Mittwoch, November 23, 2016

Kefir im Regenwald

Kefir-Kultur im Regenwald
Jetzt sind sie auch hier im Regenwald angekommen, die Bakterien aus dem Kaukasus. Wahrscheinlich haben sie Millionen von Umwegen genommen, bevor sie an der Südküste den Weg Richtung Bambueiro eingeschlagen haben. Letzterer ist Eliane zu verdanken, deren Chácara einen guten Kilometer von unserer entfernt ist.

Sie hatte Fotos von ihrem Kefir in Facebook gepostet und zack haben sich hunderte Interessenten bei ihr gemeldet. Ich war schneller, habe gleich zugesagt, als mich Eliane neulich gefragt hat, ob ich denn eine "Kefirspende" wolle.

Jetzt stehen die Kaukasusbakterien auf dem Tisch mit Blick auf die rund um das Häuslein wachsenden Palmen und arbeiten fleissig vor sich hin.

Sie sind so fleissig, dass ich mir heute schon den ersten mit Pfirsich gemixten Kefir gegönnt habe. Leckere Sache. Ich freue mich schon auf das Vermischen mit unseren Regenwald- und Obstwiesenfrüchten.

Kaum kann ich es erwarten, bis die Jabuticabas reif sind, schwarze, kleine direkt am Baumstamm wachsende Früchte, die mit dem Kefir mit Sicherheit eine traumhafte Schlemmermischung ergeben.

Der Milchkefir erinnert mich an die gestöckelte Milch, die meine Oma immer getrunken hat, und auch ein wenig an die im Sommer auf Almen stets genossene, frische Buttermilch. Habe heute schon davon geträumt, wie ich auf der Himmelwiesenalm auf der Bank sitzend, mit dem Rücken an der Hütte angelehnt, in die Sonne blinzelnd frischen Kefir getrunken habe. Der Senner war wenig begeistert, er hätte mir lieber seine Buttermilch verkauft.

Montag, November 21, 2016

Gelber Rüsselkäfer im Zeitlupentempo


Nanu, was ist denn das für ein gelber Klecks, der sich da im Zeitlupentempo auf dem Blatt bewegt? Ohne Brille konnte ich das Tier nicht wirklich einstufen. Bin zurück zum Haus gelaufen, um meine Sehhilfe zu holen. Bis ich wieder zurück kam, hatte der Zeitlupenkäfer zu meinem Glück kaum seine Position verändert.

Ich habe ihn gleich einmal fotografiert. So ein seltsamer Käfer wie er, ist mir bisher hier im Regenwald noch nicht unter gekommen. Da ist mir eine ganz persönliche Premiere im Reich der tausend großen und kleinen Käfer gelungen. So viele verschiedene habe ich hier schon gesehen: bunt getupfte, gestreifte, knallrote, gelbe, schwarze Käfer. Diesen sich so langsam bewegenden Rüsselkäfer bin ich bisher indes noch nie begegnet.

Wie er heißt? Keine Ahnung. Er ist einer von den weltweit 350.000 Käferarten und den geschätzten 30.000 verschiedenen Käferarten, die es in Brasilien gibt....

Ihr werdet es nicht glauben. Aber heute, einen Tag später, ist der gelbe Käfer immer noch auf dem gleichen Platz gesessen wie gestern.

Donnerstag, November 17, 2016

Ansturm der Libellen



Angezogen von den Fischteichen der Nachbarn und unserem Sumpf gibt es das ganze Jahr über Libellen. Jetzt im Frühjahr schwirren sie verstärkt herum. Das zweite Libellenhoch fällt auf dem Spätsommer. Dann geben andere Libellenarten den Ton an. Auch im Winter und Herbst umfliegen sie Feuchtstellen und Gewässer.

Die Pinkfarbenen habe ich heute nicht gesehen. Auch Plattbauchähnliche, dunkle, schwarze Libellen waren nicht dabei. 

Sie bevorzugen wohl eine andere Jahreszeit. Es ist mir noch nicht gelungen, sie zu bestimmen. Ich weiß auch gar nicht, ob es einen Schlüssel für die brasilianischen Libellen gibt. Mit Fotos alleine ist es nicht getan. Schlappe 1.200 verschiedene Libellenarten sollen in Brasilien vorkommen.

Von den Einheimischen werden sie kaum beachtet. Manche nennen sie Hubschrauber, manche sagen Zick-Zack zu ihnen. Das war dann aber auch schon das höchste an Aufmerksamkeit, die sie den Flugkünstlern zukommen lassen.

Ihre Larven fressen so ziemlich alles, was sich bewegt, Kaulquappen, frisch geschlüpfte Fischlein und auch Mückenlarven. Manchmal sind Seggen und Juncus am Rand der Teiche voll mit leeren Larvenhäuten. Heute habe ich nur eine gefunden, eine besonders große. Ob sie der großen Libelle gehört, die der mitteleuropäischen Königslibelle so gleicht? Eine solche habe ich heute auch herumfliegen sehen. Ich war aber zu langsam, um sie zu fotografieren. Immer dann, wenn ich abdrücken wollte, ist sie einfach ruckzuck abgeschwirrt.
Als vor einem Jahr bekannt wurde, dass eine Zika-Erkrankung während der Schwangerschaft zu Mikrozephalie beim Ungeborenen führen kann, ist auch eine kleine Libellenhysterie ausgebrochen. Plötzlich wurden überall Säckchen mit Samen von Crotalária juncea ausgeteilt. Die gelbblühende Leguminose soll Libellen anziehen. In der Landwirtschaft wird sie zur Gründüngung eingesetzt. Jetzt sollte die Bevölkerung sie aber in ihren Gartenbeeten in Siedlungen anbauen.

Der Bengalische Hanf (Crotalaria juncea) wird allerdings fast zwei Meter hoch, wächst strauchartig gagelig (auch wenn er nur eine einjährige Pflanze ist) und verbreitet sich leider auch ziemlich schnell vor allem auf gestörten, offenen Böden. Ein paar der Crotalaria-Arten und Unterarten sind zwar in Brasilien heimisch, aber eben nicht in allen Biomen. Crotalaria juncea kommt im trockenen Nordosten Brasiliens natürlich vor. Wir leben hier im feuchten Süden. Nein, ich habe keine Crotalaria angebaut. "Unsere" Libellen kommen auch ohne sie.



Mittwoch, November 16, 2016

Sommer-Skibrillen-Rätsel

Manchmal dauert es, bis mein Hirn warm läuft, bis es dechiffriert, was ihm meine Augen vorlegen. Da steht "Skibrillen und neue Brillen". Es könnte auch "Sko"-Brillen heissen. Das würde jetzt nicht den geringsten Unterschied machen, weil es für meine Hirnzellen einfach nicht den geringsten Sinn ergibt.

Mein HIrn fragt sich: "Was sind "S-k-i"- oder "S-k-o"-Brillen? Es ist sich sicher, dass dahinter eine neue Mode stecken muss. Vielleicht sind es besonders eckige Sehhilfen. Durch das "S", gefolgt vom "k", bildet sich ein härterer Laut. Ja, es müssen Brillen sein, die Härteres vermuten lassen, die nach Durchsetzungskraft und nach einem russischen oder polnischen Design aussehen. Eine neue Wortschöpfung oder eine Abkürzung für "Super coole Idee" oder ähnliches. Dann würde es aber Sci-Brillen heißen.

Die Neutronenverbindung läuft weiter und hält bei "Plaste und Elaste aus Skopau" kurz an. Das Schild hat mal über der ehemaligen DDR-Autobahn geprangt, die die aus dem eisernen Vorhang hervorstechende Insel Berlin mit Westdeutschland verbunden hat. Viermal bin ich unter dem Schild durchgefahren. Nein, es war nicht Sk-opau. Es war Schkopau.

Schkopau-Brillen. Die wären wahrscheinlich wegen der Plaste und Elaste eher formbar, rund und weich.

Das "Ski-Sko-Ska" jagt die Gehirngänge entlang. Irgendwo muss die passende Andogstelle sein. Ich bin nah dran. Vielleicht handelt es sich um ein Schki, wie Schkopau, nur eben mit Schki und ohne opau. Das ergibt nur nicht wirklich einen Sinn.

Irgendwie kommt mir das "S-k-i" bekannt vor. Ich weiß es, da war was. Es will mir nur partout nicht einfallen, was es mit diesem seltsamen Wörtchen auf sich hat.

Was war das für eine Farbe, die da irgendwo in den Gehirnwindungen aufgeblitzt ist? Langsam sickert es durch. "S-k-i" muss mit Weiß verbunden sein. Weiße Brillen. Ob das der letzte Modeschrei ist, ein weißes Ding auf der Nase zu tragen? Warum heißen sie dann aber nicht "Weiß-Brillen"?

S-k-i und Weiß, da war noch was, etwas, das lange zurückliegt. Es muss irgendetwas mit meiner Kindheit und Jugend zu tun haben. Mein Hirn kommt langsam in Schwung und zaubert Bilder von Bergen hervor, vom Mesnerhang, der nur ein paar Gehminuten von unserem Haus entfernt lag. Kaum einen Nachmittag haben wir im Winter ausgelassen, um dort Schi zu fahren. Manchmal gab es sogar aufregende, nächtliche Flutlicht- und Mondfahrten.

Da ist die Verbindung. "Schifahren" muss etwas mit S-k-i-Brillen zu tun haben. Dann sickert es durch, bahnt sich seinen Weg durch das Weiß, durch das englische, portugiesische und spanische Sprachenzentrum in meinem Hirn, schiebt sich der deutschsprachige Bereich in den Vordergrund.  "Ski" ist "Schi". Logisch, es sind Schibrillen, Skibrillen eben. Sowas.

Da hätte ich auch früher draufkommen können. Nur mein Hirn war gerade nicht auf Winter eingestellt. In dem macht sich von Tag zu Tag mehr der bevorstehende, brasilianische Sommer breit, in dem der Kauf von Skibrillen nicht gerade einen wirklichen Sinn ergibt.

Bild vom aufgehängten Mond


Hier das versprochene Bild vom aufgehängten Supermond...

Dienstag, November 15, 2016

Aufgehängter Supermond

Na, habt ihr euren Supermond gesehen? 

Am Brandenburger Tor war er und auch in Rom und wahrscheinlich ebenso über der Bourbon Street.
Und hier?

Hier hat es den ganzen Tag geregnet, und nachts auch. 

Warum regnet es eigentlich immer, wenn der Mond super wird, wenn Meteoritenregen erwartet werden oder der Mars gerade mal extra nah ist?

Fast hatte ich mich schon damit abgefunden, dass ich jetzt mal eben 18 Jahre warten muss, bis der Mond der Erde wieder so nah ist, wie heute, schlappe 30.000 Kilometer näher als sonst.

Dann ist es draussen plötzlich doch heller geworden. 

Da stand er, hat durch ein Wolkenloch hindurchgelugt. Vor lauter Aufregung bin ich beim Rauslaufen beinahe auf eine der Katzen getreten. Ich musste mich ja beeilen, damit ich ihn noch erwische, bevor er wieder hinter den Wolken verschwindet. 

Und das ist dann bei der Fotojagd heraus gekommen: ein aufgehängter Supermond....

das Foto gibt's leider erst später, weil mein Netz mal wieder schneckt und das Bild nicht lädt... deshalb wird's halt eine Supermond-Serie, die genau beim spannendsten Teil eine Pause einbaut...

Montag, Oktober 24, 2016

Ohne Internet

Freitagabend ging plötzlich nichts mehr. Es kommt durchaus vor, dass unser Telefon mal ohne Empfang ist. Oft dauert das nur ein paar Minuten oder eine Stunde. Spätestens am nächsten Tag ist es dann aber wieder da. Dieses Mal war es anders.

Unser Handy-Telefon ist auch unser Modem, unsere Tür zum Internet. Die hat in der Nacht vom Freitag auf den Samstag irgendwer zugeschlagen. In den Spätnachrichten hören wir, dass es in den USA eine Hacker-Attacke gegeben hat. Bei der sollen elektronische Geräte wie Sicherheitskameras so umprogrammiiert worden sein, dass sie gleichzeitig auf einen Server zugriffen haben, der eigentlich dafür verantwortlich ist, das Internet zu organisieren. Der ist dann abgestürzt, was alles lahmgelegt haben soll.

Zufall oder nicht, bei uns ist zur gleichen Zeit auch alles abgestürzt. Den ganzen Samstag über gab es keinen Empfang. Nur auf der 900-Frequenz konnten wir telefonieren. Unser Internet läuft aber auf der Frequenz 1.800. Auch bei den Nachbarn war nur das Telefonieren möglich.

Wir haben trotzdem unsere Antenne abgebaut. In der Hoffnung, irgendwo auf unserem Grundstück, an einem anderen Fleckchen ein Signal zu finden, haben wir uns schrittweise mit der Antenne fortbewegt. Nichts. Wir haben sie auseinander genommen, zusammengebaut und gesäubert. Auch das hat nicht wirklich geholfen. Am Sonntag haben wir dann plötzlich ein einsames Signälchen gefunden. Das war leider zu schwach. Nach wenigen Sekunden ist ihm schon die Puste ausgegangen.

Also sind wir weiter herumstolziert, mit der Antenne auf dem 15 Meter hohen Metallmasten. Keine leichte Aufgabe. Jede Bewegung hat die Antenne in Schwingung versetzt, hat Muskelkraft gefordert, um das Teil aufrecht zu halten.

Irgendwann haben wir aufgegeben, haben Mast und Antenne wieder an der alten Stelle installiert. Und siehe da, plötzlich hatten wir wieder Empfang. Wir sind wieder online.


Jahrelang haben wir ohne Strom und Internet fröhlich gelebt, ohne dass uns etwas gefehlt hätte. Und jetzt bringen uns zwei Tage ohne Anschluß an das weltweite Netz völlig aus dem Ruder. Auwei, wir sind Zivilisationsabhängig...

Freitag, Oktober 21, 2016

Mit Guns N' Roses gegen Schrillzikaden

Wer den Singzikaden den Vorsatz mit dem Singen zugedacht hat, hat wahrscheinlich noch nie nur ein paar Meter weit entfernt von diesen gesessen. Sie schrillen und das mit einer Megaphonkraft, die durchaus mit dem Lärm eines Schwerkraftlasters zu vergleichen ist.

Irgendwo über der Tür sitzt ein Vertreter der schallausbreitenden Insekten und gibt lauthals seinen Sitzort bekannt. In seinem mit dem "Trommelorgan" erzeugten Geschrille gehen sämtliche anderen Geräusche unter.  Sie schrillt was das Zeug hält.

Wie war das mit der Stille in den Regenwaldnächten? Wenn ich sie nur finden würde, dann könnte ich ihr mal meine Meinung sagen. Allein, ich finde sie nicht. Die Katzen helfen mir bei der Suche auch nicht wirklich. Wahrscheinlich sind sie von der Beschallung, so wie ich, auch schon am Ende ihrer Nerven. Dabei ist noch nicht einmal Sommer. Dann legen sie erst richtig zu, treffen sich zum gemeinsamen Schrillen.

Ich versuche, das Insekt mit "Don't cry for me Argentina" zu beeindrucken, mit dem Ergebnis, dass die Zikade noch eins drauflegt. Vielleicht sollte ich es mit Guns N'Roses versuchen oder mit "Stairway to heaven".

Jetzt hat sie den Platz gewechselt, führt ihre Arie auf der anderen Hausseite neben dem Fenster fort.

Bitte, liebes Tierchen, hab' Einsehen.... H I L F E

Donnerstag, Oktober 20, 2016

Watschn für Stadträte

Die Wahl ist immer noch Gesprächsthema Nummer Eins. In einigen Städten Brasiliens gibt es eine Stichwahl unter jeweils zwei Bürgermeisterkandidaten. In Antonina wird ab Januar ein Zahnarzt das Regent führen. Gesprächsthema ist aber mehr der Ausgang der Stadtratswahl. Von den elf bisherigen Stadträten hat es nur ein einziger geschafft, wieder gewählt zu werden. Alle anderen haben eine Watschn erhalten.

Irgendwie hatten die Antoninensen die Schnauze voll von der alten Riege, die sich seit Jahren immer wieder hat wählen lassen, deren Väter, Brüder und Onkel auch schon Stadtrat waren. Absprachen hat es vorher keine gegeben. Keine Debatten, nix war bekannt geworden. Instinktiv haben einfach alle kollektiv anders gewählt als sonst. Selbst diejenigen, die eigentlich als beliebt und ehrlich galten, hat es erwischt, sind dieses Mal außen vor geblieben.

Erstmals sind gleich zwei Frauen in der "Câmara de Vereadores" Antoninas. Ein Novum in der von Männern dominierten Kommunalpolitik.

Eine von ihnen hat mit knapp 500 Stimmen die höchste Stimmenzahl erreicht. Ihr Mann war ein paar Wahlperioden hintereinander schon Stadtrat gewesen. Seine Beliebtheit hatte er allerdings seiner Frau zu verdanken, die sich seit Jahren erfolgreich für eine Vereinigung der Landbewohner einsetzt und dafür, dass die Landmenschen in Paranaguá und Curitiba medizinisch versorgt werden. Einige werfen ihr vor, dass sie Nachbarn, Bekannte und Freunde in die beiden Städte fährt. Sie sehen das als Korruption an, weil sie sich damit beliebt macht und Stimmen sichert. Ob sie aus Nächstenliebe handelt oder nicht, weiß ich nicht. In die eigene Tasche greifen musste sie für die Fahrten bisher jedenfalls nicht. Die konnten vielmehr als Tagesreisen über das Vereadorsamt ihres Mannes abgerechnet werden.

Andererseits ist es gerade für die Landbevölkerung schwer, in die Städte zu gelangen. Es sind umständliche Tagesreisen, die mit dem Bus teuer sind. Überhaupt einen Untersuchungstermin in den großen Krankenhäusern Curitibas zu erhalten ist nicht einfach. Ohne die Hilfe der neugewählten Stadträtin, müssen die Bewohner der kleinen Landsiedlungen zuerst ein Attest vom Arzt holen, der einmal in der Woche zum Gesundheitsposten kommt, wenn er denn kommt. Mit dem Attest müssen sie nach Antonina fahren und zur nachtschlafenen Zeit Schlange stehen, nur um einen Untersuchungstermin auszumachen. Der kann oft in weiter Ferne liegen und erst Monate oder ein Jahr später gewährt werden, weil die Listen meistens elends voll sind. Wer das Wohlwollen der neuen Stadträtin hat, kann schneller mit einem Termin rechnen, muss dazu nicht nach Antonina fahren und erhält auch noch eine Mitfahrtgelegenheit mit irgendenjemanden. Wer für sie gestimmt hat, weiß, er kann auf ihre Hilfe zählen. Wer sich nicht diesem System der Hilfe einlassen will, muss warten.

Ob sich daran mit einem Zahnarzt als Bürgermeister etwas ändern wird, ist fraglich. Die Strukturen sind festgefahren und die Landbevölkerung ist schnell vergessen. Immerhin hat die ungewöhnliche Wahl aber gezeigt, dass die Antoninensen Veränderungen wollen. Das ist ja auch schon ein Anfang.

Montag, Oktober 17, 2016

Super-lua Mondparfüm


Weil der Mond derzeit näher an der Erde steht, erscheint er
heller und größer als üblich. Sie nennen das "Super lua".
Der Mond steht im Widder, und es ist ein Supermond, sagt Alessandro. Der Mond ist im Portugiesisch weiblich, "a lua", die Mondin. Am Sonntag war sie eine "Super lua". Weil sie derzeit näher an der Erde steht, erscheint sie um Etliches größer als normal und strahlt dreimal heller als sonst.

Araça-Blüten hüllen nachmittags und nachts alles mit
ihrem herb-würzigen Duft ein.
Nach Tagen des Regens ist der Sonntag plötzlich mit strahlendem Sonnenschein und 32 Grad gekrönt. Das Wetter hält bis zum Abend. Nach Sonnenuntergang schauen wir Mond. Wir stehen oben am Waldweg und bestaunen, wie er sich langsam den Himmel erobert. Hinter uns zeichnet er unsere Schatten-Silhouetten auf den Weg.

Auf dem Rückweg von unserer Mondexkursion zum Haus umschmeichelt uns der Duft der Araça-Blüten. Ein herb-würziger Duft, den die Blüten nachmittags ab 16.30 Uhr freigeben, wenn die Sonne sich schon Richtung Horziont neigt. Sie sind meine Blumenuhr. Bis Mitternacht duften sie, dann spielen sie bis zum nächsten Nachmittag wieder Aschenputtel, verschwindet ihr Zauber für eine Weile.

Nur eine Stunde später ist der Himmel zugezogen, kündet ein Grummeln ein Nachtgewitter an, das sich wenig später mit aller Gewalt über unser Häuschen ergießt.

Samstag, Oktober 08, 2016

Mailbox aus Bambus


Unser Wasserleser hat sich bisher immer im Papierfalten geübt, hat die Rechnung quer und längs und quer und nochmal längs gefaltet, bis sie so klein war, dass sie unter dem Deckel der Wasseruhr Platz gefunden hat. Spaß hat ihm das wohl nicht gemacht. "Bitte einen Briefkasten aufstellen", hat er des öfteren in krakeliger Schrift auf die Rechnungen geschrieben.

Also habe ich gebastelt. Habe Reste eines Bambus, Latten und Pressholz zusammen gesucht und eine Mailbox gebaut. Die steht jetzt neben der Wasseruhr am Wegesrand, etwa 300 Meter vom Haus entfernt, weil die Wasserwerke ja die Leitung nicht bis zu uns verlegen wollten.

Bin ja gespannt, wie lange unsere Mailbox aushalten wird. Alles, was aus Holz ist, findet hier reißend Abnehmer. Sogar unsere Müllbox ist mehrfach abmontiert worden, weil irgendjemand das Holz brauchen konnte, zum Einheizen, um das Auto aus dem Schlamm zu ziehen oder für Weiß-nicht-was. Seit Alessandro die Müllbox aus einem alten Eisenfass gebaut hat, steht sie unbehelligt da.

Vielleicht haben wir Glück mit unserer Mailbox. Immerhin ist Bambus bei den Landbewohnern nicht so beliebt. Um das Klauen zu erschweren, hat Alessandro den Fuß der Mailbox in eine PET-Flasche betoniert, die wir jetzt tief eingegraben haben. Wer die Mailbox mal eben mitnehmen will, muss da schon mit der Säge anrücken.

Sollte sie trotzdem abhanden kommen. Ist das aber auch nicht wirklich schlimm. Dann baue ich einfach eine neue und fühle mich geschmeichelt, dass die alte irgendjemanden so gut gefallen hat, dass er sie ausgegraben hat.

Freitag, Oktober 07, 2016

Regenwaldkirschen - Eine süße Überraschung


Nur vier Wochen hat es gedauert, bis aus der Blüte der Cereja
dunkelrote Früchte geworden sind.
Sie nennen sie Kirsche der Mata Atlântica, Regenwaldkirsche. Nein, sie ist nicht verwandt mit der Kirsche. Sie sieht ihr nur ein wenig ähnlich. Aber sie ist eine Überraschungsfrucht.

Vor ein paar Jahren haben wir etliche der im Atlantischen Regenwald heimischen Kirschbäume (Eugenia involucrata) gepflanzt. Jetzt hat einer von ihnen zum ersten Mal geblüht. Das war Anfang September. Als ich die Blüten gesehen habe, dachte ich zuerst, sie gehören zur daneben stehenden Goiaba (Guave). Sie sind aber nicht an den ausladenden Ästen der Goiabeira gewachsen, sondern am dünnen Bäumlein der "Cereja".

Nur vier Wochen nach der Blüte, hat uns das gerade einmal drei Meter hohe Bäumchen dann mit roten Früchten überrascht. Ungefähr ein Dutzend Kirschen hat es uns und den Vögeln geschenkt.

An der Bushaltestelle, etwa 800 Meter von uns entfernt, steht auch ein Exemplar dieser Bäume, die sie hier Kirschen (Eugenia involucrata) nennen. Anders als unsere ist er ein riesiger Regenwaldkirschbaum-Geselle. Er hat winzig kleine rote Früchte, die ich schon ein paar Mal versucht habe. Sie schmecken aber nicht wirklich nach irgendetwas.

Als ich mir jetzt freudig eine unserer "Kirschen" in den Mund stecke, zieht sich mir sofort alles zusammen. Gegen den Reflex, das saure Zeug sofort wieder auszuspucken, komme ich nicht an. Schade, und ich dachte tatsächlich, dass "unsere" Regenwaldkirschen vielleicht besser schmecken.

Ich spucke, das saure Zeug aus. Alessandro schaut enttäuscht. Ist wohl eher Vogelfutter, sage ich. Vielleicht sind sie auch nur nicht reif genug. Ein paar Tage später probieren wir es wagemutig noch einmal, mit den letzten zwei übrig gebliebenen Exemplaren, die noch am Bäumchen hängen. Jetzt ist ihre Farbe schon dunkler und ihr Fruchtfleisch weicher. Vorsichtig beiße ich ein Winzstücklein ab und glaube zuerst, eine andere Frucht im Mund zu haben.

Die süßesten Regenwaldkirschen wachsen nicht
beim Nachbarn, sondern bei uns!
Die ist ja süß, fruchtig, erfrischend. Kurz: Lecker. Alessandro steckt sich seine gleich auf einmal in den Mund. Schmeckt wie Pitanga, sagt er, nur süßer. Pitanga ist eine kleine rote Frucht eines hier typischen Strauches. Später finden wir im Internet heraus, dass die beiden tatsächlich verwandt sind und, dass sie zu den Myrtengewächsen gehören.

Nur schade, dass wir voreilig versucht haben, die anderen Exemplare unreif zu verspeisen. Jetzt müssen wir ein Jahr warten, bis wir wieder in den Genuß dieser süßen Regenwaldfrucht kommen. Immerhin wissen wir aber jetzt, dass wir uns beim nächsten Mal ein wenig zügeln und warten müssen, bis sie reif genug sind, um sie zu genießen.

Ein paar der Kerne unserer Kirschproben habe ich aufgehoben. Ich will versuchen, neue Pflänzlein zu ziehen und weitere Bäumchen zu pflanzen, um irgendwann mitten in der Mata Atlântica mit einem Schlemmergarten aufzuwarten.

Donnerstag, September 29, 2016

Wahlkampfspektakel im Endspurtfest

Noch wird in Antonina der Wahlkampf gefeiert. Das Aus für Carreatas, Passeatas und Trios Elétricos kommt am Samstag (1.), Punkt 22 Uhr. Bis dahin wird aufgeboten, was möglich ist.

Kaum steige ich in der Stadt aus dem Bus, werde ich mit Reim-Dich-Friss-Dich-Liedern aus den Lautsprechern des Mini-Trio Elétrico emfpangen. Eine junge Frau läuft auf mich zu und will mir ein "santinho" in die Hand drücken. Danke, sage ich, und schüttle zu ihrer Enttäuschung den Kopf. Das Kopfsteinpflaster ist längst schon zum Mosaik von santinhos geworden, kleine Zettel, die die Konterfeis der Bürgermeister- und Stadtratskandidaten zeigen. Unter dem Konterfei der Herren und Frauen Kandidaten steht die dazu gehörige Nummer, die am Sonntag von den Wählern in die elektronischen Urnen eingetippt werden soll.

Ein Pfiff ertönt und der Unterstützungstrupp verteilt sich auf Autos und Motorräder. Kurz später ziehen sie mit herunter gekurbelten Fenstern, aus denen gelb-rote Luftballons hängen, johlend und hupend an mir vorbei, dem voranfahrenden Mini-Trio Elétrico hinterher, auf dem drei Männer und Frauen so etwas wie tanzen. Als sie auf die Rua XV de Novembro einbiegen, kommt aus der anderen Richtung der Tross eines Gegenkandidaten. Auch dort wird der Kandidat gefeiert. Nur die Farbe der Luftballons und die Jingle-Melodie, die unterscheiden sich vom ersten Tross.

Mit maximal 80 Dezibel dürfen die Kandidaten von 8 bis 22 Uhr ihre Umgebung beschallen. In der Zeit des Wahlkampfes sind ruhige Plätzchen in dem sonst verschlafenen Städtchen rar. Und doch läuft der Wahlkampf in Antonina im Vergleich zu anderen Städten sehr geruhsam ab.

Geschossen wird nur mit Worten, nicht mit Munition wie in dem 100.000 Einwohner zählenden Itumbiara im brasilianischen Bundesstaat Goiás. Dort hat am Mittwoch ein 53-jähriger Angestellter der Stadtverwaltung seelenruhig sein Auto geparkt, um dann auf den vorbeifahrenden Wagen das Feuer zu eröffnen, auf dem sich einer der Bürgermeisterkandidaten befunden hat. Der Kandidat war auf der Stelle tot, der Vize-Gouverneur und noch ein Unterstützer sind schwer verletzt. Ein Polizist, der einschreiten wollte, wurde ebenso erschossen und letztlich haben die Polizisten dann, den Schießer erschossen. Im Großraum von Rio de Janeiro werden mindestens 14 Mordfälle von Kandidaten untersucht. Auch in einigen anderen Städten gab es Morde und Mordversuche und in einer wurde eine hausgemachte Bombe in den Hauseingang eines der Bürgermeisterkandidaten geworfen.

Der Oberste Richter Gilmar Mendes hat zügige Ermittlungen gefordert. Vielleicht sind nicht alle der Mordfälle politisch motiviert. Vielleicht sind aber auch gar nicht alle erfasst, weil sie als Raubüberfall, Unfall, Abrechnung oder anderes deklariert werden. Es ist eine dunkle Geschichte mit einer noch düsteren Aufklärungsrate.

Gilmar Mendes geht einen Schritt weiter und warnt vor dem organisierten Verbrechen im politischen System. Mehr sagt er nicht. Dann werden plötzlich Militärtrupps versprochen, um in 408 Städten und Gemeinden für Sicherheit während der Wahl zu sorgen. 25.000 Soldaten sind für das riesige Land dazu abbestellt worden. Nicht viel und doch erschreckend, dass in dem Land, das bis 1985 von einer Militärdiktatur regiert worden ist, ausgerechnet das Militär zum Schutz der Politiker und Wähler herangezogen wird.

Mittwoch, September 28, 2016

Dem Saci-Pererê seine Bambusorchidee

Unser Bambus mit einer Mini-Orchidee, die ich
bisher nur auf Guaven-Bäumen gefunden habe
Im Bambushorst da lebt der Saci-Pererê, ein kleiner Kobold, der mit Mensch und Tier seine Späße treibt. Damit haben wir auf "unserem" Grundstück für eine kleine Saci-Pererê-Population gesorgt, weil wir an verschiedenen Ecken und Enden Bambus gepflanzt haben.

Ein besonders schönes Heim hat er hinter dem Hundezwinger. Da wächst der Bambusa vulgaris prächtigst vor sich hin. Seine Stangen sind am Fuß mit Moos bewachsen und bieten dem kleinen Kobold einen grünen Samt-Teppich. An einem der Kolme hat der Saci-Pererê jetzt sogar eine Balkonblume bekommen, eine kleine Orchidee mit winzigen gelben Blüten. Die habe ich bisher nur auf den Goiaba-Bäumen (Guaven) gefunden. Wer weiß, vielleicht war ja das kleine Männchen selbst am Werk und hat dafür gesorgt, dass sie in seinem Heim wächst.

Der Saci-Pererê ist eine Folklorefigur Brasiliens, die auf eine Legende der Indios Südbrasiliens, der Tupi, zurückgeht. Im Laufe der Kolonialisierung des Landes ist sie dann mit anderen Kulturen vermischt worden. War er zunächst ein "curumim" mit zwei Beinen, dunkler Hautfarbe und einem Schwanz und eine eher furchterregende Gestalt, ist er durch den Einfluss der afrikanischen Mythologie zum einbeinigen, schwaryen Männlein geworden. Eins seiner Beine hat er beim Capoeira-Kampf verloren, so die neue Legende. Von der europäischen Mythologie hat er zudem ein rotes Käppchen geerbt.

Mitten im Bambushorst soll der Saci zur Welt kommen, genauer gesagt in den Sprossen und inmitten einer Windrose. Da lebt er sieben Jahre lang, um dann noch einmal 77 Jahre lang seine Scherze mit Mensch und Tier zu treiben, die Bohnen anbrennen lässt, Schlüssel versteckt und die Mähnen der Pferde zusammenbindet. Dann stirbt er und verwandelt sich in einen giftigen Pilz oder einen Baumpilz, wie erzählt wird. Schade, dass ich die 77 plus 7 Jahre wohl nicht erleben werde, um zu sehen, ob dann am Bambus auch tatsächlich ein Schwammerl wächst. Dann wäre ich nämlich 121 Jahre alt. Aber wer weiß, vielleicht schaffe ich das ja doch irgendwie...

Dienstag, September 27, 2016

Funktionierender Ofen mit qualmender Herdplatte

Jippih, er funktioniert, unser selbstgebauter Ofen. Alessandro hat einen Kamin mit Backsteinziegeln gemauert. Der ist zwar noch nicht ganz fertig, aber hat schon eine ausreichende Höhe erreicht, so dass wir uns heute an das Ofeneinheizabenteuer gewagt haben. Ein wenig bang war mir ja schon, ob das von mir zusammen gewurschtelte System wirklich so funktionieren wird, wie ich mir das vorgestellt habe.

Am Anfang war ich allerdings den Tränen nah, als plötzlich Qualm von der Herdplatte aufgestiegen ist. In Gedanken habe ich uns schon beim Abriss des Kamins gesehen, um den Ausgang vom Ofen zum Kamin zu verlegen und einen besseren Abzug zu erreichen. Die Umleitung des Rauchs war wohl doch nicht so gut, wie sie sich theoretisch angehört hat. Alessandro hat von meiner Abrissidee wenig gehalten. Hat nur gedrückt herum geschaut und dann gemeint, "Nein, der Kamin bleibt. Wir schmieren einfach die Herdringe mit Lehm zu, dann kann der Rauch an deren Rändern nicht mehr austreten, und fertig".

Wieder haben wir die Türen aufgerissen, um den Rauch in die Nacht hinaus zu lassen. Die Katzen waren wieder einmal sehr begeistert und haben es sich gleich auf dem Sofa neben dem Ofen bequem gemacht. Der Rauch hat sie alles andere als beeindruckt.

Seltsamerweise hat der Qualm nicht wirklich nach Rauch von verschwelendem Holz gerochen. Es war eher ein stechender Geruch nach Chemie, der unsere Nasen hinauf gezogen ist. "Das ist das Mittel, mit dem sie die Herdplatte eingelassen haben", sagt Alessandro. Es stimmt. Jetzt fällt es mir ein. Als ich mit Manuela zusammen am Strand eine kleine Bar betrieben habe, haben wir "Espetinhos", Fleisch- und Gemüsespieße, angeboten. Die haben wir auf einen von einem Schmied angefertigten Grill gebraten. Beim ersten Grillen mussten wir aber erst einmal alle Spieße wegwerfen. Auch der Grill war mit irgendeinem Mittel eingelassen, das einen höllischen Gestank verursacht hat. Natürlich sind wir am nächsten Tag zum Schmied gefahren und haben uns erst einmal beschwert. Der hat nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, dass wir zu vorschnell waren, weil doch Grille erst einmal ohne Fleisch eingeweiht werden müssten. Er hatte Recht. Bei der zweiten Befeuerung gab es keinen Gestankqualm mehr.

Nach etlichen Minuten hat auch unsere Herdplatte aufgehört, stinkenden Qualm zu verbreiten. In der Brennkammer hat das wenige Holz geknackst und für eine wohlige Wärme gesorgt. Nicht einmal einen Arm voll Holz haben wir verbraucht. Nur ein paar kleinere Scheite haben gereicht, um ausreichend einzuheizen.  Er ist also doch ökonomisch. Es muss mindestens eine Tonne gewesen sein, die von mir herunter gefallen ist, als der Ofen endlich schön vor sich hin gebollert hat.

Was nicht wirklich funktioniert hat, war die Schamottmasse, die wir gekauft haben. Die sollte eigentlich für Churrasqueiras (gemauerter Grill) geeignet sein, heißt es zumindest auf der Verpackung. Um die Herdplatte herum ist sie aber so heiß geworden, dass sie teilweise kleine Risse bekommen hat. Sogar zwei der Ziegelklinker haben kleine Sprünge bekommen. Tolle Qualität.

Morgen, wenn der Ofen ausgekühlt ist, werde ich vorsichtshalber die Brennkammer unter die Lupe nehmen. Da hat Alessandro aber Zucker in die Masse gemischt. So dass da nichts fehlen dürfte. Aber besser ist besser.

Alles in Allem bin ich aber zufrieden mit unserem Werk. Jetzt sitze ich hier bei angenehmen 22 Grad und bin begeistert von unserem Ofen. Habe heißes Teewasser Griffbereit und gleich einmal einen Topf Reis für die Katzen aufgesetzt und damit die Herdplatte eingeweiht.

Frieren werde ich im Winter jetzt nicht mehr und auch nicht in den kühlen Frühjahrs- und Herbstnächten Südbrasiliens. Die nächste Kaltfront kann kommen.