Samstag, November 01, 2014

Schachtelwerk zu Allerheiligen

Allerheiligen ist immer ein spezieller Tag für mich. Der Geburtstag meines Sohnes George. 22 Jahre würde er heute werden. Sein Grab ist auf dem Bergfriedhof in Kiefersfelden. Das Grab meines Vaters und drei meiner Kinder. Meine Ma hat Bodendecker und Rosen geschnitten und es mit einem Gesteck in Herzform versehen. Meine Schwester wird heute dort Kerzen anzünden.

Auch in Brasilien haben die Menschen in den vergangenen Tagen die Gräber vorbereitet. Laut Verordnung hatten sie bis zum 30. Oktober dafür Zeit. Viele sind aber auch heute noch damit beschäftigt, die Steine abzuwaschen, Plastikblumen vom Staub zu befreien und Kerzen aufzustellen. Wer es sich leisten kann, kauft Chrysanthemen und andere Blumen als Schmuck für die Gräber.

Der Friedhof von Antonina befindet sich wie der in meiner Heimat an einer Hügelflanke. Von Weiten schon prägt er sich ins Sichtfeld ein. Fast wirkt er wie eine kleine Stadt in der Stadt. Statt Erdhügel in Reih und Glied stapelt und schachtelt sich hier Mauerwerk ineinander, das für ein Labyrinth aus Kapellen, Häuschen und einfachen Rechtecken sorgt. Die sind mit "garvetas" ausgestattet, Schubladen, in die die Särge hineingeschoben und dann eingemauert werden.

Schon gestern hat es in der Stadt gewuselt, fast so als wäre es Weihnachten. So viele sind angereist, dass es vor der einzigen Ampel Antoninas zu einem kleinen Stau gekommen ist. Verwandte und Freunde treffen sich zwar erst an Allerseelen (2. November) auf dem Friedhof, um den Verstorbenen ihre Ehre zu erweisen, angereist wird aber schon vorher. An Allerseelen selbst geht es nach dem Friedhofsbesuch zum Churrasco, zum Grillen. Allerseelen ist eine gute Gelegenheit, um die Familie um sich zu versammeln und gemeinsam ein wenig zu feiern.

Steingräber sind nicht die Einzigen Bestattungsformen, die es in Antonina gibt. An einigen Stellen der Küste der großen Meereseinbuchtung haben früher die Indios ihre Verstorbenen in Hügelgräbern bestattet. Statt aus Erde wurden die Hügel mehrere Meter hoch mit Muscheln aufgefüllt. Sambaqui werden sie genannt. In den 70er Jahren wurden viele der Sambaquis zerstört, ihr kalkreiches Material zum Bau verwendet oder als Füllmaterial für Straßen. Mittlerweile stehen sie unter Denkmalschutz. Einige von ihnen sind auch zu Touristenattraktionen geworden.

Wir werden Allerheiligen und Allerseelen wie immer ruhig begehen, am Haus herum bauen und die Stille des Regenwaldes genießen.

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