Samstag, Oktober 04, 2014

Studie zeigt: Strom macht dick

Eine von Alessandros "Negas", aus Ton,
den er mit unserem weißen Lehm gemischt hat.
Die Kunst von meinem Süßen zeigt: er steht auf Dickes.
Da habe ich ja noch einmal Glück gehabt...

"Mmh, was ist denn da los?", fragt seu Alcibides.
"Mmh, a vida é boa", das Leben ist gut, sagt er und mustert mich von unten bis oben, wie ich da so an der Bushaltestelle stehe. Über mir ein paar vom Wind zerfetzte Blätter der Bananenstaude, der einzige Schattenspender weit und breit. 

"Oi, seu Alcibides", begrüße ich ihn und nehme seine ausgestreckte Hand entgegen, um sie zu schütteln. 

"Du bist am Zunehmen." 
Klong. Das hat gesessen.

Er hält seinen Kopf schief, nickt, dreht den Kopf weg und wendet sich dann wieder mir zu, so als würde er sich vergewissern wollen, dass das stimmt, was er gesagt hat. Ich sage nichts. Mir fällt so schnell nichts ein. Mein Kopf ist noch mit dem Klong beschäftigt. Statt etwas zu sagen, nicke ich nur.

"Jetzt habt ihr Strom im Haus. Jetzt ist das Leben gut zu euch. Ja, so ist es."

Das war noch ein zarter Hinweis, den ich da von unserem Nachbarn erhalten habe. 70 ist er und wohnt etwa 600 Meter weiter, auf der anderen Seite der Teerstraße. Seine ungeblümte Offenheit sei ihm verziehen.

Ana ist weniger diskret, als ich sie kurz später in der Stadt treffe.
"Boah, bist du dick geworden", klatscht sie mir völlig ohne jegliche Vorwarnung entgegen, 
"Kugelrund und kerngesund", entgegne ich. Während der Busfahrt hatte ich Zeit, mir für die nächsten Ansagen eine Antwort zurechtzulegen.

Immerhin muss ich nicht jeden Montag zum Physiotherapeuten und zweimal zur Woche ins Fitneßstudio. Obwohl, vielleicht wäre das gar nicht so schlecht. Die Hosen, einst an mir herumbaumelnd, zwicken und zwacken mittlerweile. Bei einer ist sogar der Knopf vom Hosentürl schon weggeplatzt. Rund um den BH quetscht das Fleisch hervor und die Knopfleisten der Hemden gleichen offenen Sturmwellen. T-Shirts spannen und selbst die Unterhosen sind zu einschneidenden Riemen geworden.

Seufz, was soll ich sagen. Es ist der Strom. Seit einem Jahr haben wir Strom im Haus. Seit einem Jahr ist der Kühlschrank stets gefüllt. Alles, was vorher durch die Hitze zu schnell verdorben wäre, liegt und steht da jetzt drinnen. Jedesmal, wenn ich die Kühlschranktür öffne, schreien mir Schokolade, Bier, Marmelade und Butter geradezu entgegen. Jetzt wird aufgekocht, was das Zeug hält. Was übrig bleibt, wird kalt gestellt und landet am nächsten Tag im Schlund, wenn der kleine Hunger kommt. Am Abend vor der Glotze werden die Beine hoch gelegt und genüßlich ein eisgekühltes Bier getrunken.

Die tägliche Laufarbeit ist auch weggefallen. Musste ich vorher ein bis zwei Kilometer bis zu einem der Nachbarn laufen, um dort mein Handy und den Laptop aufzuladen und später noch einmal, um die geladenen Geräte wieder abzuholen, stöpsle ich jetzt alles einfach in die Steckdose. Vier bis acht Kilometer Schnellgang sind damit überflüssig geworden. 120 bis 240 Kilometer im Monat, 1.460 bis 2.920 Kilometer im Jahr sind entfallen.

Statt draussen Bambus mit der Hand zu sägen, umgefallene Bäume klein zu hacken oder Alessandro beim Mischen von Zement zu helfen, sitze ich jetzt vor dem Laptop und schreibe. Wie soll ich da all die reingestopften Kalorien standesgerecht verarbeiten? 

Vor einem Jahr dachte ich noch "wenn wir Strom im Haus haben, wird alles leichter". Stattdessen werde ich immer schwerer. Nicht nur ich habe zugelegt. Auch mein Süßer erlebte neulich einen Schock, als er sich in der Apotheke auf die Waage stellte. Ganz blass hat er mich angesehen und kein Wort heraus gebracht. "Mach' dir keine Sorgen", sage ich noch, "Schuhe und Kleidung sind wahre Schwergewichte." Doch Waagen lügen nicht. Die Eigenstudie auch nicht. Das Ergebnis ist klar und deutlich: Strom macht dick.

Nein, wir werden jetzt nicht wieder ins stromlose Leben zurückkehren. Wir werden erst einmal abwarten, wie sich das zweite Stromjahr so entwickelt. Und dann gibt es da ja auch noch andere Lösungen:

"Schatz, wir müssen..."

"... die Bremse reinhauen."

"Nein, neue Klamotten kaufen."




1 Kommentar:

mondin hat gesagt…

Süss :)
Soll vorkommen, hehe.
Na, Du sitzt wahrscheinlich auch oft am PC für die Nachrichten am Portal..
Dabei ernährt Ihr Euch doch bestimmt ziemlich bewusst ?!
Habt Ihr Fahrräder ?

Ganz liebe Grüsse

Ursel