Sonntag, April 26, 2015

In die Seele eingebrannt

Für meine Nichten, Neffen und Freunde, die nach "Tschernobyl" geboren sind, 

Als ihr auf die Welt gekommen seid, hat kaum mehr einer über die Katastrophe geredet, die das Leben von Millionen von Menschen in Europa über Jahre hinweg beeinträchtigen wird. Ihr mögt in der Schule vom Unfall im Kernkraftwerk im ukrainischen Tschernobyl gehört haben. Vielleicht habt ihr auch am 11. März 2011 vom Kernreaktor in Fukushima in Japan gehört oder die Bilder im Fernsehen gesehen.

Bei mir haben sich die Tage und Wochen nach dem ersten "beinahe GAU", wie sie die Reaktorkatastrophe damals genannt haben, in die Seele eingebrannt. Nichts ist seitdem mehr sicher, auch nicht die angeblich sicherste Technologie der Welt. So wie eure Oma sich immer an die Bomben und Schrecken des Krieges erinnern wird, werden mich die Erinnerungen an Tschernobyl begleiten. Das, was ich und viele Menschen im Südosten Deutschlands, in Bayern, und in Österreich erlebt haben, ist vor eurer Geburt passiert und ich hoffe inständig, dass es sich nicht mehr wiederholen wird, ihr wenigstens vor einem neuen Reaktorunfall verschont bleibt.

Der 26. April 1986 war ein schöner Frühlungstag, ein Samstag, den viele im Freien verbracht haben, während über ihnen sich schon die radioaktive Wolke ausbreitete. Ich bin zum Hechtsee gelaufen, um dort im noch kühlen Wasser mein erstes Jahresbad zu nehmen. In meiner Erinnerung hat es später geregnet. Vielleicht kam der Regen auch erst ein zwei Tage später, als ich wie immer mit dem Rad unterwegs war.

Erst Tage später erfahren wir über die Nachrichten von dem Unfall im russischen Kernkraftwerk. Zunächst wird die Katastrophe auch in Deutschland herunter gespielt. Das Ausmaß wird erst nach und nach in kleinen Häppchen der Öffentlichkeit, uns Europäern, preis gegeben. So sickert es nur  langsam in unser Bewusstsein ein, dass wir im radioaktiven Fallout gebadet haben, im radioaktiven Regen gelaufen und geradelt sind, das Radler im Biergarten umgeben von der unsichtbaren Radioaktivität getrunken haben, bevor die Tatsachen dann knallhart zuschlugen und uns aus der Bahn werfen.

Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Welche Luft werden wir atmen? Bei jeder Wiederholung der Nachrichten, bei jeder Neuigkeit füllen Tränen meine Augen. Die Angst schnürt die Tränen ab, erstickt alles, selbst die Gedanken. Leere, unbändige Angst, Hilflosigkeit und ein Unglauben, der gegen die Realität kämpft, mischen sich zu einem seltsamen Gefühlsgebräu, das uns versteinert. Es kann doch nicht sein, dass das, was 1.350 Kilometer weit entfernt passiert ist, auch uns betreffen wird oder betrifft.  Doch der Fallout, radioaktiv angereicherter Regen und Wind hat uns voll erwischt. Es wird geraten, nicht zu lüften, nur das notwendigste vor der Haustür zu erledigen und nach jedem Gang ins Freie zu duschen. Bis der Rat kommt, haben wir die Radioaktivität schon ins Haus getragen, mit in unsere Betten genommen.

Die nächsten Tage sind von Angst und Unruhe geprägt. Was werden wir essen? Was trinken? Wo sollen wir die Luft hernehmen zum Atmen, ohne uns zu belasten?

Nachrichten verschütten uns mit den verschiedensten Gefühlen, graben uns ein in einer Welt, die wir nicht wollen. Die Küche wird zur Raumkapsel, der Garten zum unwirtlichen schwarzen All, das ohne Schutzanzug und Sauerstoff nicht zu überleben ist. Was ist mit den Menschen, die keine 1.350 Kilometer entfernt leben? Wenn schon bei uns die Radioaktivität um das zigfache erhöht ist, wie muss es dann in Kiew sein? Werden wir alle an der Strahlenkrankheit oder an Schilddrüsenkrebs sterben? Reportagen, Diskussionen, Nachrichten bringen verwirrende Daten, beschwichtigen, malen Horrorszenarien. Wem sollen wir glauben?

Ich kaufe Dosengemüse, eingeschweißten Käse, Knäckebrot, Nudeln, Mehl, will mir einen Vorrat anlegen. Nichts was von draußen kommt, kann die nächsten Wochen gegessen werden. Vielleicht werden es auch Monate werden. Keiner weiß wirklich Antworten zu geben. Das einzige, was uns gesagt wird, ist, dass die radioaktiven Werte in unserer Region bei Weitem zu hoch sind und die Gesundheit beeinträchtigen können.

Draussen in der unwirtlichen, radioaktiven Welt scheint die Sonne. Wir sitzen drinnen, hoffend, dass die Ziegelwand ein wenig Strahlung abhält. Wir sehen sie nicht, wir riechen sie nicht, wir spüren sie nicht, die Radioaktivität, und ahnen nur im Entferntesten, was sie anrichten kann. Ein paar Wochen später zeigt sich die unsichtbare Gefahr in aller Frühlingspracht. Beim Nachbarn wird ein seltsam verformtes Kalb geboren. Später heißt es in den offiziellen Statistiken, dass bei den Tieren nicht mehr Fehlbildungen als sonst beobachtet worden seien. Die Gänseblümchen sind seltsam rötlich, haben vier und fünf enorme Blütenköpfe. Riesige, saftige Blätter verleiten zu der Annahme, dass es die Natur dieses Jahr besonders gut meint. Der Löwenzahn hat doppelte und dreifache Blütenköpfe statt einen. Die Nachbarin ist begeistert und sammelt Unmengen davon ein, um Likör anzusetzen. Entsetzen rinnt durch meine Adern. Aus einem Reflex heraus gehe ich einen Schritt zurück, um von der angesammelten Radiaktivität des vollen Löwenzahnblütenkorbes Abstand zu nehmen. Doch wie kann ich von ihr Abstand nehmen, wenn ich doch selbst Teil bin dieser Natur, deren Boden, deren Pflanzen plötzlich radioaktiv sind?

Über Radio und Fernsehen wird geraten, die Erde der Gemüsebeete abzutragen. Was wertvoller Humus war ist zum Sondermüll geworden. Die Gemeindeverwaltungen tauschen den Sand auf den Kinderspielplätzen aus, die nicht mehr vom Lachen der Buben und Mädchen erfüllt sind, weil sie vorübergehend gesperrt wurden, um eine Kontaminierung der Kinder zu vermeiden. . Wir rauben unseren Gemüsebeeten den Humus. Wo wir ihn hingetan haben weiß ich nicht mehr. Woher wir die Erde für den Austausch hernehmen sollen, ist uns unklar. Nicht einmal den Kompost aus dem Vorjahr werden wir auftragen können. Auch er ist verseucht.

1986 bauen wir keinen Salat an, keine Tomaten, keinen Schnittlauch. Die Bauern und Molkereien müssen ihre verstrahlte Milch entsorgen. Die Kühe müssen vorerst im Stall bleiben und mit Heu- und Kraftfutter gefüttert werden. Schwammerl, Äpfel und andere Früchte des Jahres landen irgendwo, nur nicht im Bauch.

Später wird den Menschen geraten, vorsichtshalber Jodtabletten zu schlucken, um so das Anreichern der Schilddrüse mit der Radioaktivität zu verhindern. Da ist es aber schon zu spät. Wir sind verseucht, unser Gemüse ist verseucht und die Umwelt ist verseucht. Noch Jahre danach liegen die Strahlenwerte der Schwammerl und Rehe weit über den zugelassenen Grenzwerten, können Waldfrüchte nicht gegessen werden.

Ja, wir haben Tchernobyl überlebt. Ob wir Langzeitfolgen davon getragen haben, wissen wir nicht. Einige meiner Freunde haben Krebs gehabt, haben Krebs oder sind daran gestorben. Ob sie auch ohne den Kernkraftunfall Krebs bekommen hätten, kann keiner wissen oder will keiner sagen. Was ich indes weiß ist, dass uns die Ohnmacht fest im Griff hatte und, dass keine Technik der Welt sicher ist. Fehler gibt es immer, sei es, dass ein Mensch beim Bedienen der Technik Fehler macht, ein Erdbeben oder sonst etwas alles aus dem Ruder bringt.

Die Fotos, die ich von all den mutierten Pflanzen gemacht habe, sind auf seltsame Weise verschwunden. Damals gab es noch keine Digitalkameras. In die Fotoapparate musste ein Film eingelegt werden, der dann zum Entwickeln in ein Labor gebracht wurde. Den Film, den ich damals zum Entwickeln gebracht hatte, habe ich nie bekommen und auch die Fotos nicht. Stattdessen gab es eine neue Filmrolle als Ersatz für den entstandenen "Schaden", sonst könnte ich euch heute zeigen, wie meine Welt, die auch die eure ist, damals aus den Fugen geraten ist.

Warum ich euch das schreibe? Weil ich euch zeigen will, wie fehlbar wir Menschen sind. Weil unsere Ideen, Erfindungen und unser Handeln Millionen von Menschen beeinflussen kann. Weil wir global alle miteinander verbunden sind und selbst eine über tausend Kilometer weit entfernte Katastrophe auch unser Leben beeinflussen kann.

1 Kommentar:

mondin hat gesagt…

Ist ja heftig, dass "sie" Deinen Film einkassiert haben !!!
Aber stimmt, wir haben ja bis heute nie solche Fotos gesehen...
Mir kommt auch das Grausen, wenn ich zurück denke, auch wenn bei uns nicht solche krassen Massnahmen angeraten wurden in Hessen.

LG Ursel