Dienstag, November 24, 2015

Schwammerlsuppe aus dem Regenwald


Essbarer Coprinellus disseminates
Ihr glaubt es nicht. Ich war Schwammerl suchen. Mitten im Regenwald. Wir haben so tolle Pilze wie Oudemansiella cubensis und Coprinellus disseminates gefunden.

Schaut, das ist ein Marasmiellus, sagt André und hält uns einen winzigen, weißen Schwammerl entgegen. Seine Kappe hat vielleicht einen Durchmesser von 1,5 Zentimeter, sein Stiel nur wenige Millimeter. Grazil und schön ist er, aber nicht eßbar, wie André zu all unserer Enttäuschung erklärt.

André ist unser Schwammerlpabst. Er hat das erste Kompendium über die Pilzwelt des südbrasilianischen Bundesstaates Paraná geschrieben, ein paar neue Arten entdeckt und sein Leben den Studien über den Atlantischen Regenwald gewidmet. Dort stapfen wir jetzt brav hinter ihm her, steigen über Äste und abgebrochene Zweige, schlüpfen durch das Unterholz, die Augen auf den Boden geheftet, in der Hoffnung irgendwo einen eßbaren Speisepilz zu entdecken.

Seit Jahren schon suche ich Menschen, die mir über eßbare Pilze aus dem Regenwald erzählen können. Die meisten Brasilianer sind allerdings keine Pilzesser. Die einzigen Schwammerl, die schön langsam den Siegeszug des brasilianischen Speiseplans antreten, sind Champignon und Shiitake. Dabei ist die Mata Atlântica voll mit heimischen Pilzen.

"Holzohr", mit dem 
sich Färben lässt
Vor allem jetzt in der Regenzeit (Frühjahr und Sommer) sprießen überall die schönsten und farbenprächtigsten Schwammerl hervor. Gegessen werden sie nicht. So habe ich auch niemanden gefunden, der mich in die Kunst des brasilianischen Schwammerlsuchens einführen könnte. Bis wir André kennenlernten. Ein Experte in Sachen Pilzen, wie ein Freund von uns es ausdrückte. Doch niemand konnte mir sagen, wo er lebt und wie ich mit ihm Kontakt aufnehmen kann, bis Alessandro ihn vor vier Jahren zufällig an einer Bushaltestelle getroffen hat. Von da an entwickelte sich eine große Freundschaft.

Bei einem seiner Besuche bei uns, hatte er uns schon einmal einen Schwammerl gezeigt, der sich essen lässt. Wir sind daraufhin sogar losgezogen, um ihn für eine Soße zu sammeln. In der einjährigen Schwammerlpause habe ich aber längst wieder vergessen, wie er aussieht.

Jetzt stellt sich das Aha-Erlebnis ein. Es war ein Oudemansiella cubensis. Etwa 100 Meter hinter Andrés Haus hat einer aus der Gruppe ihn gefunden. Vielleicht fünf Zentimeter Durchmesser misst er. Fünf Zentimeter begehrtes Eß-Objekt ziehen neun Augenpaare auf sich, während André seine Merkmale preisgibt. Die neun Augenpaare gehören zu einer bunt zusammen gewürfelten Gruppe. Seu Carlos hat ein paar Freunde aus Curitiba mitgebracht und ich zwei Cousins von Alessandro. Im Morgengrauen sind wir los gefahren, ein bißchen Teerstraße und 36 Kilometer Schotterpiste im Schneckentempo bis nach Tagaçaba. So nah und doch 2,5 Stunden Fahrt von uns entfernt.

Der Atlantische Regenwald bei Tagaçaba
Als sich unsere Augen an die überschwengliche Welt des Atlantischen Regenwaldes gewöhnt haben, entdecken wir sie überall die Schwammerl. Milena spürt sogar nur zwei Millimeter große Pilzlein auf, die auf einem herunter gefallenen Palmblatt wachsen. Am Stamm eines Baumes wachsen einige Exemplare einer Mycena-Art. Die ein bis zwei Zentimeter kleinen Pilze werden ruckzuck zu Stars der Fungi-Welt, als André uns erzählt, dass sie in der Nacht leuchten, sie "lumniscente" sind. Wir finden "Sterne der Erde", etliche Baumschwammerl und essen ein paar der Coprinellus disseminates.

Dass sich den ganzen Tag über leichter Regen über uns ergießt, haben wir schnell vergessen. Wir sind vollkommen abgetaucht in der Welt der geheimnisvollen Regenwald-Pilze.

Am Ende des Tages breite ich unsere Ausbeute auf dem Geländer der Terrasse von Andrés Haus aus. Für eine Schwammerlsuppe reicht es nicht. Aber es ist ja auch erst Vorsaison. In der Hochsaison werden wir uns noch einmal auf gemeinsame Erkundungstour begeben. Dann werden wir uns auf die Suche nach dem Pleurotus djamor begeben, einem rosafarbenen Verwandten des Austernseitlings, der bei uns wild wächst. Wegen seiner Farbe wird er auch "cogumelo-salmão" genannt, Lachs-Pilz. Zu finden ist er auf herabgefallen Ästen und toten Bäumen. Er ist einer der äußert wenigen brasilianischen Pilze, die mittlerweile auch kultiviert werden. Bis er die Gaumen und Speisepläne der Brasilianer erobert, wird es allerdings noch eine Weile dauern.

Unsere Ausbeute. Ganz links auf dem Rindenstück ist der Mycena, der nachts leuchtet


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