Samstag, Juli 04, 2015

Straßenausbau mit Kolibri

Unsere "Straße" ist ein Waldweg oder ein Feldweg. Vor fünf Jahren war es noch ein schlammiger Trampelpfad. Den haben wir mit Genehmigung der Umweltbehörde abziehen und in eine Straße verwandeln lassen. Damals haben wir gemeinsam mit ein paar Nachbarn noch Tonnen von Steinen darauf verteilt, bis der Weg auch per Auto nutzbar war.

Vorher mussten wir alles per Muskelkraft und zu Fuß bis zu unserem Häuslein bringen. Holzbretter, Holzbalken, Dachplatten haben wir geschultert und über die 300 Meter Schlammpiste zu unserem Grundstück geschleppt, Ziegelsteine und Sand per Schubkarren und unter Einsatz aller Schiebkräfte zum Haus gekarrt.

Mit unserer "neuen" Straße wurde das Leben leichter. Laster und Autoverkehr der Anlieger haben allerdings aus ihr schnell eine Buckelpiste gemacht. Nach dem Aufstellen der Strommasten und dem Anschluß ans "Licht" war vom Weg noch weniger übrig. Ein paar Laster Steingaben haben nicht wirklich geholfen. Also waren mal wieder Straßenausbesserungsarbeiten angesagt. Einer der neuen Nachbarn war voller Elan und hat gleich einmal weitere Nachbarn motiviert in 30 Tonnen Steinschüttung zu investieren. Zusammen, machen wir das alle ruckzuck, so sein Aufruf. Als dann die Steine kamen, waren nur er und ich da. Sinnvollerweise hatte er die Steine mitten unter der Woche anliefern lassen. Die Nachbarn kommen aber nur am Wochenende und Alessandro war an dem Tag ausgerechnet mit dem Schorschi in der Stadt beim Großeinkauf.

Der Herr Nachbar, stur wie ein Kolibri, der versucht aus einer Plastikblume Nektar zu saugen, befand, dass das doch kein Problem sei. Den Lastwagenfahrer wies er an, alle paar Meter anzuhalten und ein paar Steine seiner Ladung freizugeben, während ich versucht habe, die Haufen soweit zu verteilen, dass der Laster später wieder rausfahren konnte, um die nächste Ladung zu holen. 30 Tonnen Steine und der Herr Nachbar zwischen Laster und Schlaglöcher wie ein Kolibri hin und herflatternd, anstatt beim Verteilen der Steine zu helfen. Das hat er mir und meinem armen Kreuz überlassen. Als die Dämmerung einsetzte, machte er sich aus dem Staub, die Berge hinauf nach Curitiba in sein wohliges Heim mit Teerstraße vor der Türe. Am Samstag, werde er wiederkommen und noch ein paar Nachbarn organisieren, die beim richtigen Verteilen der Steine helfen werden, so der Herr Kolibri.

Der Samstag kam, die Nachbarn nicht. Schon die vergangenen zwei Tage haben Alessandro und ich damit verbracht, die schlimmsten Hügel abzutragen und die Steine in den Schlaglöchern zu verteilen, Rinnen und Gräben für den Ablauf des Regenwassers anzulegen und die begraste Mittelspur wegzuhacken, damit die Autos dort nicht mehr aufsitzen. Bis zu uns ist der Waldweg jetzt wieder befahrbar. Mein Bizeps ist dabei mindestens um drei Zentimeter gewachsen. Nur mein Kreuz, das macht mir zu schaffen. Den Rest des Weges überlassen wir jedoch den Nachbarn, so sie denn mal wieder kommen.

Multirão nennen sie das, wenn viele Menschen sich zusammentun und gemeinsam eine Arbeit erledigen, die dann allen zugute kommt, wie zum Beispiel unser Straßenausbau. Vor einem solchen Multirão sind sich alle schnell einig, dass das eine tolle Sache ist. Ist es dann soweit wird aus dem Multirão eine einsame Aktion, schrumpft er auf wenige Helfer zusammen, meistens auf Alessandro und mich und mit etwas Glück noch einem anderen Helfer. Warum wir überhaupt unsere "Straße" selbst ausbessern, ist einfach. Würden wir auf die Gemeinde warten, die dafür eigentlich zuständig wäre, müssten wir lange warten. Immerhin ist die ungefähr so groß, wie ein ganzer bayerischer Landkreis. Und da gibt es wichtigere Straßen als unsere. Einen Antrag hatten wir dennoch schon einmal vor Jahren gestellt. Wahrscheinlich wird der auch irgendwann einmal in den nächsten zehn Jahren bearbeitet. Also legen wir selbst Hand an und leisten uns unter dem Einsatz unserer Kräfte den Luxus einer befahrbaren Feldwegstraße bis zu unserem kleinen Paradies, anstatt nur zu reklamieren und zu fordern.

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