Donnerstag, September 29, 2016

Wahlkampfspektakel im Endspurtfest

Noch wird in Antonina der Wahlkampf gefeiert. Das Aus für Carreatas, Passeatas und Trios Elétricos kommt am Samstag (1.), Punkt 22 Uhr. Bis dahin wird aufgeboten, was möglich ist.

Kaum steige ich in der Stadt aus dem Bus, werde ich mit Reim-Dich-Friss-Dich-Liedern aus den Lautsprechern des Mini-Trio Elétrico emfpangen. Eine junge Frau läuft auf mich zu und will mir ein "santinho" in die Hand drücken. Danke, sage ich, und schüttle zu ihrer Enttäuschung den Kopf. Das Kopfsteinpflaster ist längst schon zum Mosaik von santinhos geworden, kleine Zettel, die die Konterfeis der Bürgermeister- und Stadtratskandidaten zeigen. Unter dem Konterfei der Herren und Frauen Kandidaten steht die dazu gehörige Nummer, die am Sonntag von den Wählern in die elektronischen Urnen eingetippt werden soll.

Ein Pfiff ertönt und der Unterstützungstrupp verteilt sich auf Autos und Motorräder. Kurz später ziehen sie mit herunter gekurbelten Fenstern, aus denen gelb-rote Luftballons hängen, johlend und hupend an mir vorbei, dem voranfahrenden Mini-Trio Elétrico hinterher, auf dem drei Männer und Frauen so etwas wie tanzen. Als sie auf die Rua XV de Novembro einbiegen, kommt aus der anderen Richtung der Tross eines Gegenkandidaten. Auch dort wird der Kandidat gefeiert. Nur die Farbe der Luftballons und die Jingle-Melodie, die unterscheiden sich vom ersten Tross.

Mit maximal 80 Dezibel dürfen die Kandidaten von 8 bis 22 Uhr ihre Umgebung beschallen. In der Zeit des Wahlkampfes sind ruhige Plätzchen in dem sonst verschlafenen Städtchen rar. Und doch läuft der Wahlkampf in Antonina im Vergleich zu anderen Städten sehr geruhsam ab.

Geschossen wird nur mit Worten, nicht mit Munition wie in dem 100.000 Einwohner zählenden Itumbiara im brasilianischen Bundesstaat Goiás. Dort hat am Mittwoch ein 53-jähriger Angestellter der Stadtverwaltung seelenruhig sein Auto geparkt, um dann auf den vorbeifahrenden Wagen das Feuer zu eröffnen, auf dem sich einer der Bürgermeisterkandidaten befunden hat. Der Kandidat war auf der Stelle tot, der Vize-Gouverneur und noch ein Unterstützer sind schwer verletzt. Ein Polizist, der einschreiten wollte, wurde ebenso erschossen und letztlich haben die Polizisten dann, den Schießer erschossen. Im Großraum von Rio de Janeiro werden mindestens 14 Mordfälle von Kandidaten untersucht. Auch in einigen anderen Städten gab es Morde und Mordversuche und in einer wurde eine hausgemachte Bombe in den Hauseingang eines der Bürgermeisterkandidaten geworfen.

Der Oberste Richter Gilmar Mendes hat zügige Ermittlungen gefordert. Vielleicht sind nicht alle der Mordfälle politisch motiviert. Vielleicht sind aber auch gar nicht alle erfasst, weil sie als Raubüberfall, Unfall, Abrechnung oder anderes deklariert werden. Es ist eine dunkle Geschichte mit einer noch düsteren Aufklärungsrate.

Gilmar Mendes geht einen Schritt weiter und warnt vor dem organisierten Verbrechen im politischen System. Mehr sagt er nicht. Dann werden plötzlich Militärtrupps versprochen, um in 408 Städten und Gemeinden für Sicherheit während der Wahl zu sorgen. 25.000 Soldaten sind für das riesige Land dazu abbestellt worden. Nicht viel und doch erschreckend, dass in dem Land, das bis 1985 von einer Militärdiktatur regiert worden ist, ausgerechnet das Militär zum Schutz der Politiker und Wähler herangezogen wird.

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