Samstag, Dezember 20, 2014

Mit Strohsternen in tropische Weihnachtsstimmung versetzt


Eine drückende Schwüle macht es unmöglich, den Tag im Freien zu verbringen. 35 bis 38 Grad und eine unbarmherzige Sonne versengen alles im Nu. Die Luft ist feucht und schwer, auch wenn das Hygrometer nur eine Luftfeuchte von 88 Prozent anzeigt. Morgen soll es regnen. Dann können wir wieder ein wenig aufatmen. 

Die Nachbarn, die in der kühleren Stadt Curitiba leben, hoch oben auf dem Festlandplateau halten die Hitze nicht aus. Heute früh sind sie angekommen, haben ihr Wochenendhäuschen aufgeschlossen, die eingesperrte dicke Luft nach draußen entweichen lassen und den Ventilator eingeschaltet, um sich von diesem anblasen zu lassen. Von seinem Wind haben sie sich ein wenig Erfrischung erhofft, aber die kam nicht. Gegen Mittag sind sie mit ihren Nerven am Ende. Seu João hat sich auf den Weg zu uns gemacht, steht jetzt oben an unserer Einfahrt. Er klatscht in die Hände und die Hunde melden ihn mit ihrem Gebelle an. 

"Ich habe schon gedacht, ihr seid nicht zu Hause", sagt er. Mitten in der Tageshitze verlassen wir selten das Haus. Wenn es geht erledigen wir die "Draußenarbeit" früh morgens oder am späten Nachmittag. Seu João fragt uns, ob er uns kurz mit seiner Frau besuchen kann. Danach würden sie sich schon wieder auf den Weg machen, die Berge hinauf ins kühlere Curitiba fahren.

Wenig später bellen die Hunde wieder, steht er mit seiner Frau vor der Tür, mit Tüten und einem Paket beladen. Ein kleines Weihnachtsgeschenk sagen sie. Von wegen klein. Alessandro nimmt Seu João das riesige Paket ab. Es wiegt etliche Kilo. Er öffnet es und wir staunen. Sekt, Wein, Panetone, Majonese, Erbsen, Mais, Oliven, Wackelpudding, Traubensaft und alles, was benötigt wird, um das ceia de natal, das mitternächtliche Weihnachtsmahl zuzubereiten. Seu Joãos Frau überreicht mir noch den "Chester". Einen Riesengockel, der als Alternative zum traditionellen Peru (Truthahn) Weihnachten verspeist wird. Ich müsse gar nichts machen. Der Chester sei schon gewürzt. Nur in den Ofen muss ich ihn schieben und dann ein paar Stunden warten bis ein Stäbchen nach oben schießt. Das zeige an, dass der Chester fertig sei, erklärt mir Dona Celina. Dann drängt sie uns, die restlichen Geschenke auszupacken: vier Geschirrtücher, zwei Gästehandtücher, eine Seife, eine Creme, ein Nagelack und ein Haarpflegeset, damit wir am Festabend auch gut riechen und schön frisch aussehen.

Kurz später kommt noch ein anderer Nachbar vorbei, der gerade dabei ist, ein Wochenendhäuschen zu bauen. Blaß sieht er aus. Er ist seiner ersten Schlange begegnet. Einer Caninana, harmlos und ungiftig, aber das wissen die meisten Stadtmenschen nicht. Zum Glück hat er sie nicht umgebracht, weil ihm vor lauter Aufregung nicht eingefallen war, wo er sein Buschmesser hingelegt hatte. Wir versuchen, ihn zu beruhigen, geben ihm kaltes Wasser  zum Trinken, klären ihn auf, dass die meisten Schlangen hier weder angriffslustig noch giftig sind. Nur vor der Jararacá, einer äußerst giftigen Viper, vor der muss er sich hüten. Aber auch die beißt nicht sofort zu. Ich bin neulich keine zehn Zentimeter von einer Jararacá entfernt gestanden, um die Katzen zu füttern. Die Viper wollte sich anscheinend über die Jungen hermachen. Bis ich sie entdeckt hatte, sind einige Sekunden vergangen. Die Katzenmamas waren schneller, haben sie gleich angefaucht. Alessandro hat sie dann aber entfernt, bevor es  zu weiteren Zwischenfällen gekommen ist.

Jetzt steht der Nachbar hier, immer noch ganz aufgeregt. Dann fällt ihm ein, dass in ein paar Tagen Weihnachten ist und auch er überreicht uns ein Freßpaket. Gestern nacht kam auch noch überraschend Besuch von Alessandros Tante und seinem Cousin samt Frau. Elaine hatte einen Gemüseauflauf gezaubert und mitgebracht. Tante Leia hat für die Maionese gesorgt (bunter Kartoffelsalat mit Maionese) und Jean hat Bier und Sekt überreicht.

Ja, wow. Plötzlich weihnachtet es tatsächlich, den Nachbarn und Alessandros Verwandten zum Dank. Mir war sogar so weihnachtlich zu Mute, dass ich die Hitze völlig verdrängt und Strohsterne in die Fliegengittertür gehängt habe. Meine Neffen und Nichten haben die Strohsterne vor ein paar Jahren mal für mich gebastelt. Jetzt sind sie meine Heimatserinnerung, mein Weihnachtsgefühlverstärkungsmittel.

Am späten nachmittag gibt die Sonne auf, wird es angenehmer, nehmen Alessandro und ich die Arbeit wieder auf. Wir sind dabei, einen 350 Meter langen Graben vor bis zur Teerstraße anzulegen. Dort gibt es ein Wasserrohr, an das wir offiziell zwar nicht angeschlossen werden dürfen, inoffiziell aber nun doch angeschlossen werden. Wir müssen nur das Rohr dazu selbst kaufen und verlegen. Zum Glück muss in den Subtropen keine frostfreie Tiefe eingehalten werden. 30 Zentimeter Tiefe reichen. 

Alessandro arbeitet mit der Spitzhacke vor. Die Sonne hat die Erde zu Stein gebrannt. Ich ziehe mit dem Spaten hinterher, die aufgelockerte Erde ausheben. Schön langsam wird es. Es fehlen nur noch so um die 200 Meter. Den Hochdruckschlauch werden wir uns nächste Woche zu Weihnachten schenken. Geht alles nach Plan, werden wir spätestens Fasching schon an die Trinkwasserversorgung angeschlossen sein. 

Das Wasser kommt von einem Bergbach und wird in einem privaten Naturschutzgebiet gesammelt. Von dort aus geht es bis nach Antonina. Behandelt wird es erst in der Stadt. Das ist auch der Grund, warum wir eigentlich nicht angeschlossen werden dürfen. Laut Gesetz darf die öffentliche Wasserversorgung nur mit behandeltem Trinkwasser geschehen. Laut Gesetz haben wir aber auch ein Recht auf einen Trinkwasseranschluß. Alessandro hat einige Verhandlungen geführt, bis wir endlich die Zustimmung bekommen haben. 

In unserem Brunnen ist die Situation währenddessen wieder ein wenig besser. Der Wasserstand ist nach ein paar heftigen Sommergewittern immerhin auf 90 Zentimeter angestiegen. Das reicht für ein paarmal duschen, ein wenig Geschirrspülen, das nötigste an Wäsche waschen und für die Toilettenspülung.

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