Samstag, Juni 13, 2015

Blütenflocken zum Winteranfang


Ein paar Tage vor dem Winteranfang schneit es. Es schneit und schneit den ganzen Tag, bis auf der einen Seite des Hauses alles unter einer gelblich-weißen Decke verschwunden ist.

Unser Schnee ist nicht wirklich ein Schnee. Er  besteht aus winzigkleinen, sternchenförmigen Blüten, vielleicht drei Millimeter groß. Leise rieseln sie ohne Unterlass vom Baum herunter, der neben dem Haus steht und uns angesichts seines brüchigen Holzes immer mehr Sorgen bereitet. Einen seiner Zweige hat er bereits über das Dach gestreckt. Beim letzten Sturm, ist ein anderer Beindicker Zweig einfach abgekracht und um Millimeter am Dach vorbei gesaust.

Jetzt aber stehe ich da und lasse mich wieder einmal von seinen Abermillionen von Blüten faszinieren. Als mich die kleine Renata vor Jahren einmal gefragt hat, wie sich Schnee anfühlt, haben wir uns unter den Baum gestellt und die Blüten auf uns rieseln lassen. Begeistert hat sie ihre Nase in den Himmel gereckt und gewartet, bis eine der Blütenflocken sich auf deren Spitze niederlässt. In ihren aufgehaltenen Händen hat sie die winzigen Sternchen aufmerksam bestaunt, von der einen in die andere Hand schweben lassen.

Mitten im subtropischen Brasilien haben wir Winter in Bayern gespielt.  Seitdem heißt der Baum, Schneebaum. Nur auf einen Schneeball, auf den musste die damals sechsjährige Renata verzichten.

Als sich plötzlich eine bunte Vogelbande über die am Baum verbliebenen Samen hermachte, wollte Renata wissen, wie das ist, wenn Vögel Schnee fressen.

Fressen Vögel Schnee?
Ich weiß gar nicht, ob Vögel Schnee fressen. Vielleicht schnappen sie sich ja ein paar Flocken, um Wasser zu trinken, sage ich und schaue in die ungläubigen Augen des Mädchens. Ich hatte vergessen, ihr zu erklären, dass der Schnee aus Wasser besteht. Tausende Fragen stürmen auf mich herein. Ob die Menschen nicht untergehen, wenn sie auf den Schnee treten und warum er zu einem Ball zusammenklebt und wie Schneemänner gemacht werden und woher das ganze Wasser kommt. Ich erzähle ihr von meinen Schneeabenteuern als Kind, vom Iglubauen, Ski- und Schlittenfahren, von Schneeballschlachten und Schneewanderungen. Meine geballten Schnee- und Wintererinnerungen ergießen sich wie eine Lawine über sie.

Renata ist begeistert, aber auch froh, dass "unser" Schnee trocken ist und sie keine Handschuhe braucht, damit ihre Finger nicht einfrieren.

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