinen 25 Grad und Sonne genutzt und draußen im Schatten der Bäume gearbeitet. Umgesägten Bambus ausgeastet, klein geschnitten und glatt gesäubert. Morgen werde ich wahrscheinlich meinen Muskelkater ein wenig mit Arnika- und Rosmarinöl pflegen. Meine Muskeln in Beine, Armen, Rücken spüre ich schon jetzt. Kein Problem. Es ist angenehm, den Körper zu spüren. Zu wissen, dass er immer noch Einiges leisten kann, tut gut.

Morgen werde ich die Bambusstücke zerteilen. Es sollen Übertöpfe daraus entstehen. Carol will sie für ihre Palmen und ihre Freundin will auch noch fünf. Wahrscheinlich werden wir noch ein-zwei Stangen vom Bambusa vulgaris umschneiden müssen. Der ist zu unserer Freude endlich erntereif.

In den Büchern steht, dass er nach drei bis fünf Jahren schon Stangen liefert. Das stimmt so nicht ganz. In Wirklichkeit sind es sechs bis acht Jahre. Die ersten wenigen Sprossen entwickeln sich zu dünneren Stangen. Erst nach drei oder vier Jahren wachsen mehrere Sprossen mit dem gewünschten Umfang von 12 oder mehr Zentimetern. Die müssen dann aber nochmal mindestens zwei Jahre stehen bleiben, damit sie Lignin einlagern, das ihnen die entsprechende Härte gibt.

Erntereifer Bambusa vulgar

Samstag, August 27, 2016

Rohrbruch der x-te


Irgendwo plätschert es idyllisch vor sich hin. Bilder von einem kleinen Wasserfall steigen in mir auf. Dann gesellt sich das von dem Zimmerbrunnen dazu, den mir meine Ma mal aus Ton gebastelt hat. Während ich so den gerade umgesägten Bambus ausaste, genieße ich das Geräusch des Wasserfallbrunnens.

Stopp. Wir haben keinen Plätscherbrunnen und es ist auch kein Wasserfall in der Nähe. Dann ganz langsam kriecht die Gewissheit vom vollen Wasserreservoir in meine Gedanken. Also lass ich alles stehen und liegen, laufe zum Haus und drehe den Haupthahn zu. Ich schnappe mir einen Kübel und laufe ums Haus herum, um ihn unter den Überlauf zu stellen und das Wasser aufzufangen. Aber da ist alles trocken. Eigentlich müsste es da doch plätschern. Wenn das Reservoir voll ist, ergießt sich der Überschuß normalerweise über das Überlaufrohr. Nur dieses Mal nicht.

Mist. Wo  kommt das Plätschern her? Nein, es wird doch nicht schon wieder das Rohr über dem Bad geplatzt sein? Kurz später stehe ich im Bad und schaue zur trockenen Decke hinauf. Dann stehe ich in der halbfertigen Wohnküche und schaue vor mich hin, während es fröhlich weiter plätschert. Wie lange braucht so eine Menschin, bis sie das Problem erkennt?

Dann sehe ich die Quelle des Geräusches. Das Wasser fließt die Wand herunter. Rohrbruch über der Holzdecke, dort wo das Verbindungsstück für den Wasserhahn der Spüle sitzt.

Zwischen unserem neuen Kachelofen und der Wand hat sich ein Schwimmbecken gebildet. In dem trohnt mittendrin das Sofa.

Rohrbruch der weiß nicht wie vielte. Jetzt werden wir es so machen, wie Geraldo vorgeschlagen hat. Unters Dach kommt statt der hier üblichen Plastikrohre ein Hochdruckschlauch und fertig.

Seufz. Die Arbeit will nicht ausgehen. Ich glaube, ich gehe jetzt erst einmal zur Nachbarin, um einen Kaffee  zu trinken...

Montag, August 08, 2016

Rio 2016 mit Hindernissen

Olympische Ringe mit Pflanzen aus unserem Regenwald

Wir schlängeln uns herum, um die "Obstáculos". Schwupp kommt schon wieder eins. 

Kaum stehen die Fußballer auf dem "campo" macht es plopp und wir versinken in der Dunkelheit. Der Sturm des Kerzenturms beginnt. Zack gibt es eins gegen das Schienbein. Die Bank ist im Weg gestanden. Rums fällt all der Krimskram aus dem kleinen Regal, auf dem das Telefon steht und das irgendwo in seinen Fächern die jetzt so dringend notwendigen Kerzen beherbergt. 

Wir finden sie und als Belohnung bekommen wir kurz nach dem Anzünden der alternativen Lichtquelle wieder Strom ins Haus. 

Die Seleção spielt immer noch so völlig lustlos vor sich hin. Viel haben wir nicht verpasst, Tor ist ja auch keins gefallen. 

Wir schaffen es sogar, die Pause zwischen den Halbzeiten ganz ohne Stromausfall zu verfolgen. Bevor es wieder Dunkel geworden ist, habenwir  so Wichtiges wie Werbung gesehen und die enttäuschten Kommentare der Reporter gehört. 

Die nächste Dunkelwelle meistern wir mit Bravour. Die Kerzen stehen schon auf dem Tisch bereit, die Streichhölzer liegen bereit. Wir schaffen ein Rekordtempo beim Run des Kerzenlichtanzündens und machen uns auf zur Meisterung der Internethürde.

Bevor die Akkus von Laptop und Ruraltelefon den Geist aufgeben, gilt es, im Internet die Live-Ticker auszumachen, um das Spiel wenigstens schriftlich verfolgen zu können. Der Livestream per Video funktioniert nicht, da kommen für unsere Antenne wohl zuviele Wellen auf einmal an.

Unsere Suche wird von einem Plipp unterbrochen. "Die Kapazität ihrer Batterie liegt bei 14 Prozent. Hängen sie ihren PC ans Netz, um eine weitere Benutzung zu gewähren", rät uns der Laptop-Schiri. Er hat wohl übersehen, dass der Laptop schon am Netz hängt. Aus dem kommt aber kein Strom.

Als Überraschungselement bei unserer ganz privaten Olympiade kommt er dann wieder mit einem Summ, der Strom. 

Es ist immer noch nicht viel auf dem Spielfeld im Mané Garrincha-Stadion passiert. Die Iraker haben kein Tor geschossen und auch die Brasilianer nicht. Es wird ein schales Unentschieden. Aber wir, wir haben gewonnen, gewonnen im Kerzenlauf, im Stromhürdenlauf und überhaupt, ganz abseits von all den Rampenlichtern und am Rande des Regenwaldes.

Warum ausgerechnet jetzt Strom und Internet so instabil sind, bleibt ein kleines Geheimnis. Wahrscheinlich gucken alle gleichzeitig Olympiade und strapazieren ein wenig das Stromnetz. 


Donnerstag, August 04, 2016

Wir olympiadeln

Jetzt hat sie angefangen, die Olympiade. Zwei Tage vor der eigentlichen Eröffnung hat der Frauenfußball den Auftakt gegeben.

Schön haben sie gespielt, die Fußball-Mädels Brasiliens. Und ich darf darüber schreiben. Da kommt auch schon das erste Dilemma: FrauenMANNschaft.

Warum heißt es eigentlich "FrauenMANNschaft"? Wenn die Männer spielen sagt ja auch keiner "HerrenMANNschaft".

Ich hätte ja auch die "Frauenelf" schreiben können. Aber das hört sich an wie Elfen. Passt nicht wirklich zum Fußball. Obwohl, wenn jemand schreibt, "die Löw-Elf" denkt ja auch keiner an tanzende Elfen.

Team?  "Das Team der Marta", der Brasilianerin, die fünfmal zur besten Fußballerin der Welt gekürt worden ist. Geht auch nicht. Bei Team steigen Bilder von einer Arbeitsgruppe in mir auf, die irgendwo mit geschniegelten Anzügen in gläsernen Sälen herumsitzt.

Ja Herrschaftzeiten, dann bleibt ja nur noch die FrauenMANNschaft, wo doch die Männer da gar nichts verloren haben, mit Ausnahme des Trainers und des Schiedsrichters vielleicht.

Frauenschaft? Frauenschaft. Wie sich das anhört. Frau schafft an. Frauschaft. Das schaffen die Frauen.

Ich sollte es mit der brasilianischen Bezeichnung halten. Da geht die "seleção", gesprochen "selesau", aufs Spielfeld, die Auswahl. Bei der Auswahl ist es völlig wurscht, ob die aus Männern oder Frauen besteht. Die Bezeichnung ist sogar weiblich. "A seleção" heißt es. "A" ist der weibliche Artikel.