Samstag, Juli 07, 2018

Vertikaler Bambus-Garten

Unser vertikaler Garten aus Bambus

Vertikale Gärten haben viele Vorteile. Abgesehen davon, dass sie platzsparend sind, schonen sie den Rücken.  Ich bin ganz verliebt in unseren. Den ersten Salat daraus haben wir mittlerweile schon verspeist.

Gebaut habe ich ihn aus Bambusresten. Dieses Mal habe ich die Bambusstangen nicht in Borax eingelegt, um sie so vor einem Käferbefall zu schützen. Stattdessen hat der Bunsenbrenner hergehalten. Durch Flamme und Hitze verändert sich die im Bambus enthaltene Stärke. Der Käfer (hier nennen sie ihn "Broca") mag das nicht so und lässt die Stangen eine zeitlang in Ruhe.

Zum Schutz vor Regen und unserer stets zu hohen Luftfeuchte gab es eine Lacklasur drüber. Nur die bepflanzten Rohre, die sind nicht behandelt und nicht lackiert. Sie werden dementsprechend schneller verrotten. Das ist kein Problem. Durch die Verrottung gibt es zusätzliche Nährstoffe für Salatpflanzen und Kräuter. Wird das Pflanzrohr zu zerbrechlich, wird es einfach ausgetauscht. An Bambus mangelt es bei uns mittlerweile nicht mehr. Wir haben genügend angepflanzt und die Horste wachsen ausgesprochen gut.

Statt Bambusrohre lassen sich auch Wasserrohre aus Plastik mit einem Durchmesser von 10 cm hernehmen. Der Bambus hat aber den Vorteil, dass er ebenso isolierend wirkt und die Wurzeln vor der tropischen Hitze oder jetzt im südbrasilianischen Winter vor der Kälte schützt.

Freitag, Juli 06, 2018

Unser Kaffee - angebaut im Regenwald

Sein Aroma umschmeichelt Gaumen und Rachen. Noch lange nach dem Hinunterschlucken ist es da. Ein wenig nussig, ein bißchen zimtig und ein Hauch von Schokolade sind zu spüren.

Unser eigener Kaffee. Drei Sträuchlein haben wir vor ein paar Jahren gepflanzt. Ich glaube, sie waren vom IAPAR, dem landwirtschaftlichen Forschungsinstitut Paranás. An den Namen der Sorte erinnere ich mich nicht mehr. Vielleicht habe ich den auch nie gewusst. Ob es Arábica ist?

Arábica ist die Grundlage des Espresso. Ein wenig bitter. Dennoch wird vor allem er in Brasilien angebaut. Je nachdem wie das Klima ausfällt, werden in dem südamerikanischen Land jährlich etwa 50 Millionen "Sacas" Kaffee produziert. Davon sind 35 Millionen Sacas Kaffee Arábica und 15 Millionen Sacas Kaffee Conilon. Ein "Saca" ist ein Sack mit 60 Kilogramm. Die Ernte beträgt damit etwa 3 Millionen Tonnen Kaffee pro Jahr. 2016 waren es aber "nur" 43 Millionen sacas. Das Vorjahr war zu trocken, der Regen ist zur falschen Zeit gefallen.

Vielleicht ist unser Kaffee ja ein Conilon. Harmonisch, mit wenig Bitterstoffen und geringer Azides ist bei seiner Beschreibung zu lesen.

Kaffeebohnen mit Hülse zum Trocknen ausgelegt
Dieses Jahr war ein gutes Kaffeejahr. Die Äste unserer Sträuchlein waren übervoll mit Früchten. Jeden Tag habe ich sie inspiziert und nur die dunkelroten, die reifen Früchte abgezupft. Schwiegermutter hat geholfen, die Kerne vom Fruchtfleisch zu trennen.

Dann haben wir sie in Wasser gelegt, damit sie Fermentieren. 24 Stunden sind sie darin gelegen. Die klitschigen Bohnen habe ich mit einem Tuch abgetrocknet und in Körben in die Sonne zum Trocknen gestellt. Jeden Abend kamen sie wieder ins Haus, damit sie keinen Tau abbekommen.

Das Klima hat gut mitgespielt. Die sonnigen Tage des südbrasilianischen Herbstes haben ausreichend angehalten, um die Bohnen in ein bis zwei Wochen zu trocknen.

Jede Bohne ist noch einmal von einer dünnen Schale umgeben. Sind sie trocken genug, können die Bohnen in der Hand zerdrückt werden, um sie von den Hülsen zu befreien.  Die "Caboclos", die einheimische Landbevölkerung, benutzt dazu den "Pilão". Ein kniehoher Mörser aus Holz. In dem werden die Hülsen mit leichten Schlägen gebrochen. 

Daran schließt sich eine Kunst an. Der auf großen Tellersieben verteilte Inhalt des Mörsers wird im Freien mit Schwung nach oben geworfen und wieder aufgefangen. In der Luft kommt der Wind zur Hilfe. Er verweht die Hülsen. Was übrig bleibt und wieder aufgefangen wird, sind die Kaffeebohnen. 

Es sieht so tänzerisch und einfach aus, wie die Caboclos den Kaffee nach oben werfen und wieder auffangen. Bei mir sah es eher so aus, als würde ich Federball spielen und jeder einzelnen Bohne hinterher jagen, während der Rest unschön auf dem Boden gelandet ist. Mangels Fähigkeit habe ich die Bohnen dann doch handverlesen.

Juni und Juli sind in Südbrasilien kühle Monate. Die hohe Luftfeuchtigkeit bei uns an der Küste und im Wald lässt es noch kälter erscheinen. Beim Arbeiten tagsüber ist das kein Problem. Nachts werfe ich unseren Holzofen an. Auf dem habe ich die Bohnen vorgeröstet, ständig mit dem Holzlöffel hin und her gedreht, damit sie nicht anbrennen. Die restliche Röstung hat der Backofen bei niedriger Temperatur übernommen.

Unser selbst angebauter und verarbeiteter Kaffee.
Viel Arbeit, aber eine ausgesprochene Köstlichkeit.
Was war unser Häuschen mit dem Geruch des gerösteten Kaffees angefüllt. Kaum konnten wir es erwarten, unseren selbst angebauten Kaffee zu verköstigen. Das Abkühlen konnte nicht schnell genug gehen. Immer wieder habe ich die ölig-samtigen Bohnen durch die Finger rieseln lassen bevor sie in der hölzernen Handmühle und schließlich als Pulver in der Kaffeekanne gelandet sind. 

Noch unreife Früchte unseres Kaffeesträuchleins
Unser eigener Kaffee, ein einzigartiges Erlebnis. Etwa ein Pfund ist es geworden, wertvoller als Gold.

Jetzt werde ich Stecklinge machen und weitere Kaffeebäumlein auf einer Lichtung bei uns im Regenwald pflanzen, um irgendwann mehr dieser Köstlichkeit im Haus zu haben.

Dienstag, Juli 03, 2018

Schokoladenblues


 Ich hätte jetzt gerne ein Stückchen Schokolade...
(Foto: Marcos Santos, USP Imagens)
Ich hätte jetzt gerne ein Nutella oder eine Milka mit Haselnuß oder ein Ferrero Küßchen oder eine Ritter Sport.

Gibt es alles bei uns nicht.

Nutella gab es mal. Das war, bevor der Euro auf über 4 Reais gestiegen ist. Da hat ein Winzgläschen 30 Reais gekostet, genauso viel wie 10 Kilogramm feinster Vollkornreis. Drin war gerade einmal ein Eßlöffelchen. Ein Schleck und weg. Seufz. Wahrscheinlich ist damals schon die teure Haselnußcreme in den Verkaufsregalen vergammelt. Vor dem Vergammeln hätten sie die auch mir zukommen lassen können. Haben sie aber nicht. Jetzt würde das Gläslein vermutlich 50 Reais kosten, wenn es denn importiert werden würde. Das rentiert sich derzeit aber nicht. Seit Monaten ist es gänzlich aus den Regalen des Supermarktes verschwunden.

Kakao-Frucht
In kaum einem anderen Land wird soviel
Kakao angebaut, wie in Brasilien.
(Foto: Sidney Oliveira, fotospublicas.com)
Das gilt beinahe auch für die hiesige Schokolade.

Ihr wisst es vielleicht nicht, aber wir leben hier im Kakaoland. Drei Bäumlein haben auch wir gepflanzt. In keinem anderen Land der Welt wird so viel Kakao angebaut, wie in Brasilien. Ist nicht gerade Ostern, landet er in Form von Schokolade trotzdem kaum in den Supermärkten, zumindest nicht in denen unseres Hafenstädtchens.

Gibt es mal welche, können wir auswählen zwischen "garoto" und "garoto". Der Preis? Etwa genauso viel, wie ich für zwei Kilogramm Vollkornreis zahle. Dafür bekomme ich ein Winztäfelein, wenn ich es denn bekomme. Früher war auch das größer. Dann kam die Krise. Die hat die Schokoladentafeln halbiert und den Preis erhöht. Für Weniger dürfen die Verbraucher tiefer in die Tasche greifen.

Ach, ich hätte jetzt gerne ein Stückchen Schokolade. Statt mir ein solches in den Mund zu schieben, werde ich meinen Händen eine andere Arbeit geben: Geschirrspülen. Was für ein Ersatz.... zum Dahinschmelzen... :)

Sonntag, Mai 27, 2018

Lasterstreik: Leere in der Stadt

Nur drei Tage waren notwendig, um für ein Chaos zu sorgen. Am Montag (21.04.18) haben die LkW-Fahrer ihren Streik begonnen. Die Rede ist von 500.000 Brummifahrern, die mit ihren Lastern wichtige Verbindungs- und Zufahrtsstraßen blockiert haben.

Am Dienstag sind in einigen Regionen Brasiliens bereits Waren knapp geworden. Am Mittwoch fehlte vor allem in kleineren Städten schon Benzin und Diesel. Als wir am Mittwoch zum Einkaufen in der Stadt waren, haben wir sie gesehen, die Schlangen vor den einzigen zwei Tankstellen, die es in dem 18.000 Einwohner zählendem Munizip gibt. Kurz später hat unser Nachbar vom Aus des Treibstoffes berichtet. Am Freitag sind auch in den Metropolen die Zapfsäulen fast aller Tankstellen trocken. Dort, wo es noch Benzin gibt, bilden sich Kilometerlange Schlangen davor. Manchmal muss die Polizei eingreifen, um gewalttätige Streits um den restlichen Sprit zu vermeiden.

Ausgegangen ist der auch an einigen Flughäfen. In den Abendnachrichten werden Passagiere dazu aufgerufen, doch vorher nachzufragen, ob ihr Flug auch wirklich geht oder ob er abgesagt worden ist, um unnötige Fahrten zum Flughafen zu vermeiden.

An den Häfen werden die Ankerplätze knapp. Den Schiffen fehlt es an Treibstoff und an Containern, weil Soja, Fleisch, Zucker und sonstige Waren nicht ankommen. Um hohe Lagerkosten zu vermeiden, entscheiden etliche Kapitäne, ihre Route auch mit nur halb vollem Laderaum fortzusetzen. Schnell wird von Schäden in dreifacher Millionenhöhe gesprochen.

An einzelnen Häfen kommen den Brummifahreren Fischer zu Hilfe, versperren mit ihren Kuttern die Hafenausfahrten.

Etlichen Großmarkthallen fehlen nach wenigen Tagen das Obst und das Gemüse. Statt vom üblichen, hektischen Treiben sind die Umschlagplätze für allerlei Waren von einer gähnenden Leere geprägt.

Warten auf den Omnibus

Vor allem in den größeren Städten und Metropolen führt der Dieselmangel zu einem Chaos im Nahverkehr, bleiben viele Busse in den Garagen. Den Rest müssen sich hunderttausende Menschen teilen. Die Folge sind Stunden des Wartens, um sich dann in einen Bus zu quetschen und die Fahrt zur Arbeitsstelle aufzunehmen.

Rufe vorher an, hat Alessandro mir noch geraten, als ich heute mit dem Bus in die Stadt fahren wollte. Seit Mittwoch gibt es in Antonina schon keinen Sprit mehr. Ich rufe nicht an, gehe das Risiko ein, an der Bushaltestelle vor den Bananenstauden umsonst zu warten. Als ich dort eintreffe, stehen Seu Antoninho und seine Frau schon da. Er wird schon kommen, sagt sie. Bei so wenigen Bussen in Antonina wäre es doch schwierig, dass denen der Diesel ausgeht.

Fast überall drehen sich die Gespräche um den Brummifahrerstreik - auch in der Stadt. Unser Omnibus ist nicht ausgefallen. In unserer Rüttelschüssel dreht sich ebenso alles um den Streik. Sie sollen nicht aufhören, sollen weitermachen, sind sich die zwei Männer vor mir einig. Wir wurschteln uns schon durch, fügt die Frau nebenan hinzu und verweist damit auf die immer leerer werdenden Regale in den Supermärkten. Versorgungsengpass heißt das.

Leer ist auch die Stadt. 

Während der Ölkrise in den 70er Jahren gab es in Deutschland autofreie Sonntage. Damals sind wir mit unserem Vater zur Autobahn gelaufen. Wir wollten sehen, ob es stimmt, dass auf der tatsächlich keine Autos zu sehen sind.

Jetzt sieht die Altstadt Antoninas am Samstag so aus, als wäre ein autofreier Sonntag ausgerufen worden und fast alle würden sich daran halten. Nur vereinzelt zuckelt ein Auto irgendwo vorbei. Zu Hause geblieben sind aber auch Radfahrer und Passanten.

Es ist ein angenehmer Tag mit 20 Grad Wärme, ein wenig Sonne. Genau so einer, wie er perfekt für einen Stadtbummel wäre. Wäre. Die wenigen Touristen, die es wochenends nach Antonina treibt, haben wahrscheinlich zu wenig Benzin im Tank, um eine Reise das Gebirge hinunter an die Küste zu wagen.

Wann es wieder Sprit geben wird, ist nicht absehbar. Am Donnerstag haben sich eigentlich einige der LkW-Fahrer-Vereinigungen und die brasilianische Regierung auf einen Punktekatalog geeinigt. Der sieht stabilere Dieselpreise und Steuersenkungen vor. Die Brummis sind trotzdem nicht gerollt. Am Freitag hat Brasiliens Präsident Michel Temer dann ein Dekret für einen Militäreinsatz erlassen. Militär und Polizei sollen die Blockaden auflösen. Geschehen tut vorerst nichts.

Warum lässt sich die Regierung dieses Mal so viel Zeit? Brasilien ist mit Antworten auf Proteste und Demonstrationen eigentlich nicht gerade zimperlich. Vor wenigen Jahren hat die Militärpolizei in Curitiba ungehemmt auf demonstrierende Lehrer eingeschlagen. Bei den Protesten 2013 und 2014 war es nicht anders.

Erst Samstagnacht werden die meisten der Brummi-Blockaden aufgelöst und die Schnellstraßen wieder befahrbar. Beim Großteil kam nicht die Armee, sondern die Polizei zum Einsatz. Laut Dekret kann das Militär hingegen bis zum 4. Juni in sämtlichen Bundesstaaten Brasiliens aktiv werden.

Auf der Suche nach dem Diabetes-Medikament für die Schwiegermutter klappere ich die Apotheken ab. In der dritten werde ich fündig. In den Nachrichten heißt es, dass in großen Krankenhäusern Operationen verschoben werden, weil Medikamente, Material und Sauerstoff knapp werden. In vielen Gesundheitsposten Brasiliens ist das auch ohne Streik der ganz normale Alltag.

Theoretisch ist das Diabetes-Medikament kostenlos am Posten zu erhalten. Da ist es schon vor Wochen ausgegangen, in der Volks-Apotheke Antoninas ebenso.

Noch sind viele Regale des größten Supermarktes unseres Städtchens gut bestückt. Nur die Fleischtheke ist sehr übersichtlich und halb leer, die Kaffeebox ebenso. Gemüse gibt es. Das mag auch an den erhöhten Preisen liegen. Seit gestreikt wird steigen sie. Ein Sack mit 50 Kilogramm Kartoffeln ist in den Großmarkthallen vor dem Streik für 50 - 75 Reais verkauft worden. Jetzt müssen die Händler 200 bis 500 Reais hinlegen, 10 Reais pro Kilogramm. Steigend ist auch der Milchpreis. Viele Bauern müssen ihre Milch wegschütten, weil sie nicht abtransportiert werden kann.

Preissteigerung

Antonina bleibt bisher von Hamsterkäufen verschont. In einigen Großstädten hamstert die Bevölkerung hingegen schon seit Tagen. Ich kaufe vorsichtshalber ein Päckchen Milchpulver und einen Kaffee mehr.

Wir sollten den Streik unterstützen, sagt eine Bekannte, die ich im Supermarkt treffe. Schließlich sei nicht nur der Diesel teuer, sondern auch das Benzin. Der Liter kostet derzeit über 4 Reais. Umgerechnet ist das nur ein Euro.  Allerdings können für 4 Reais beinahe zwei Kilogramm Mehl gekauft werden oder ein Kilogramm Vollkornreis.

Am Abend heißt es, dass einige der Arbeiter des Ölkonzerns Petrobras in den Streik getreten sind. Der war für den 12. Juni angekündigt und scheint jetzt zumindest teilweise vorgezogen zu werden.

Währenddessen eskortiert die Polizei Tanklaster, damit Omnibusse, Sanker und Polizeiwagen betankt werden können. Warum es keine Eskorten für die Laster mit lebenswichtigen Medikamenten und Operationsmaterial gibt, wird nicht erklärt.

Offene Fragen

Viele Fragen bleiben offen, auch die, ob der Streik anhalten wird. In der Bevölkerung scheinen die Brummifahrer Unterstützung zu finden. Bei meinem Stadtausflug habe ich keine einzige Gegenstimme gehört. An allen Ecken wurde diskutiert und an allen Ecken war der Grundtenor Zustimmung. Die geht den regierenden Politikern hingegen immer mehr verloren.

Wie die meisten Brasilianer sind auch wir vorerst noch gut mit Lebensmitteln versorgt. Wie sagte Antonnhos Frau? "Wir wurschteln uns schon durch." Orangen und Mandarinen hängen reif an den Bäumen. Die Bananenstauden sind voll mit Früchten. Die Taioba wächst prächtig und ein paar der Inhame sind ebenso bald erntereif.

Dienstag, Dezember 26, 2017

Stromloses und regenverstürmtes Weihnachten


Nein, es war kein besinnliches Weihnachten. Kaum war der Tisch mit dem Festschmaus aus Riesenhuhn, Reis mit Weintrauben, Farofa mit Bananen, Kartoffelsalat und allerlei gedeckt, war der Strom weg. Zumindest hat das Timing gestimmt. Die Kerzen für die Weihnachtsstimmung waren bereits angezündet.

Noch hatte das Oh-Du-Fröhliche die Oberhand, auch wenn draussen ein Regensturm wütete und die von uns angelegten Gräben in reißende Bäche verwandelte. Immerhin saßen wir bei einem nächtlichen Weihnachts-Candlelight-Diner im Trockenen.

Ganz so besinnlich ging es aber nicht weiter. Plötzlich haben sich von der Decke die Wand hinunter kleine Rinnsale gebildet. Die haben wir aber erst entdeckt, als wir uns unter prasselndem Regen gemütlich ins Bett verziehen wollten. Im stromlosen Dunkel aufs Bett gelegt, kam der Aufschrei. Das Bett ist naß. Die Decke ist naß, das Laken ist naß und auch die Matratze.

Die Taschenlampe angeknippst zeigte die Antwort auf die Frage des Warum. Die Steckdose an der Holzwand war zur Stromschnelle geworden. Dort haben sich die Tropfen der Wandrinnsale gesammelt, um fröhlich in einer Miniaturausgabe eines Wasserfalls auf Bettdecke, Laken und Matraze zu plätschern - und das in einem 2,3 mal 2,6 Meter kleinem Zimmerl, in dem jeder Quadratzentimeter als Stauraum ausgenutzt wird.

Das Resultat war eine Möbelumrückaktion im Strahl der Taschenlampe. Nach der standen wir mitten in der Nacht und mittlerweile hundemüde erst einmal da, beschäftigt mit der Frage, wie Wandrinnsale aufgehalten werden können. Das Ergebnis war keine Ingenieursleistung. Mit Engelsgeduld und Reißzwecken habe ich an der Deckenkante einen Bindfaden als Wassersammel- und Leitstelle befestigt. Weil die Tropfen aber immer noch zu Wandnah abgingen, musste noch ein Reservoir entwickelt werden. Das einzige was mir zur Stunde des Morgengrauens dazu einfiel war ein Reservoir aus einer Plastiktüte, von der aus letztlich die Tropfen in den darunter aufgestellten Eimer fielen. Im Takt der Tropfen habe ich die Tüte an die Wand getackert. Tropf, Tack, Zack, Mist, Mist und Doppelmist. Warum muss so etwas eigentlich an Weihnachten, mitten in der Nacht und ohne Strom passieren?

Die Ruhelosigkeit hat auch den ersten Weihnachtsfeiertag geprägt. Alessandro hat die Decke aufgerissen, nach und nach die Isolierschicht beseitigt, um zu sehen, wo der Regen Eingang in unser Gemach findet. Zwei mutmaßliche Stellen haben wir entdeckt, dort wo die eine Dachplatte zur nächsten übergeht. Wir haben sie abgedichtet, mit Silikon. Jetzt müssen wir nur noch den nächsten Starkregen abwarten, um zu sehen, ob das alles war und die Dichtung auch hält, was ihr Name verspricht. Bis dahin blicke ich vor dem Einschlafen auf die über mir vom Dach herunter hängenden Isolierfolienfetzen und die Unterseite der Dachplatten.

In wenigen Stunden sind in der Weihnachtsnacht 125 mm Niederschlag auf uns herunter getost. So viel regnet es sonst in einem ganzen Monat. Mein Weihnachtswunsch für nächstes Jahr steht deshalb jetzt schon fest: tagsüber Sonne und nachts trockenes Wetter und eine funktionierende Stromversorgung.

Sonntag, Oktober 15, 2017

Wesen des Regenwaldes



Sie sind überall. In Baumkronen, zwischen Lianen, an knorrigen Stämmen verstecken sich Gnome, Faune, Fratzen und seltsame Wesen.

Lass uns eintauchen in die magische Welt des Regenwaldes.

Ein Fisch beäugt mich aus dem Baum heraus, erstarrt in der Stille der Zeit. Was macht er da? Wie ist er dort hin gekommen? Warum hat er das Gurgeln des Baches mit dem Rauschen des Windes vertauscht?

Erzähl mir von deiner Welt, Fisch.

Stumm sieht er mich an.

Du täuschst dich. Ich war nie ein Fisch des Wassers. Geboren im Holz, geformt von den Launen der Natur präsentiere ich mich deiner Phantasie.  Eingebunden in das Mosaik des Waldes bin ich Lebensraum, bin ich Quelle.

Ich bin ein Wesen des Waldes. Ich bin nichts und bin alles.

Mein Regenwald, mein Buddha.

Regenwaldfrüchte im Frühling

Frühling.

Die Früchte sind reif.

Ja, es ist Frühling und der bringt uns ein paar reife Regenwaldfrüchte.

Die kleinen Wildhimbeeren sind voll und auch einer unserer Regenwald-Kirschbäume. Die Früchte ähneln tatsächlich der Kirsche. Die Cereja do Mato (Eugenia involucrata) wächst aber im Atlantischen Regenwald und gehört zu den Myrtengewächsen. Ihre Früchte sind sehr saftig und leicht süß.

Araça pera Früchte. Auf dem Foto sind die
kleinen. Wir haben aber schon wesentlich
grössere geerntet
Der Hit sind unsere Araça pera. Sie werfen jeden Tag ein paar Früchte ab. Die Früchte, der in Brasilien heimischen Araça, geben einen leckeren Saft. Nach ein paar Tagen Saftgenuss will ich aber doch auch etwas anderes aus ihnen machen. Marmelade ist das erste, was mir einfällt. Aber, habt ihr schon einmal Marmelade aus Äpfeln gemacht? Nein?

Was haben Äpfel mit der Araça pera zu tun? Beide haben eine ähnliche Konsistenz.

Zuerst genieße ich den süßsauren Duft der Araça pera während ich versuche, sie mit einem Spritzer Zitronensaft und Gelierzucker einzukochen. Plötzlich will es ein wenig brandeln. Ich gebe ein bißchen Wasser dazu, weil die Araça pera, ähnlich wie der Apfel, doch nicht so saftig ist, w
ie ich dachte. Sie ist eher mehlig. Das Ergebnis gleicht dann auch eher einem Apfelmus als einer Marmelade. Ich fülle sie trotzdem in Marmeladengläser ab, schmiere sie aufs Butterbrot und mixe das Araça-pera-Marmeladenmus in meinen Joghurt.

Sieht aus wie Apfelmus, soll aber
Araça pera Marmelade sein
Dann fällt mir ein, dass ich eine Creme aus ihr machen könnte, so wie "Creme de maracuja", eine ewig süße Hinschmelz-Angelegenheit. Sehr einfach zu machen. Im Mixer vermische ich creme de leite (so etwas wie eingedickte Sahne), leite condensado (entwässerte, mit Zucker versetzte Milch, sehr zähflüssig und süß), ein paar entkernte Araça pera und ein bißchen Wasser. Fertig. Das Ergebnis ist ein Traum. Die Säure der Araça pera hebt die schwere Süße der leite condensado wieder auf.

Nein, ich esse nicht alles auf einmal. In Bechern halten sie sich im Kühlschrank so lange, bis ich alles aufgeschleckt habe - immerhin zwei Tage.

Weil ich gerade so in Schwung bin, mache ich mich auch noch an eine Batida. Eine Creme mit Cachaça (Zuckerrohrschnapps). Die wird eigentlich getrunken. Mein Ergebnis lässt sich aber nur löffeln. Also löffle ich meine Araça Batida.
Hicks

Wenn es morgen nicht regnet, werde ich sehen, ob es im Wald noch weitere, reife Früchte gibt, Frühlingsfrüchte, weil hier eben alles anders ist und sich die Erntezeit nicht nur auf Sommer und Herbst beschränkt.

Donnerstag, September 28, 2017

Saurer Regen

"Achtung, es kann sauren Regen geben."

Zuerst dachte ich, ich habe mich verhört. Die Warnung wird aber immer wieder wiederholt. Weil es so lange nicht mehr geregnet hat, sei die Luft voll mit chemischen Substanzen. Die würden jetzt geballt auf uns herunter regnen, heißt es. Als Grund für die Luftverschmutzung wird die hohe Zahl an Bränden angegeben.

Es ist richtig, in den vergangenen zwei Monaten hat es nur wenige Millimeter geregnet. Viel zu wenig. Es stimmt auch, dass die Zahl der Brände höher ist, als sie es im gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr war.

Zu viele Raucher. Ja, Raucher. Hier erklären sie immer noch, dass die meisten Feuer durch aus Autofenster geworfene Kippen entbranden. Die meisten Brände werden aber in Schutzgebieten fernab von Autostraßen registriert. Müssen Weitfliegerkippen am Werk sein. Tatsache ist, dass weniger Straßenböschungen in Brand stehen, als Brachflächen, Weiden, abgeerntete Acker und eben auch Schutzgebiete, weil hier immer noch mit Feuer "gesäubert" wird. Das ist verboten, stört aber keinen und wird auch nur selten geahndet.

Aber zurück zum sauren Regen. Vor ein paar Jahren hatten wir noch kleine Solarlampen, weil wir ja keinen Strom hatten. Die Solarlampen musste ich aber nach jedem Regen mit Spüli von einer nur schwer zu beseitigenden weißen Schicht befreien. Zuerst dachte ich, es ist Salz. Per Luftlinie sind wir nur zwei Kilometer vom Meer entfernt. Beim Testlecken hat sich das aber nicht bestätigt.

Ich hatte dann auch mal im Internetcafé in der Stadt nach saurem Regen gestöbert. Fündig geworden war ich nicht. Saurer Regen war kein Thema. Das galt zumindest noch vor fünf Jahren.

Jetzt heißt es plötzlich, dass es sauren Regen geben soll. Die Bevölkerung soll bitte kein Regenbad nehmen, weil das zu Hautirritationen führen könnte, sagen sie.

Kein Wort von Abgasen durch Autoverkehr und Industrie. Kein Wort von den gelben Smogglocken, unter denen Curitiba und andere Großstädte dümpeln. Wie gut, dass es Raucher gibt, die Brände verursachen und jetzt auch sauren Regen.

Dienstag, September 26, 2017

Spinnenbiß

Meine Oberschenkel sind nicht gerade das, was ich als dünn bezeichnen würde. Als ich gestern morgen die Decke zurückgeschlagen habe, war aber selbst ich über die Größe meines linken Oberschenkels überrascht. Über Nacht hat er sich fast verdoppelt. Rund um eine dunkel markierte Bißstelle war er Luftballonmäßig angeschwollen.

Spinnenbiß, hat Alessendro fachmännisch befunden. Wie er darauf kommt, weiß ich nicht. Aber mir fällt auch keine bessere Antwort ein. Die Auswirkungen von den Stichen der Mücken, Griebelmücken, Bremsen und selbst von Bienen sind jedenfalls anders. Der Unterschied ist die Mitte, die leicht nekrotisch ist. So ähnlich sah auch das Bein von Alessandros Tante aus, als sie vor Jahren von einer Armadeira, einer bißwütigen Spinne attackiert worden ist.

Vorsichtshalber habe ich gleich einmal Antihistamine genommen und mir Aloe vera verabreicht. Schwellung und Röte sind daraufhin tatsächlich leichter geworden.

Das war am Morgen. Am Nachmittag habe ich dann beinahe in ein Wespennest gegriffen, als ich im Wald ein Stück Holz aufheben wollte. Zack hat mich eine der Soldatinnen an der rechten Hand gestochen.

Jetzt ist mein Körper wieder im Gleichgewicht: Linker Oberschenkel dick, rechte Hand und Unterarm dick.

Wahrscheinlich sind das Zeichen, dass ich mal eine Pause machen sollte....

Montag, September 11, 2017

Duft löst Bienenattacke aus

Sie stechen nicht, aber sie können nerven. Eine der kleinen schwarzen Bienen versucht, in mein Ohr zu kommen. Ihre Kollegen verzwirbeln sich in meinen Haaren. Eine ist am Mundwinkel. Nein, ich sage nichts, will ihr kein Öffnung bieten. Am Anfang habe ich noch versucht, still dazustehen. Bisher hat das immer geholfen. Jetzt sind die Mandaguaris aber so aufgebracht, dass nichts mehr hilft. Ich renne den holprigen Waldpfad hinauf und sie umschwirren wie ein fliegender Hut brummend meinen Kopf. Irgendwann geben sie auf, fliegen zu ihrem Nest zurück.

Biennenest in Baumhöhle mit
Trompete als Eingang.
Ihr Nest haben wir schon vor ein paar Jahren entdeckt. Für ihr Schloss haben sie einen Baum unweit unseres Waldpfades ausgesucht, der zum Sumpf hinunter führt. Auf sie aufmerksam geworden sind wir durch ihr Gesumme und die Ansammlung der Bienen vor dem Baumstamm. Attackiert haben sie uns bisher noch nie. Nur der Schorschi, der hatte weniger Glück. Zu dritt sind wir einmal den Pfad entlang gestapft, als sie plötzlich auf ihn losgegangen sind. Nur auf ihn, wohl gemerkt. Irgendein Duft, Deo, Parfüm Schorschis muss sie irritiert haben. Uns haben sie jedenfalls in Ruhe gelassen.

Auch jetzt war es wieder ein Duft, der sie aus dem Häuschen gebracht hat. Am Vormittag haben sie mich noch völlig ignoriert. Da stand ich vor ihren imposant angewachsenen Eingang zu ihrem Nest, habe das Handy davor gehalten und fotografiert. Summ, summ. Nichts hat sie gestört.

Am Nachmittag wollten wir in der Nestnähe Bienenfallen aufhängen, in dem Versuch, das gigantische Volk der Pollensammler zu teilen und für die Honigproduktion zu gewinnen. Ich hatte Alessandro noch gebeten, die nach Propolis riechende Flasche vorher abzulegen, damit ich sie für eine genauere Artbestimmung noch einmal fotografieren kann. Über einen Internetkontakt hatten wir versucht, herauszufinden, um welche Art es sich handelt. Die von mir vorher gemachten Fotos hatten für eine eindeutige Identifizierung der Bienen nicht ausgereicht. Neue Fotos sind mir aber nicht gelungen.

Als ich zwei Meter von ihrem Bau entfernt war, kam die erste der kleinen, schwarzen Bienen und setzte sich auf meine Hand. Sie hat wohl die anderen alarmiert. Die kamen so schnell, dass ich gar keine Zeit hatte, an irgendeine Verteidigungsstrategie zu denken. Sie haben mich nicht gestochen. Unangenehm ist einfach nur ihr Versuch in Ohren, Nase, Mund einzudringen oder sich in den Haaren einzurollen.

Später lese ich in einem Handbuch zur Zucht stachelloser Bienen den Tipp, die Ohren mit Watte zu verstopfen. Da steht auch, dass die Mandaguaris einen sehr schmackhaften Honig produzieren. Der Baum muss voll sein davon. Es ist ein riesiger Schwarm. Laut Fachliteratur kann ein Mandaguarinest zwischen 5.000 und 20.000 (!) oder mehr Bienen beherbergen.

Ihren Eingang bauen die stachellosen Bienen aus Wachs. Jede
Art baut eine typische Form. "Unsere" Mandaguari
hat eine riesigeTrompete gebaut.
Um welche Mandaguariart es sich genau handelt, wissen wir noch nicht. Anhand der Fotos und unserer Lokalisation meinte eine der Expertinnen, dass es eine Mandaguari amarela (Scaptotrigtona xanthotricha) wäre. Die hat aber rötliche Beinchen. Die der unseren sind schwarz. Ein anderer tippt auf Mandaguari canudo (Scaptotrigona postica). Deren Vorkommen ist für den Küstenbereich Paranás bisher aber noch nicht nachgewiesen. Dazu kommt, dass sich die Arten der Scaptotrigona untereinander kreuzen.

Vielleicht ist es aber auch eine ganz neue Art. Trotz den Anstrengungen in den vergangenen Jahren gibt es zu den heimischen Bienen Brasiliens noch etliche Wissenslücken und werden immer wieder neue Arten registriert.

Die stachellosen Bienen Brasiliens bauen typische Eingänge zu ihren Nestern in hohlen Bäumen. Unsere hat aus Wachs eine riesige Trompete geformt. Beide der genannten Scaptotrigonas machen ähnliche Eingangstrompeten.

Immerhin wissen wir jetzt aber, dass es eine Mandaguari sein muss. Welche genau es ist, werden wir schon irgendwann herausfinden. Heute waren unsere Bienlein jedenfalls wieder friedlicher. Alessandro hat die Falle in ihrer Nähe an einem Baum aufgehängt. Jetzt heißt es abwarten und hoffen, dass sie dort eine "Außenkolonie" anlegen werden.

Weil etliche der stachellosen Bienenarten Brasiliens bereits vom Aussterben bedroht sind, widmen sich mittlerweile mehrere Projekte deren Schutz. Ein paar davon stelle ich im Brasilienportal und im Amazonasportal vor:





Donnerstag, September 07, 2017

Bunter Mais im Regenwald

Bunter Mais - "milho crioula" - alte Sorten, die wir jetzt im
Wald anbauen werden.


Der ist nicht anspruchsvoll, schmeckt aber gut, sagt sie. Sie, das ist Rosi. Wie viele andere auch, ist sie aus der Umgebung Curitibas angereist, um beim Fest der "Sementes crioulas" in Quatro Barras Samen zu tauschen oder zu verschenken. Rosi hält mir einen wunderschönen Maiskolben entgegen, mit violettfarbenen Deckblättern und roten Körnern. Ich frage sie, ob ich ihn ihr abkaufen darf, weil ich nichts zum Tauschen dabei habe. Nein, sagt sie. Sie verkauft nicht. Sie tauscht nur oder verschenkt. Nimm, bau ihn an und wenn du Kolben übrig hast, verschenk sie, fügt sie hinzu.

Weil ich zögere, wedelt die hagere Frau mit den weißen Haaren ungeduldig mit dem Maiskolben. Dann drückt sie ihn mir in die Hand und greift zu kleinen rot-weißen Bohnen. "Olho de Pombo". Taubenaugen. Der ergibt einen wunderbar sähmigen Bohnensud, erklärt sie mir, nimmt ein Papiertuch und wickelt mir darin eine Handvoll Taubenaugen-Bohnen ein.

Neben ihr hat João seine Samen auf einem Tisch ausgebreitet. Fein säuberlich in Tütchen abgepackt hat er sie. Sojabohnen, Erbsen, verschiedene Kürbissorten, Tomatensamen, kubanischer Salat. Auch er tauscht und verschenkt. Weiter hinten entdecke ich weißes Popkorn mit dunkelgrauen Flecken. Dieses Mal ist nix mit Tauschen. Die Ständlerin gehört zu einem Öko-Projekt, das vor einem Jahr ein "Samenhaus" eröffnet hat. Sie brauchen scheinbar Geld. Also kaufe ich seltsam farbenes Popkorn und Samen von Luffagurken.

Am Stand des Zentrums für Forschungen zum Ökolandbau sagen sie: Nimm. Also nehme ich, packe Samen verschiedener Porongo-Sorten ein. Das ist eine Art Kürbis mit harter Schale. Die Indios lassen sie samt Samen trocknen und verwenden sie dann als Musikinstrument oder auch als Gefäße. Sogar die europäische Kamille gibt es und diverse "pimentas" (Peperonis).

Irgendwann ist der Rucksack voll. Musik spielt und mein Magen knurrt. Also reihen wir uns in die endlose Schlange fürs Mittagessen ein.

"Sementes crioulas" sind Samen "alter" Gemüsesorten, die in der Regel nicht kommerziell genutzt werden. Oft werden sie einfach nur von Hand zu Hand weiter gereicht oder eben bei den Tauschbörsen der "sementes crioulas" verteilt.

Am auffälligsten ist der "milho crioula", alte, in Südamerika heimische Maissorten. Es gibt sogar Samenbanken, in denen sie eingelagert werden, um ihre Artenvielfalt zu erhalten.  Wieviele Typen von Mais es gibt? Tausende. Allein in der Samenbank "Banco Ativo de Germoplasma" (BAG) des brasilianischen Landwirtschaftsamtes Embrapa sind die Körner von etwa 4.000 verschiedenen Maissorten eingelagert.

Allerdings könnte es mit der Maisvielfalt und den Tauschbörsen bald ein Ende haben. In Brasilien gibt es einen Gesetzesvorschlag, nach dem sämtliche Samen "crioulas" Eigentum des Staates werden sollen. Befürchtet wird als Folge ein Verbot der Nachzucht oder die Forderung von Royalties. Interesse an dem außerordentlichen Samenschatz haben auch große Konzerne aus der Gen-Szene, wie Monsanto und Bayer. Die brauchen die Genvielfalt, um neuen und resistenteren Sorten zu züchten.  Bisher haben sie wegen der Biokonvention auf "Semente crioulas" aber keinen Zugriff.

In der Bevölkerung und selbst unter Landwirten wird das Vorhaben kaum diskutiert. Es ist nicht populär genug. Vielleicht spielt auch der Glauben eine Rolle, dass so etwas Ungeheuerliches nicht durchgesetzt werden kann. Im Abgeordnetenhaus und Senat hat die Agrolobby hingegen ein großes Gewicht. Um sie sich grün zu halten, hat Präsident Michel Temer bereits zu lasten der Umwelt und Natur etliche Zugeständnisse gemacht. Bleibt nur die Hoffnung, dass es irgendwann doch noch einen Aufschrei und Gegenwind geben wird.

Das mit dem Gen-Mais ist auch so ein Thema. Auf den großen Anbauflächen wird mittlerweile fast ausschließlich genmanipulierter Mais angebaut. In den Supermärkten spiegelt sich das durch das auf den Verpackungen der Lebensmittel aufgedruckte "T" (transgen) wieder. T-Produkte haben dabei längst die Überhand gewonnen. Speisestärke ohne T, gibt es nicht mehr, oder wenn, dann nur in Läden, die irgendwo fernab von unserer Region im Stadtgewirr der Metropolen versteckt sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir werden jetzt auf jeden Fall erst einmal bunten "crioula" Mais anbauen, hinten im Wald, in unserem "Agrofloresta".

Freitag, September 01, 2017

Frühlingskirschen


Und die Kirsche hatte doch Recht.

MItten im Winter hat sie vor drei Wochen ihre Blüten heraus getrieben, hat dem blauen Himmel rosafarbene Tupfen entgegen gestellt. Der Frühling kommt, hat sie behauptet. Geglaubt hat es ihr niemand.

Das hat sich vor zwei Tagen geändert. Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein und die Luft angefüllt mit sommerlicher Schwüle. 32 Grad im Schatten unseres Waldes, hat unsere Wetterstation angezeigt. In der Altstadt Antoninas sollen es 36 Grad gewesen sein, wie später eine Wetterfee in den Nachrichten verkündet hat.

Am Abend hat es gestürmt und geregnet, haben Strom- und Internetausfall die Signale des heraufziehenden Sommers verstärkt. Stromausfälle und Probleme mit dem Internet sind im Sommer üblich, wenn es gewittert und stürmt, Äste die Leitungen berühren, umstürzende Bäume Leitungen mit sich reißen, Wind die Handysendeantennen aus dem Lot bringt.

Die "Lagartos", Riesenechsen haben ihre winterlichen Erdlöcher auch schon verlassen, streifen auf der Suche nach Nahrung durch den "Garten". Orangen- und Zitronenbäumchen blühen, versprühen ihren Maiglöckchenduft. Alles zu früh, und doch im eigenen Rhythmus der Natur.

Die Kirsche hat gewusst, dass das Frühjahr in diesem Jahr eben früher kommt. Ihre Blütenpracht hat sie längst gegen ein frisches Blätterwerk getauscht. Sie ist bereit für Übergangszeit und Sommer. Wir sind es auch.

Dass wir mitten zwischen Palmen und im Regenwald ein japanisches Kirschbäumchen haben, ist Seu Ito zu verdanken. Seine Tochter Marcia hat ihm nach seinem Tod genau dort ein Denkmal gesetzt, wo vor beinahe 100 Jahren die ersten japanischen Einwanderer im Süden Brasiliens eine Kolonie gegründet haben. Zwei japanische Kirschen zieren das Denkmal. Gezogen wurden sie von Seu Ito. So auch unsere, die uns Marcia als Andenken an ihren Vater geschenkt hat.

Samstag, August 26, 2017

Fallen für stachellose Bienen


Wieder da. 

Bienenfalle aus Plastikflasche
Haben Bienenfallen in Bäumen versteckt. Damit die Bienen sie auch finden, sind sie mit Propolis ausgespült worden. Jetzt heißt es warten, bis sie bevölkert werden.

Anziehen sollen sie die in Brasilien heimischen Bienen, die "meliponíeas". Anders als die in Europa arbeitenden Honigsammler haben sie keinen oder nur einen verkümmerten Stachel.

Etwa 250 Arten dieser "abelhas sem ferrão" gibt es in Brasilien. Sie sind kleiner als die europäischen oder afrikanischen Bienen, sammeln aber genauso fleißig. Im Atlantischen Regenwald sind sie für 90 Prozent der Bestäubung verantwortlich. Etliche stehen aber auf der Roten Liste, verdrängt von der europäischen Art und auch, weil ihre Lebensräume zunehmend zerstört werden.

Ihr Honig ist flüssiger und würziger. Die Indios sagen ihm Heilkräfte nach. 

In "unserem" Wald haben wir in hohlen Baumstämmen Nester von ihnen entdeckt. Ihr Eingang ist ein Wachsgebilde, das je nach Art wie ein Ohr oder ein Schnabel aussieht. 

Damit wir wissen, wie wir die heimischen Bienen anziehen und Honig gewinnen können, haben wir bei der Organisation zum Schutz des Wildlebens (SPVS) einen kleinen Kurs gemacht. Noch müssen wir aber etliches lernen, wie Geduld.
Jeden Tag laufen wir durch den Wald, um zu sehen, ob sie schon in unsere Plastikflaschen eingezogen sind. Geduld. Sie sind wählerisch. In Nachbars Schuppen hat indessen ein Schwarm europäischer Bienen sein Quartier aufgeschlagen. Hoffentlich kommen sie nicht den heimischen Bienen in die Quere.

Wahrscheinlich werden wir ein Bienenfest  machen, wenn sie endlich Einzug gehalten haben.

So sieht ihr provisorisches Nest aus, das sie in den
Plastikflaschen anlegen. Ist es "reif", wird es heraus-
geschnitten und in ihr neues Schlösschen gelegt.
So sieht ihr neues Schlösschen
aus, das bei der Organisation
SPVS steht, etwa 4 Km von uns
entfernt. So ähnliche Häuschen
werden wir auch bauen, vielleicht
aus Bambus...




Montag, Mai 15, 2017

Der Ofen zieht

So eingeheizt.
12,7 Grad hat es gestern Nacht gehabt. Ausreichend, um den Ofen anzuwerfen.

Mist. Er zieht. Er zieht verdammt gut.
Ha, meine Palmen können stehen bleiben, freut sich Alessandro.
Dabei haben wir ihn so bearbeitet, dass er dem Umschneiden von zwei der drei Jerovás zugestimmt hat. Sie stehen zu nah am Haus, nur einen Meter weg, oder so. Der Umgang ist ständig feucht, der Fuß vom Schornstein auch. Außerdem hängen ihre Blätter genau über dem Schornstein.

Die machen den Kamin hin, hat der Fritz gesagt.
Wie soll denn da der Rauch abziehen?
Die müssen weg, hat Mutti befunden.
Und ich habe zugestimmt.

Als sie vor wenigen Jahren zunächst nur zarte Blättchen aus dem Boden getrieben haben, habe ich noch gesagt, lass uns zwei ausgraben und woanders hinpflanzen. Gemacht haben wir es nicht. Jetzt sind sie fünf Meter hoch, sind ihre Stämme zwei Oberschenkel dick und ich staune mal wieder, wie schnell hier in den Subtropen alles wächst. Kaum schaust du nicht hin, schon ist dir das Zeug über den Kopf gewachsen.

Mit Händen und Füßen hat Alessandro seine Palmen bisher verteidigt. Dann kam Schützenhilfe mit dem Besuch von Mutti, Fritz und Achim. Zwei der drei werden auf einer Höhe von 1,20 Meter umgeschnitten, haben wir drei befunden und uns dann doch noch mit Alessandro geeinigt. Die an ihnen festgebundenen Orchideen und der Hirschhornfarn können weiter wachsen und obendrauf kann ich einen Blumentopf stellen.

Ach und jetzt zieht er, der Ofen. Die tollen Unkenrufe waren umsonst.
Das ist doch toll, wie der zieht, sagt Alessandro.
Deine Planungen sind aufgegangen.

Aber die Palmen müssen weg, sage ich. Sie machen die Wand feucht und vielleicht wird dann ja auch das Telefonsignal besser. Die Antenne zeigt ja auch in Richtung Palmenblätter.

Alessandro sagt nichts, nickt nur unmerklich mit dem Kopf, während er Pinhão auf die Ofenplatte legt, Pinienkerne der Araukarienbäume. Werde ihn Morgen noch einmal an den Palmschnitt erinnern.

Hier gibt es mehr über unseren Ofen und wie wir ihn gebaut haben:





Freitag, April 14, 2017

Heilender Schmetterlingsstrauch

Schmetterlingsstrauch "mata campo". Von den hunderten,
die ihn besucht haben, hat nur einer fürs Foto still gehalten.
Was eure Buddleia ist unser "mata campo". Jetzt im Spätherbst zieht der zarte Duft seiner Blüten hunderte Bienen, Hummeln und vor allem Schmetterlinge in allen erdenklich möglichen Farben an.

Eigentlich wollte ich einen acht bis zehn Zentimeter großen borboleta-malaquita (Siproeta stelenes) fotografieren. Der Malachit-grüne Tag-Falter war aber ein bißchen schüchtern und ist immer wieder ausgebüchst, wenn ich ihn endlich beinahe vor der Linse hatte. Vielleicht war es auch ein Smaragd-Schmetterling (Philaethria wernickei). Beide kommen im Atlantischen Regenwald vor und ich kenne nicht wirklich die Unterschiede zwischen ihnen. Mit einem Foto hätte ich den grünen Flatterer wahrscheinlich bestimmen können. So bleibt mir das Erlebnis als schöne Erinnerung im Gedächtnis und ihr bekommt ein Foto von einem anderen Schmetterling, den ich auch nicht kenne. Bei etwa 3.500 Tagfalterarten mache ich mir aber auch keine Sorgen, wenn ich nicht alle kenne. Das Kennen überlasse ich den Biologen.

Unseren Schmetterlingsstrauch nennen die Einheimischen "Mata campo" (Feldtöter). Sein botanischer Name ist Vernonia polyanthes oder Vernonia ferruginea. Dass er im Volksmund den Namen Feldtöter trägt, ist seiner schnellen Ausbreitung zu verdanken. Er wächst auf armen, sauren und verdichteten Böden in voller Sonne, also beispielsweise auch auf Rinder- und Büffeweiden. Zuerst sieht er aus wie eine Blume, wenig später ist sein strauchartiger Wuchs zu erkennen und wenn du ihn nicht rechtzeitig umschneidest wird er ein Bäumchen. Das Ganze geht im Rasetempo. Was einmal eine Weide war, wird mit seiner Hilfe ruckzuck zum Niederwuchs und dann zum Wäldchen. Wir lassen sie stehen. Nur seine Zweiglein schneide ich manchmal ab, damit sie nicht in die Straße wachsen.

Der Mata campo ist nicht nur eine Bienenweide. Blätter und Wurzel werden als Hausmedizin gegen hartnäckigen Husten, Problemen mit Bronchien und Lunge, Rheuma und auch gegen Nierensteine eingesetzt.