Donnerstag, Mai 09, 2019

Abgeschieden vom weltweiten Web

Unsere Internetverbindung funktioniert nur noch im Windböensystem. Mal ja, mal nein, mal noch langsamer als ohnehin schon, dann ist wieder überhaupt kein Empfang, das heißt, die meiste Zeit haben wir eigentlich keinen Empfang. Da freue ich mich dann sogar über ein so langsames Netz, das selbst von Schnecken überholt wird.

Als ich vor Jahren wegen eines Artikels den Bürgermeister von Freising befragen wollte, habe ich von seinem Pressesprecher die Antwort bekommen, dass er mal sehen werde, ob er ein Zeitfenster finde.

Jetzt sind es Verbindungsfenster, auf die ich warte.

Ich glaube, ich habe es schon einmal erwähnt, dass wir uns hier am Rande des Regenwaldes via eines Rural-Telefons  einwählen. Das funktioniert so ähnlich wie in Deutschland vor 20 Jahren mit dem Dial-up.

Das Telefon hat ein eingebautes Modem und ist via Kabel mit dem Computer verbunden. Nein, es ist kein Festnetz-Telefon. In sein Inneres wird wie beim Handy ein Handychip eingelegt. Eine Antenne fängt das Handysignal auf, dass dann vom Telefon verstärkt wird. Theoretisch komme ich so ins Internet. Praktisch ändert sich das Signal hier ständig, sind wir alle Daumlang damit beschäftigt, die Antenne neu auszurichten.

Zur Zeit spielt unser Provider das Spiel der  Verbindungsfenster. Mit Glück finden wir eins. Mit noch mehr Glück hält es mehr als nur ein paar Sekunden.

Hier sitze ich auf der Suche nach Verbindungsfenstern. Ich drücke die Schaltfläche zur Verbindung mit dem Netz und nichts geht. Ich drücke noch einmal: nichts, noch einmal und schwupp steht eine Verbindung. Plong und weg ist sie. Drücken, ärgern, drücken warten, drücken. Meistens taucht irgendwann im Morgengrauen ein Fensterlein auf, genau dann, wenn mir meine Augen schon zufallen.

Ich glaub, ich lass das Web jetzt mal weit in der Welt sein und geh erst einmal in den Wald, mich von der Verbindungsfenstersuche erholen.

Mittwoch, Mai 01, 2019

Zeit der Schlangen: Little Big Jo in Aktion


Sie sieht aus wie eine Jararaca, eine der giftigsten Vipern der Welt. Sie ist allerdings völlig wehrlos und hat keine Giftdrüsen. "Dormideira" wird sie von den Einheimischen genannt, die Schlafende. Anders als ihre nachgeahmten Verwandten aus dem Reich der Serpenten reagiert sie selbst bei einer Bedrohung wie ein Buddha: mit ungeahnter Ruhe und Gelassenheit.

Als ich sie mit dem Besen aufgable, um sie in den Eimer zu schubsen, versucht sie nur langsam davon zu schlängeln.

Kater Little Big Jo hat sie aufgestöbert. Am Tisch sitzend habe ich ihn durch das Fenster gesehen, wie er gebannt in eine Richtung am Boden starrt, eine der Pfoten erhoben. Wie eine Statue stand er da und hat sich nicht bewegt. Inzwischen weiß ich diese Haltung der Katzen zu deuten. Haben sie eine Schlange erspäht, verharren sie erst einmal, um den besten Moment für eine Atacke abzuwarten.


Dazu will ich es nicht kommen lassen. Zum Einen, weil der Angriff daneben gehen und mit einem Schlangenbiß enden könnte. Zum Anderen, weil ich nicht will, dass unsere Katzen Schlangen erlegen. Sie sind wichtige Teile des Ökosystems und für dessen Gleichgewicht mitverantwortlich.

Im Rausgehen packe ich den Besen, mit dem ich die Schlange aufgabeln und vor Little Big Jo retten kann.

Little Big Jo, unser Schlangendompteur
Little Big Jo ist unser Schlangendompteur. Vor wenigen Wochen kam er mit einem gelb-schwarzen Armband angelaufen als ich ihn zum Futterfressen gerufen habe. Das Armband war eine Cobra d'agua, eine Wasserschlange. Wahrscheinlich hatte sie es aufgegeben, ihm zu entfliehen und sich in einem Rettungsversuch einfach um seine Pfote gewickelt. Ein Schlag mit der anderen Pfote war ihm unmöglich, weil er sonst umgefallen wäre. Ein packen ihres Kopfes mit dem Kopf war ebenso nahezu unmöglich. Im Kräftegleichstand hatte er sich schließlich entschlossen, sein neues Armband zu ignorieren. Erst als Little Big Jo seine ganze Aufmerksamkeit auf den vor ihm stehenden Futternapf gerichtet hatte, hat sie sich geschmeidig von der pelzigen Pfote gelöst und sich dann langsam von der Katzenbande unbemerkt entfernt.

Der Dormideira ist der Coup nicht gelungen. Zuerst dachte ich, es ist eine Jararaca. Jararaca und Dormideira sehen sich sehr ähnlich. Der eindeutigste Unterschied ist, dass die giftige Viper diese "fosseta loreal" hat, zwei kleine Öffnungen an der Seite des Kopfes, zwischen Auge und Nase. Mit denen machen Giftschlangen Temperaturunterschiede aus. Das hat uns mal ein Biologe erklärt und dabei eine Jararaca hoch gehalten. Nein, ich halte mir die Schlange jetzt nicht nah vors Gesicht, um diese Öffnungen ausfindig zu machen. Ich lasse sie im Kübel und trage sie damit ein paar hundert Meter weiter, um sie dort im Wald fernab unseres Hauses freizulassen - in der Hoffnung, dass sie nicht zurück schlängelt.

Ihrer Körperzeichnung und ihrem Verhalten nach bin ich mir sicher, dass es eine Dormideira war.

Sie wird nicht die einzige Schlange sein, die uns in den nächsten Wochen begegnen wird. Herbst und Frühjahr ist Schlangenzeit. Im subtropischen Winter ist es ihnen zu kühl und im Sommer zu heiß. Begegnungen sind dann eher selten.

Über Google stoße ich auf eine Nichtregierungsorganisation zum Umweltschutz. "Amda" heißt sie. Dort steht, dass allein in Brasilien 392 verschiedene Serpentenarten katalogisiert sind. "Nur" 63 von ihnen sind giftig. Im Atlantischen Regenwald soll es 200 Schlangenarten geben.

Viele sehen sich sehr ähnlich. Die Einheimischen beschränken sich deshalb auf wenige Namen. Auf unserem Sítio sind uns schon ein paar Arten begegnet. Von den giftigen waren es Coral, Jararaca, Jararacuçu. Von ihren harmlosen und ungiftigen Verwandten fallen mir Caninana, Cobra cipó, Cobra d'agua, Dormideira und Falsa coral ein, wobei sie hier unter Dormideira gleich mehrere Arten zusammenfassen.


Nein, ich habe kein Foto von ihr gemacht. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, sie zu retten. Als Entschhädigung stelle ich euch ein Foto einer Cobra d'agua ein. Wasserschlange heißt das übersetzt. Die Biologen nennen sie Erythrolamprus miliaris. Ihr deutscher Name ist Wasser-Goldbauchnatter. Wir haben sie "erwischt" als sie dabei war, einen Frosch zu verspeisen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wasser-Goldbauchnatter bei der Mahlzeit

Mittwoch, April 24, 2019

Die Mondphasen des Phylodendron und der Besen Hans

Besen aus Cipó des Philodendron ssp.
Frage ich jemanden nach den Mondphasen, kommt immer die gleiche Antwort: bei abnehmenden Mond. Bei abnehmenden Mond wird gewaschen, werden Haare geschnitten, wird gepflanzt und wird der Bambus geschnitten. Nur der Cipó, der soll bei Vollmond geerntet werden.

João Vasora lacht erst einmal, als ich ihn darauf anspreche. Dann schiebt er seinen Helm etwas höher und zeigt auf den Wald. Bei Vollmond sei der Tag halt etwas länger, weil er nachts für mehr Licht sorge, sagt er, schaut schelmisch und macht dann mit der Hand eine wegwischende Bewegung. "Alles Schmarrn", so João Vasora. Völlig egal, ob abnehmender, zunehmender Mond, ob Voll- oder Neumond, die Technik, der Krafteinsatz und das Ergebnis seien immer das Gleiche verrät er.

Den ganzen Namen von João kenne ich nicht. Wir nennen ihn João Vasora. Auf bayerisch wäre das der "Besen Hans". Den Besen hat er von uns als Nachnamen bekommen, weil er eben Besen macht. Einen solchen streckt er mir entgegen. Ich hatte ihn vor zwei Wochen in Auftrag gegeben und João hat den heutigen Tag zum Liefertag auserkoren.

Zweimal hat er gehupt und ich bin zum Waldweg hinauf gelaufen. Da sitzt er auf seinem knallroten Motorrad, nimmt das Geld für den Besen entgegen und steht mir Rede und Antwort.

Mit meiner Frage nach den sieben Drehungen nach links und sieben Drehungen nach rechts bringe ich den hageren, vom Wetter gegerbten Besen Hans noch mehr zum Lachen. Irgendwer hat mal erzählt, dass sich der Cipó erst dann löst, wenn der vom Baum herab hängende Cipó entsprechend dieses Sieben-Musters geschwungen und dann ruckartig an ihm gerissen wird.

"Dem Cipó ist es völlig egal, ob du sieben oder acht Schwingdrehungen machst oder 13. Der kann ja sowieso nicht zählen", lautet Joãos Antwort. "Was die Leute alles erzählen", sagt er noch und erklärt dann, wie er es macht, wie er es gelernt hat und auf was er achtet.

"Nehme nie einen Cipó, der schon den Boden berüht. Das ist ein Muttercipó. Der hat Wurzeln oder wird welche entwickeln. Die braucht der Cipó, um hoch droben auf dem Baum weiter zu wachsen. Klaust du ihm diese, schwächst du ihn oder bringst ihn ganz um", erklärt er in seinem Barriton begleitet von in der Luft tanzenden Gesten seiner Hände.

João hat seine Stammpflanzen. Früh morgens, im Sommer manchmal schon um fünf Uhr, düst er mit seinem Motorrad bei uns vorbei, fährt etwa 2 Kilometer weiter in den Wald hinein und macht sich dann zu Fuß auf den Weg. Auch der Morgenzeit zur Cipó-Ernte liegt kein Mysterium zu Grunde. Er wählt diese Tageszeit, weil es dann noch nicht so heiß ist und ihm danach noch der restliche Tag für andere Arbeiten bleibt.

Manchmal schweift er Stunden und etliche Kilometer durch den Wald, um dann mit dem zu einem Bündel gewickelten Cipó zurückzukehren. Zu Hause schält er ihn, schneidet ihn in Stücke, legt ihn in Wasser ein und und verflechtet sie zu Besen.

Die sind wunderbar, um die Veranda oder vor dem Haus zu kehren. Manche benutzen die Cipó-Besen auch, um Laub zu kehren.

Ihr fragt jetzt, was das denn ist, das Cipó.

Cipó-Imbé, wie die Einheimischen sie nennen, sind die Luftwurzeln des Philodendron. Das ist eine Aufsitzerpflanze, die ihr kennt. In Europa steht sie in Blumentöpfen in Ecken, auf Tischchen oder hängt in Blumenampeln in vielen Wohnzimmern und Büros.

Bei euch ist sie eine beliebte Zimmerpflanze, die gut Schatten verträgt. Bei uns ist sie eine Aufsitzerpflanze, die hoch oben auf den Bäumen wächst.  Ihre Wurzeln hängen wie Seile oder Lianen zur Erde hinunter. João macht aus ihnen seine Besen. Es gibt aber auch Artesãs (Kunsthandwerker), die aus ihnen Körbe, Fächer, Lampen und alles mögliche andere herstellen.

In den tropischen und subtropischen Wäldern gibt es weltweit weit über 400 Arten von Philodendron Schott. In Brasilien sind bisher 168 katagolisiert worden. 79 von ihnen kommen ausschließlich in Brasilien vor.

Aber jetzt genug. Ich will meinen neuen Besen ausprobieren.

Sonntag, April 21, 2019

Ostern ohne Eier

Ostern - und keine Eier.

Marylu will nicht, ist pünktlich zum Herbstanfang in den Streik getreten. Ludmilla hat gar nicht erst mit dem Legen angefangen. Wahrscheinlich wartet sie bis der Winter vorbei ist. Das ist so im Oktober der Fall. Da feiert sie dann auch schon ihren ersten Geburtstag.

Ja und unsere Anita. Aus der ist zu unserem Erstaunen ein Anton geworden. Er hat den Herbstanfang mit seinem ersten, gelungenen Kikerikie gekrönt. Seitdem kräht er morgens täglich, zum Beispiel dann, wenn er aus seinem Schloß gelassen werden will, um mit seinen Damen den Tag im Garten zwischen Palmen, Katzen und Hund zu verbringen.

Die drei Hübschen hat uns Cida im Dezember verkauft. Wir wollten uns den Traum vom täglich frischen Ei erfüllen und Cida hat Geld gebraucht. So ganz ist die Rechnung nun aber doch nicht aufgegangen - zumindest was die Hühnerzahl und den Eiertraum anbelangt.

Jetzt sitzen wir da und warten darauf, dass die Mädels uns doch irgendwann mit Eiern beglücken. Derweil beglücken wir sie mit Sonnenblumen- und Kürbiskernen, Mais und Weizen, Hirse, Bananen und anderen Leckereien.

Ich glaube, wir werden uns noch ein paar andere Hühner zulegen müssen, um doch noch in den Genuß von Eiern von glücklichen Hühnern zu kommen. Im Stall ist jedenfalls Platz für acht.



Hühnerstall im Stil der südbrasilianischen Holzhäuser gebaut, mit Legenester
an der Seite und "Sonne" zum Luftaustausch im Sommer.


Montag, April 08, 2019

Wintervorbereitung


Ausschneiden der zu schnell
 gewachsenen Bäume, Palmen
 und des Bambus

Als wir unser Häuschen auf eine schon vorhandene kleine Lichtung im Wald gebaut haben, waren wir zuerst begeistert von dem Platz und dann ganz schnell entnervt. Zumindest ich war es. Die steil am Himmel stehende, subtropische Sonne hat mir den Garaus gemacht und unser Schlösschen im Sommer in einen Brutkasten verwandelt.

Also haben wir gepflanzt. Einen Bambus hinter den Hundezwinger, fünf Palmen vor die vordere Veranda und dazu noch ein paar in Südbrasilien heimische Obstbäume, Kaffeebäumchen, Agave, Elefantenohre, Rosa-Pfeffer-Bäume und was wir sonst noch so aufgetrieben haben.

Nach nur wenigen Jahren steht unser Häuschen jetzt im dunklen, kühlenden Schatten. Vor lauter Blätterdach ist es auf den Satellitenbildern gar nicht mehr zu sehen. Der Nachteil: das einst sonnige Haus ist jetzt zwar kühler, aber dunkel.

Da kam der heutige Sonntag mit seinem Regen gerade recht. Sonntagsnachmittagsprogramm: Bäume, Palmen, Bambus und Sträucher auslichten. Und schwupps ist auf der mittlerweile zugewachsenen Lichtung wieder eine kleine Lichtung entstanden. Gerade passend für den bevorstehenden Winter.

Samstag, Juli 07, 2018

Vertikaler Bambus-Garten

Unser vertikaler Garten aus Bambus

Vertikale Gärten haben viele Vorteile. Abgesehen davon, dass sie platzsparend sind, schonen sie den Rücken.  Ich bin ganz verliebt in unseren. Den ersten Salat daraus haben wir mittlerweile schon verspeist.

Gebaut habe ich ihn aus Bambusresten. Dieses Mal habe ich die Bambusstangen nicht in Borax eingelegt, um sie so vor einem Käferbefall zu schützen. Stattdessen hat der Bunsenbrenner hergehalten. Durch Flamme und Hitze verändert sich die im Bambus enthaltene Stärke. Der Käfer (hier nennen sie ihn "Broca") mag das nicht so und lässt die Stangen eine zeitlang in Ruhe.

Zum Schutz vor Regen und unserer stets zu hohen Luftfeuchte gab es eine Lacklasur drüber. Nur die bepflanzten Rohre, die sind nicht behandelt und nicht lackiert. Sie werden dementsprechend schneller verrotten. Das ist kein Problem. Durch die Verrottung gibt es zusätzliche Nährstoffe für Salatpflanzen und Kräuter. Wird das Pflanzrohr zu zerbrechlich, wird es einfach ausgetauscht. An Bambus mangelt es bei uns mittlerweile nicht mehr. Wir haben genügend angepflanzt und die Horste wachsen ausgesprochen gut.

Statt Bambusrohre lassen sich auch Wasserrohre aus Plastik mit einem Durchmesser von 10 cm hernehmen. Der Bambus hat aber den Vorteil, dass er ebenso isolierend wirkt und die Wurzeln vor der tropischen Hitze oder jetzt im südbrasilianischen Winter vor der Kälte schützt.

Freitag, Juli 06, 2018

Unser Kaffee - angebaut im Regenwald

Sein Aroma umschmeichelt Gaumen und Rachen. Noch lange nach dem Hinunterschlucken ist es da. Ein wenig nussig, ein bißchen zimtig und ein Hauch von Schokolade sind zu spüren.

Unser eigener Kaffee. Drei Sträuchlein haben wir vor ein paar Jahren gepflanzt. Ich glaube, sie waren vom IAPAR, dem landwirtschaftlichen Forschungsinstitut Paranás. An den Namen der Sorte erinnere ich mich nicht mehr. Vielleicht habe ich den auch nie gewusst. Ob es Arábica ist?

Arábica ist die Grundlage des Espresso. Ein wenig bitter. Dennoch wird vor allem er in Brasilien angebaut. Je nachdem wie das Klima ausfällt, werden in dem südamerikanischen Land jährlich etwa 50 Millionen "Sacas" Kaffee produziert. Davon sind 35 Millionen Sacas Kaffee Arábica und 15 Millionen Sacas Kaffee Conilon. Ein "Saca" ist ein Sack mit 60 Kilogramm. Die Ernte beträgt damit etwa 3 Millionen Tonnen Kaffee pro Jahr. 2016 waren es aber "nur" 43 Millionen sacas. Das Vorjahr war zu trocken, der Regen ist zur falschen Zeit gefallen.

Vielleicht ist unser Kaffee ja ein Conilon. Harmonisch, mit wenig Bitterstoffen und geringer Azides ist bei seiner Beschreibung zu lesen.

Kaffeebohnen mit Hülse zum Trocknen ausgelegt
Dieses Jahr war ein gutes Kaffeejahr. Die Äste unserer Sträuchlein waren übervoll mit Früchten. Jeden Tag habe ich sie inspiziert und nur die dunkelroten, die reifen Früchte abgezupft. Schwiegermutter hat geholfen, die Kerne vom Fruchtfleisch zu trennen.

Dann haben wir sie in Wasser gelegt, damit sie Fermentieren. 24 Stunden sind sie darin gelegen. Die klitschigen Bohnen habe ich mit einem Tuch abgetrocknet und in Körben in die Sonne zum Trocknen gestellt. Jeden Abend kamen sie wieder ins Haus, damit sie keinen Tau abbekommen.

Das Klima hat gut mitgespielt. Die sonnigen Tage des südbrasilianischen Herbstes haben ausreichend angehalten, um die Bohnen in ein bis zwei Wochen zu trocknen.

Jede Bohne ist noch einmal von einer dünnen Schale umgeben. Sind sie trocken genug, können die Bohnen in der Hand zerdrückt werden, um sie von den Hülsen zu befreien.  Die "Caboclos", die einheimische Landbevölkerung, benutzt dazu den "Pilão". Ein kniehoher Mörser aus Holz. In dem werden die Hülsen mit leichten Schlägen gebrochen. 

Daran schließt sich eine Kunst an. Der auf großen Tellersieben verteilte Inhalt des Mörsers wird im Freien mit Schwung nach oben geworfen und wieder aufgefangen. In der Luft kommt der Wind zur Hilfe. Er verweht die Hülsen. Was übrig bleibt und wieder aufgefangen wird, sind die Kaffeebohnen. 

Es sieht so tänzerisch und einfach aus, wie die Caboclos den Kaffee nach oben werfen und wieder auffangen. Bei mir sah es eher so aus, als würde ich Federball spielen und jeder einzelnen Bohne hinterher jagen, während der Rest unschön auf dem Boden gelandet ist. Mangels Fähigkeit habe ich die Bohnen dann doch handverlesen.

Juni und Juli sind in Südbrasilien kühle Monate. Die hohe Luftfeuchtigkeit bei uns an der Küste und im Wald lässt es noch kälter erscheinen. Beim Arbeiten tagsüber ist das kein Problem. Nachts werfe ich unseren Holzofen an. Auf dem habe ich die Bohnen vorgeröstet, ständig mit dem Holzlöffel hin und her gedreht, damit sie nicht anbrennen. Die restliche Röstung hat der Backofen bei niedriger Temperatur übernommen.

Unser selbst angebauter und verarbeiteter Kaffee.
Viel Arbeit, aber eine ausgesprochene Köstlichkeit.
Was war unser Häuschen mit dem Geruch des gerösteten Kaffees angefüllt. Kaum konnten wir es erwarten, unseren selbst angebauten Kaffee zu verköstigen. Das Abkühlen konnte nicht schnell genug gehen. Immer wieder habe ich die ölig-samtigen Bohnen durch die Finger rieseln lassen bevor sie in der hölzernen Handmühle und schließlich als Pulver in der Kaffeekanne gelandet sind. 

Noch unreife Früchte unseres Kaffeesträuchleins
Unser eigener Kaffee, ein einzigartiges Erlebnis. Etwa ein Pfund ist es geworden, wertvoller als Gold.

Jetzt werde ich Stecklinge machen und weitere Kaffeebäumlein auf einer Lichtung bei uns im Regenwald pflanzen, um irgendwann mehr dieser Köstlichkeit im Haus zu haben.

Dienstag, Juli 03, 2018

Schokoladenblues


 Ich hätte jetzt gerne ein Stückchen Schokolade...
(Foto: Marcos Santos, USP Imagens)
Ich hätte jetzt gerne ein Nutella oder eine Milka mit Haselnuß oder ein Ferrero Küßchen oder eine Ritter Sport.

Gibt es alles bei uns nicht.

Nutella gab es mal. Das war, bevor der Euro auf über 4 Reais gestiegen ist. Da hat ein Winzgläschen 30 Reais gekostet, genauso viel wie 10 Kilogramm feinster Vollkornreis. Drin war gerade einmal ein Eßlöffelchen. Ein Schleck und weg. Seufz. Wahrscheinlich ist damals schon die teure Haselnußcreme in den Verkaufsregalen vergammelt. Vor dem Vergammeln hätten sie die auch mir zukommen lassen können. Haben sie aber nicht. Jetzt würde das Gläslein vermutlich 50 Reais kosten, wenn es denn importiert werden würde. Das rentiert sich derzeit aber nicht. Seit Monaten ist es gänzlich aus den Regalen des Supermarktes verschwunden.

Kakao-Frucht
In kaum einem anderen Land wird soviel
Kakao angebaut, wie in Brasilien.
(Foto: Sidney Oliveira, fotospublicas.com)
Das gilt beinahe auch für die hiesige Schokolade.

Ihr wisst es vielleicht nicht, aber wir leben hier im Kakaoland. Drei Bäumlein haben auch wir gepflanzt. In keinem anderen Land der Welt wird so viel Kakao angebaut, wie in Brasilien. Ist nicht gerade Ostern, landet er in Form von Schokolade trotzdem kaum in den Supermärkten, zumindest nicht in denen unseres Hafenstädtchens.

Gibt es mal welche, können wir auswählen zwischen "garoto" und "garoto". Der Preis? Etwa genauso viel, wie ich für zwei Kilogramm Vollkornreis zahle. Dafür bekomme ich ein Winztäfelein, wenn ich es denn bekomme. Früher war auch das größer. Dann kam die Krise. Die hat die Schokoladentafeln halbiert und den Preis erhöht. Für Weniger dürfen die Verbraucher tiefer in die Tasche greifen.

Ach, ich hätte jetzt gerne ein Stückchen Schokolade. Statt mir ein solches in den Mund zu schieben, werde ich meinen Händen eine andere Arbeit geben: Geschirrspülen. Was für ein Ersatz.... zum Dahinschmelzen... :)

Sonntag, Mai 27, 2018

Lasterstreik: Leere in der Stadt

Nur drei Tage waren notwendig, um für ein Chaos zu sorgen. Am Montag (21.04.18) haben die LkW-Fahrer ihren Streik begonnen. Die Rede ist von 500.000 Brummifahrern, die mit ihren Lastern wichtige Verbindungs- und Zufahrtsstraßen blockiert haben.

Am Dienstag sind in einigen Regionen Brasiliens bereits Waren knapp geworden. Am Mittwoch fehlte vor allem in kleineren Städten schon Benzin und Diesel. Als wir am Mittwoch zum Einkaufen in der Stadt waren, haben wir sie gesehen, die Schlangen vor den einzigen zwei Tankstellen, die es in dem 18.000 Einwohner zählendem Munizip gibt. Kurz später hat unser Nachbar vom Aus des Treibstoffes berichtet. Am Freitag sind auch in den Metropolen die Zapfsäulen fast aller Tankstellen trocken. Dort, wo es noch Benzin gibt, bilden sich Kilometerlange Schlangen davor. Manchmal muss die Polizei eingreifen, um gewalttätige Streits um den restlichen Sprit zu vermeiden.

Ausgegangen ist der auch an einigen Flughäfen. In den Abendnachrichten werden Passagiere dazu aufgerufen, doch vorher nachzufragen, ob ihr Flug auch wirklich geht oder ob er abgesagt worden ist, um unnötige Fahrten zum Flughafen zu vermeiden.

An den Häfen werden die Ankerplätze knapp. Den Schiffen fehlt es an Treibstoff und an Containern, weil Soja, Fleisch, Zucker und sonstige Waren nicht ankommen. Um hohe Lagerkosten zu vermeiden, entscheiden etliche Kapitäne, ihre Route auch mit nur halb vollem Laderaum fortzusetzen. Schnell wird von Schäden in dreifacher Millionenhöhe gesprochen.

An einzelnen Häfen kommen den Brummifahreren Fischer zu Hilfe, versperren mit ihren Kuttern die Hafenausfahrten.

Etlichen Großmarkthallen fehlen nach wenigen Tagen das Obst und das Gemüse. Statt vom üblichen, hektischen Treiben sind die Umschlagplätze für allerlei Waren von einer gähnenden Leere geprägt.

Warten auf den Omnibus

Vor allem in den größeren Städten und Metropolen führt der Dieselmangel zu einem Chaos im Nahverkehr, bleiben viele Busse in den Garagen. Den Rest müssen sich hunderttausende Menschen teilen. Die Folge sind Stunden des Wartens, um sich dann in einen Bus zu quetschen und die Fahrt zur Arbeitsstelle aufzunehmen.

Rufe vorher an, hat Alessandro mir noch geraten, als ich heute mit dem Bus in die Stadt fahren wollte. Seit Mittwoch gibt es in Antonina schon keinen Sprit mehr. Ich rufe nicht an, gehe das Risiko ein, an der Bushaltestelle vor den Bananenstauden umsonst zu warten. Als ich dort eintreffe, stehen Seu Antoninho und seine Frau schon da. Er wird schon kommen, sagt sie. Bei so wenigen Bussen in Antonina wäre es doch schwierig, dass denen der Diesel ausgeht.

Fast überall drehen sich die Gespräche um den Brummifahrerstreik - auch in der Stadt. Unser Omnibus ist nicht ausgefallen. In unserer Rüttelschüssel dreht sich ebenso alles um den Streik. Sie sollen nicht aufhören, sollen weitermachen, sind sich die zwei Männer vor mir einig. Wir wurschteln uns schon durch, fügt die Frau nebenan hinzu und verweist damit auf die immer leerer werdenden Regale in den Supermärkten. Versorgungsengpass heißt das.

Leer ist auch die Stadt. 

Während der Ölkrise in den 70er Jahren gab es in Deutschland autofreie Sonntage. Damals sind wir mit unserem Vater zur Autobahn gelaufen. Wir wollten sehen, ob es stimmt, dass auf der tatsächlich keine Autos zu sehen sind.

Jetzt sieht die Altstadt Antoninas am Samstag so aus, als wäre ein autofreier Sonntag ausgerufen worden und fast alle würden sich daran halten. Nur vereinzelt zuckelt ein Auto irgendwo vorbei. Zu Hause geblieben sind aber auch Radfahrer und Passanten.

Es ist ein angenehmer Tag mit 20 Grad Wärme, ein wenig Sonne. Genau so einer, wie er perfekt für einen Stadtbummel wäre. Wäre. Die wenigen Touristen, die es wochenends nach Antonina treibt, haben wahrscheinlich zu wenig Benzin im Tank, um eine Reise das Gebirge hinunter an die Küste zu wagen.

Wann es wieder Sprit geben wird, ist nicht absehbar. Am Donnerstag haben sich eigentlich einige der LkW-Fahrer-Vereinigungen und die brasilianische Regierung auf einen Punktekatalog geeinigt. Der sieht stabilere Dieselpreise und Steuersenkungen vor. Die Brummis sind trotzdem nicht gerollt. Am Freitag hat Brasiliens Präsident Michel Temer dann ein Dekret für einen Militäreinsatz erlassen. Militär und Polizei sollen die Blockaden auflösen. Geschehen tut vorerst nichts.

Warum lässt sich die Regierung dieses Mal so viel Zeit? Brasilien ist mit Antworten auf Proteste und Demonstrationen eigentlich nicht gerade zimperlich. Vor wenigen Jahren hat die Militärpolizei in Curitiba ungehemmt auf demonstrierende Lehrer eingeschlagen. Bei den Protesten 2013 und 2014 war es nicht anders.

Erst Samstagnacht werden die meisten der Brummi-Blockaden aufgelöst und die Schnellstraßen wieder befahrbar. Beim Großteil kam nicht die Armee, sondern die Polizei zum Einsatz. Laut Dekret kann das Militär hingegen bis zum 4. Juni in sämtlichen Bundesstaaten Brasiliens aktiv werden.

Auf der Suche nach dem Diabetes-Medikament für die Schwiegermutter klappere ich die Apotheken ab. In der dritten werde ich fündig. In den Nachrichten heißt es, dass in großen Krankenhäusern Operationen verschoben werden, weil Medikamente, Material und Sauerstoff knapp werden. In vielen Gesundheitsposten Brasiliens ist das auch ohne Streik der ganz normale Alltag.

Theoretisch ist das Diabetes-Medikament kostenlos am Posten zu erhalten. Da ist es schon vor Wochen ausgegangen, in der Volks-Apotheke Antoninas ebenso.

Noch sind viele Regale des größten Supermarktes unseres Städtchens gut bestückt. Nur die Fleischtheke ist sehr übersichtlich und halb leer, die Kaffeebox ebenso. Gemüse gibt es. Das mag auch an den erhöhten Preisen liegen. Seit gestreikt wird steigen sie. Ein Sack mit 50 Kilogramm Kartoffeln ist in den Großmarkthallen vor dem Streik für 50 - 75 Reais verkauft worden. Jetzt müssen die Händler 200 bis 500 Reais hinlegen, 10 Reais pro Kilogramm. Steigend ist auch der Milchpreis. Viele Bauern müssen ihre Milch wegschütten, weil sie nicht abtransportiert werden kann.

Preissteigerung

Antonina bleibt bisher von Hamsterkäufen verschont. In einigen Großstädten hamstert die Bevölkerung hingegen schon seit Tagen. Ich kaufe vorsichtshalber ein Päckchen Milchpulver und einen Kaffee mehr.

Wir sollten den Streik unterstützen, sagt eine Bekannte, die ich im Supermarkt treffe. Schließlich sei nicht nur der Diesel teuer, sondern auch das Benzin. Der Liter kostet derzeit über 4 Reais. Umgerechnet ist das nur ein Euro.  Allerdings können für 4 Reais beinahe zwei Kilogramm Mehl gekauft werden oder ein Kilogramm Vollkornreis.

Am Abend heißt es, dass einige der Arbeiter des Ölkonzerns Petrobras in den Streik getreten sind. Der war für den 12. Juni angekündigt und scheint jetzt zumindest teilweise vorgezogen zu werden.

Währenddessen eskortiert die Polizei Tanklaster, damit Omnibusse, Sanker und Polizeiwagen betankt werden können. Warum es keine Eskorten für die Laster mit lebenswichtigen Medikamenten und Operationsmaterial gibt, wird nicht erklärt.

Offene Fragen

Viele Fragen bleiben offen, auch die, ob der Streik anhalten wird. In der Bevölkerung scheinen die Brummifahrer Unterstützung zu finden. Bei meinem Stadtausflug habe ich keine einzige Gegenstimme gehört. An allen Ecken wurde diskutiert und an allen Ecken war der Grundtenor Zustimmung. Die geht den regierenden Politikern hingegen immer mehr verloren.

Wie die meisten Brasilianer sind auch wir vorerst noch gut mit Lebensmitteln versorgt. Wie sagte Antonnhos Frau? "Wir wurschteln uns schon durch." Orangen und Mandarinen hängen reif an den Bäumen. Die Bananenstauden sind voll mit Früchten. Die Taioba wächst prächtig und ein paar der Inhame sind ebenso bald erntereif.

Dienstag, Dezember 26, 2017

Stromloses und regenverstürmtes Weihnachten


Nein, es war kein besinnliches Weihnachten. Kaum war der Tisch mit dem Festschmaus aus Riesenhuhn, Reis mit Weintrauben, Farofa mit Bananen, Kartoffelsalat und allerlei gedeckt, war der Strom weg. Zumindest hat das Timing gestimmt. Die Kerzen für die Weihnachtsstimmung waren bereits angezündet.

Noch hatte das Oh-Du-Fröhliche die Oberhand, auch wenn draussen ein Regensturm wütete und die von uns angelegten Gräben in reißende Bäche verwandelte. Immerhin saßen wir bei einem nächtlichen Weihnachts-Candlelight-Diner im Trockenen.

Ganz so besinnlich ging es aber nicht weiter. Plötzlich haben sich von der Decke die Wand hinunter kleine Rinnsale gebildet. Die haben wir aber erst entdeckt, als wir uns unter prasselndem Regen gemütlich ins Bett verziehen wollten. Im stromlosen Dunkel aufs Bett gelegt, kam der Aufschrei. Das Bett ist naß. Die Decke ist naß, das Laken ist naß und auch die Matratze.

Die Taschenlampe angeknippst zeigte die Antwort auf die Frage des Warum. Die Steckdose an der Holzwand war zur Stromschnelle geworden. Dort haben sich die Tropfen der Wandrinnsale gesammelt, um fröhlich in einer Miniaturausgabe eines Wasserfalls auf Bettdecke, Laken und Matraze zu plätschern - und das in einem 2,3 mal 2,6 Meter kleinem Zimmerl, in dem jeder Quadratzentimeter als Stauraum ausgenutzt wird.

Das Resultat war eine Möbelumrückaktion im Strahl der Taschenlampe. Nach der standen wir mitten in der Nacht und mittlerweile hundemüde erst einmal da, beschäftigt mit der Frage, wie Wandrinnsale aufgehalten werden können. Das Ergebnis war keine Ingenieursleistung. Mit Engelsgeduld und Reißzwecken habe ich an der Deckenkante einen Bindfaden als Wassersammel- und Leitstelle befestigt. Weil die Tropfen aber immer noch zu Wandnah abgingen, musste noch ein Reservoir entwickelt werden. Das einzige was mir zur Stunde des Morgengrauens dazu einfiel war ein Reservoir aus einer Plastiktüte, von der aus letztlich die Tropfen in den darunter aufgestellten Eimer fielen. Im Takt der Tropfen habe ich die Tüte an die Wand getackert. Tropf, Tack, Zack, Mist, Mist und Doppelmist. Warum muss so etwas eigentlich an Weihnachten, mitten in der Nacht und ohne Strom passieren?

Die Ruhelosigkeit hat auch den ersten Weihnachtsfeiertag geprägt. Alessandro hat die Decke aufgerissen, nach und nach die Isolierschicht beseitigt, um zu sehen, wo der Regen Eingang in unser Gemach findet. Zwei mutmaßliche Stellen haben wir entdeckt, dort wo die eine Dachplatte zur nächsten übergeht. Wir haben sie abgedichtet, mit Silikon. Jetzt müssen wir nur noch den nächsten Starkregen abwarten, um zu sehen, ob das alles war und die Dichtung auch hält, was ihr Name verspricht. Bis dahin blicke ich vor dem Einschlafen auf die über mir vom Dach herunter hängenden Isolierfolienfetzen und die Unterseite der Dachplatten.

In wenigen Stunden sind in der Weihnachtsnacht 125 mm Niederschlag auf uns herunter getost. So viel regnet es sonst in einem ganzen Monat. Mein Weihnachtswunsch für nächstes Jahr steht deshalb jetzt schon fest: tagsüber Sonne und nachts trockenes Wetter und eine funktionierende Stromversorgung.

Sonntag, Oktober 15, 2017

Wesen des Regenwaldes



Sie sind überall. In Baumkronen, zwischen Lianen, an knorrigen Stämmen verstecken sich Gnome, Faune, Fratzen und seltsame Wesen.

Lass uns eintauchen in die magische Welt des Regenwaldes.

Ein Fisch beäugt mich aus dem Baum heraus, erstarrt in der Stille der Zeit. Was macht er da? Wie ist er dort hin gekommen? Warum hat er das Gurgeln des Baches mit dem Rauschen des Windes vertauscht?

Erzähl mir von deiner Welt, Fisch.

Stumm sieht er mich an.

Du täuschst dich. Ich war nie ein Fisch des Wassers. Geboren im Holz, geformt von den Launen der Natur präsentiere ich mich deiner Phantasie.  Eingebunden in das Mosaik des Waldes bin ich Lebensraum, bin ich Quelle.

Ich bin ein Wesen des Waldes. Ich bin nichts und bin alles.

Mein Regenwald, mein Buddha.

Regenwaldfrüchte im Frühling

Frühling.

Die Früchte sind reif.

Ja, es ist Frühling und der bringt uns ein paar reife Regenwaldfrüchte.

Die kleinen Wildhimbeeren sind voll und auch einer unserer Regenwald-Kirschbäume. Die Früchte ähneln tatsächlich der Kirsche. Die Cereja do Mato (Eugenia involucrata) wächst aber im Atlantischen Regenwald und gehört zu den Myrtengewächsen. Ihre Früchte sind sehr saftig und leicht süß.

Araça pera Früchte. Auf dem Foto sind die
kleinen. Wir haben aber schon wesentlich
grössere geerntet
Der Hit sind unsere Araça pera. Sie werfen jeden Tag ein paar Früchte ab. Die Früchte, der in Brasilien heimischen Araça, geben einen leckeren Saft. Nach ein paar Tagen Saftgenuss will ich aber doch auch etwas anderes aus ihnen machen. Marmelade ist das erste, was mir einfällt. Aber, habt ihr schon einmal Marmelade aus Äpfeln gemacht? Nein?

Was haben Äpfel mit der Araça pera zu tun? Beide haben eine ähnliche Konsistenz.

Zuerst genieße ich den süßsauren Duft der Araça pera während ich versuche, sie mit einem Spritzer Zitronensaft und Gelierzucker einzukochen. Plötzlich will es ein wenig brandeln. Ich gebe ein bißchen Wasser dazu, weil die Araça pera, ähnlich wie der Apfel, doch nicht so saftig ist, w
ie ich dachte. Sie ist eher mehlig. Das Ergebnis gleicht dann auch eher einem Apfelmus als einer Marmelade. Ich fülle sie trotzdem in Marmeladengläser ab, schmiere sie aufs Butterbrot und mixe das Araça-pera-Marmeladenmus in meinen Joghurt.

Sieht aus wie Apfelmus, soll aber
Araça pera Marmelade sein
Dann fällt mir ein, dass ich eine Creme aus ihr machen könnte, so wie "Creme de maracuja", eine ewig süße Hinschmelz-Angelegenheit. Sehr einfach zu machen. Im Mixer vermische ich creme de leite (so etwas wie eingedickte Sahne), leite condensado (entwässerte, mit Zucker versetzte Milch, sehr zähflüssig und süß), ein paar entkernte Araça pera und ein bißchen Wasser. Fertig. Das Ergebnis ist ein Traum. Die Säure der Araça pera hebt die schwere Süße der leite condensado wieder auf.

Nein, ich esse nicht alles auf einmal. In Bechern halten sie sich im Kühlschrank so lange, bis ich alles aufgeschleckt habe - immerhin zwei Tage.

Weil ich gerade so in Schwung bin, mache ich mich auch noch an eine Batida. Eine Creme mit Cachaça (Zuckerrohrschnapps). Die wird eigentlich getrunken. Mein Ergebnis lässt sich aber nur löffeln. Also löffle ich meine Araça Batida.
Hicks

Wenn es morgen nicht regnet, werde ich sehen, ob es im Wald noch weitere, reife Früchte gibt, Frühlingsfrüchte, weil hier eben alles anders ist und sich die Erntezeit nicht nur auf Sommer und Herbst beschränkt.

Donnerstag, September 28, 2017

Saurer Regen

"Achtung, es kann sauren Regen geben."

Zuerst dachte ich, ich habe mich verhört. Die Warnung wird aber immer wieder wiederholt. Weil es so lange nicht mehr geregnet hat, sei die Luft voll mit chemischen Substanzen. Die würden jetzt geballt auf uns herunter regnen, heißt es. Als Grund für die Luftverschmutzung wird die hohe Zahl an Bränden angegeben.

Es ist richtig, in den vergangenen zwei Monaten hat es nur wenige Millimeter geregnet. Viel zu wenig. Es stimmt auch, dass die Zahl der Brände höher ist, als sie es im gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr war.

Zu viele Raucher. Ja, Raucher. Hier erklären sie immer noch, dass die meisten Feuer durch aus Autofenster geworfene Kippen entbranden. Die meisten Brände werden aber in Schutzgebieten fernab von Autostraßen registriert. Müssen Weitfliegerkippen am Werk sein. Tatsache ist, dass weniger Straßenböschungen in Brand stehen, als Brachflächen, Weiden, abgeerntete Acker und eben auch Schutzgebiete, weil hier immer noch mit Feuer "gesäubert" wird. Das ist verboten, stört aber keinen und wird auch nur selten geahndet.

Aber zurück zum sauren Regen. Vor ein paar Jahren hatten wir noch kleine Solarlampen, weil wir ja keinen Strom hatten. Die Solarlampen musste ich aber nach jedem Regen mit Spüli von einer nur schwer zu beseitigenden weißen Schicht befreien. Zuerst dachte ich, es ist Salz. Per Luftlinie sind wir nur zwei Kilometer vom Meer entfernt. Beim Testlecken hat sich das aber nicht bestätigt.

Ich hatte dann auch mal im Internetcafé in der Stadt nach saurem Regen gestöbert. Fündig geworden war ich nicht. Saurer Regen war kein Thema. Das galt zumindest noch vor fünf Jahren.

Jetzt heißt es plötzlich, dass es sauren Regen geben soll. Die Bevölkerung soll bitte kein Regenbad nehmen, weil das zu Hautirritationen führen könnte, sagen sie.

Kein Wort von Abgasen durch Autoverkehr und Industrie. Kein Wort von den gelben Smogglocken, unter denen Curitiba und andere Großstädte dümpeln. Wie gut, dass es Raucher gibt, die Brände verursachen und jetzt auch sauren Regen.

Dienstag, September 26, 2017

Spinnenbiß

Meine Oberschenkel sind nicht gerade das, was ich als dünn bezeichnen würde. Als ich gestern morgen die Decke zurückgeschlagen habe, war aber selbst ich über die Größe meines linken Oberschenkels überrascht. Über Nacht hat er sich fast verdoppelt. Rund um eine dunkel markierte Bißstelle war er Luftballonmäßig angeschwollen.

Spinnenbiß, hat Alessendro fachmännisch befunden. Wie er darauf kommt, weiß ich nicht. Aber mir fällt auch keine bessere Antwort ein. Die Auswirkungen von den Stichen der Mücken, Griebelmücken, Bremsen und selbst von Bienen sind jedenfalls anders. Der Unterschied ist die Mitte, die leicht nekrotisch ist. So ähnlich sah auch das Bein von Alessandros Tante aus, als sie vor Jahren von einer Armadeira, einer bißwütigen Spinne attackiert worden ist.

Vorsichtshalber habe ich gleich einmal Antihistamine genommen und mir Aloe vera verabreicht. Schwellung und Röte sind daraufhin tatsächlich leichter geworden.

Das war am Morgen. Am Nachmittag habe ich dann beinahe in ein Wespennest gegriffen, als ich im Wald ein Stück Holz aufheben wollte. Zack hat mich eine der Soldatinnen an der rechten Hand gestochen.

Jetzt ist mein Körper wieder im Gleichgewicht: Linker Oberschenkel dick, rechte Hand und Unterarm dick.

Wahrscheinlich sind das Zeichen, dass ich mal eine Pause machen sollte....

Montag, September 11, 2017

Duft löst Bienenattacke aus

Sie stechen nicht, aber sie können nerven. Eine der kleinen schwarzen Bienen versucht, in mein Ohr zu kommen. Ihre Kollegen verzwirbeln sich in meinen Haaren. Eine ist am Mundwinkel. Nein, ich sage nichts, will ihr kein Öffnung bieten. Am Anfang habe ich noch versucht, still dazustehen. Bisher hat das immer geholfen. Jetzt sind die Mandaguaris aber so aufgebracht, dass nichts mehr hilft. Ich renne den holprigen Waldpfad hinauf und sie umschwirren wie ein fliegender Hut brummend meinen Kopf. Irgendwann geben sie auf, fliegen zu ihrem Nest zurück.

Biennenest in Baumhöhle mit
Trompete als Eingang.
Ihr Nest haben wir schon vor ein paar Jahren entdeckt. Für ihr Schloss haben sie einen Baum unweit unseres Waldpfades ausgesucht, der zum Sumpf hinunter führt. Auf sie aufmerksam geworden sind wir durch ihr Gesumme und die Ansammlung der Bienen vor dem Baumstamm. Attackiert haben sie uns bisher noch nie. Nur der Schorschi, der hatte weniger Glück. Zu dritt sind wir einmal den Pfad entlang gestapft, als sie plötzlich auf ihn losgegangen sind. Nur auf ihn, wohl gemerkt. Irgendein Duft, Deo, Parfüm Schorschis muss sie irritiert haben. Uns haben sie jedenfalls in Ruhe gelassen.

Auch jetzt war es wieder ein Duft, der sie aus dem Häuschen gebracht hat. Am Vormittag haben sie mich noch völlig ignoriert. Da stand ich vor ihren imposant angewachsenen Eingang zu ihrem Nest, habe das Handy davor gehalten und fotografiert. Summ, summ. Nichts hat sie gestört.

Am Nachmittag wollten wir in der Nestnähe Bienenfallen aufhängen, in dem Versuch, das gigantische Volk der Pollensammler zu teilen und für die Honigproduktion zu gewinnen. Ich hatte Alessandro noch gebeten, die nach Propolis riechende Flasche vorher abzulegen, damit ich sie für eine genauere Artbestimmung noch einmal fotografieren kann. Über einen Internetkontakt hatten wir versucht, herauszufinden, um welche Art es sich handelt. Die von mir vorher gemachten Fotos hatten für eine eindeutige Identifizierung der Bienen nicht ausgereicht. Neue Fotos sind mir aber nicht gelungen.

Als ich zwei Meter von ihrem Bau entfernt war, kam die erste der kleinen, schwarzen Bienen und setzte sich auf meine Hand. Sie hat wohl die anderen alarmiert. Die kamen so schnell, dass ich gar keine Zeit hatte, an irgendeine Verteidigungsstrategie zu denken. Sie haben mich nicht gestochen. Unangenehm ist einfach nur ihr Versuch in Ohren, Nase, Mund einzudringen oder sich in den Haaren einzurollen.

Später lese ich in einem Handbuch zur Zucht stachelloser Bienen den Tipp, die Ohren mit Watte zu verstopfen. Da steht auch, dass die Mandaguaris einen sehr schmackhaften Honig produzieren. Der Baum muss voll sein davon. Es ist ein riesiger Schwarm. Laut Fachliteratur kann ein Mandaguarinest zwischen 5.000 und 20.000 (!) oder mehr Bienen beherbergen.

Ihren Eingang bauen die stachellosen Bienen aus Wachs. Jede
Art baut eine typische Form. "Unsere" Mandaguari
hat eine riesigeTrompete gebaut.
Um welche Mandaguariart es sich genau handelt, wissen wir noch nicht. Anhand der Fotos und unserer Lokalisation meinte eine der Expertinnen, dass es eine Mandaguari amarela (Scaptotrigtona xanthotricha) wäre. Die hat aber rötliche Beinchen. Die der unseren sind schwarz. Ein anderer tippt auf Mandaguari canudo (Scaptotrigona postica). Deren Vorkommen ist für den Küstenbereich Paranás bisher aber noch nicht nachgewiesen. Dazu kommt, dass sich die Arten der Scaptotrigona untereinander kreuzen.

Vielleicht ist es aber auch eine ganz neue Art. Trotz den Anstrengungen in den vergangenen Jahren gibt es zu den heimischen Bienen Brasiliens noch etliche Wissenslücken und werden immer wieder neue Arten registriert.

Die stachellosen Bienen Brasiliens bauen typische Eingänge zu ihren Nestern in hohlen Bäumen. Unsere hat aus Wachs eine riesige Trompete geformt. Beide der genannten Scaptotrigonas machen ähnliche Eingangstrompeten.

Immerhin wissen wir jetzt aber, dass es eine Mandaguari sein muss. Welche genau es ist, werden wir schon irgendwann herausfinden. Heute waren unsere Bienlein jedenfalls wieder friedlicher. Alessandro hat die Falle in ihrer Nähe an einem Baum aufgehängt. Jetzt heißt es abwarten und hoffen, dass sie dort eine "Außenkolonie" anlegen werden.

Weil etliche der stachellosen Bienenarten Brasiliens bereits vom Aussterben bedroht sind, widmen sich mittlerweile mehrere Projekte deren Schutz. Ein paar davon stelle ich im Brasilienportal und im Amazonasportal vor: