Mittwoch, Juli 09, 2014

Über sieben Tore musst du gehen


Im Stadion singen die Deutschlandfans.
Allein, mein Kopf erschließt die Wörter nicht. 
Alessandro, was singen die da? 
Keine Ahnung, das musst doch du wissen. Aber vielleicht haben deine Ohren den Klang der deutschen Sprache schon vergessen. 
Ja, wahrscheinlich. 
Selbst angestrengtes Hingehöre bringt kein Resultat. Es fehlt die Dechiffrierungstaste.

Die fehlt plötzlich auch den Brasilianern.

Moment, was ist da los? 

Tor.

Jetzt wird die Seleção nervös. Gleich kommt die goleada, kündigt Alessandro an und zack kommt noch ein Tor. Zum Verschnaufen bleibt keine Ze... Tor. Ja, wie? Tor. Und zack Tor.

Alle fünf Minuten ein Tor. Zumindest gilt das für die ersten 25 Minuten. Der Traum vom Hexa löst sich in einer gewaltigen Lawine auf, die schwarz-rot über das Spielfeld schaubt. Ronaldo Fenômeno hat seinen Titel als WM-Torschütze in der 23. Minute verloren, die Seleção ihren Glauben an sich selbst spätestens in der 26. Irgendwo haben sie es verpasst, die deutsche Taktik zu dechiffrieren.

Da kommt die Verschnaufzeit.

Huch, was ist das? Ein paar Kilometer entfernt von unserem Regenwaldhäuschen lässt jemand Feuerwerkskörper in den Himmel krachen. Die waren gekauft worden, um die brasilianischen gols zu feiern, jetzt müssen sie anderen Zwecken dienen.

Gabriela, jetzt werden sich in Antonina alle an dich erinnern, sagt Alessandro. Schwupp klingelt auch schon das Telefon. Nachbarin Lidia will wissen, was da los ist. Das frage ich mich auch. Sie werde jetzt die deutschen Tore bejubeln, erklärt sie, sonst werde das Alles ja viel zu triste, zu traurig.

Dann geht es weiter. Vielleicht sind sie ja jetzt aufgewacht, die Männer vom Felipão. Obwohl, es sieht nicht wirklich so aus.

Der Kommentator sagt: "Das ist ein Team, das darauf vorbereitet wurde, sich den Titel zu holen." Da weiss er noch nicht, dass noch zwei Tore der Mannschaft im schwarz-roten Flamengo-Trikot fehlen. Flamengo, das Team von Alessandro, das die grösste Fangemeinde Brasiliens hinter sich vereint weiss. Er sieht die Torlawine als gutes Ohmen für die nächste Saison seiner Mannschaft.

Ich hole den Schnapps, um uns ein wenig zu beruhigen. Einen Cachaça, Zuckerrohrschnapps. Statt sich zu beruhigen, heult mein Süsser auf. Müller steht da auf dem Etikett als Herstellernachweis. Müller, wie Thomas Müller. Müller wie eins der vielen Tore. Eih. Ein zweiter Aufschrei. Das Etikett mit den deutschen Farben. Ach, Schatz, schau nicht hin. Schluck's runter. Ich giess ihn auch ins Glas aus Rio de Janeiro ein. Eih. Rio de Janeiro. Maracanã, wo am 13. nicht die Brasilianer, sondern die Deutschen das Finale spielen werden. Seufz. Ist doch alles nur ein Spiel.

Als auch die zwei fehlenden Tore noch gefallen sind, wollen die Kommentatoren nicht mehr wirklich was vom Spielverlauf wissen und sprechen von Russland und der WM 2018. Bis dahin gebe es Chancen, die Seleção entsprechend vorzubereiten, befinden sie.

Langsam dringt es ins Bewusstsein. Siebenmal berührt und siebenmal ist viel passiert. Sieben zu Null gegen Brasilien. Das hat es noch nicht gegeben. Nicht einmal bei Freundschaftsspielen. Dann läuft Oscar vor, schiesst und trifft ganz unbemerkt an Neuer vorbei ins Tor. Zu spät. Die Schokolade ist auf dem Tisch.


Schokolde, sagen sie und wollen damit ausdrücken, dass es ein Spaziergang für die Deutschen gewesen sei. Nicht einmal mehr eine heisse Schokolade werde ich jetzt trinken können, um keine unschönen Erinnerungen zu wecken.

Später sprechen sie noch von der Tormaschine. Wurden so nicht auch schon einmal die Holländer bezeichnet? Und der Trainer der Seleção sagt: "Das Unerklärliche lässt sich nicht erklären."  

Das war's dann. Die Luft ist raus. Mein Süsser hofft jetzt, dass die Argentinier gegen Holland gewinnen werden, nur damit sie auch in den Genuss einer Torwatschen kommen, wie er sagt.

Jetzt heisst es zunächst abwarten. Morgen werde ich den Rat meiner Mama befolgen und nicht in die Stadt fahren. Übermorgen auch nicht. Der siebenfach aufgewirbelte Staub muss sich erst einmal ein wenig legen.

Kommentare:

mondin hat gesagt…

Den habe ich meinen Eltern geschickt ;) Ihnen hat schon Dein Artikel im Supermarkt so gut gefallen :)
LG Ursel

P.S.: Mir fiel dazu nur die Müllermilch-Werbung ein "Alles Müller oder was ?!"

Gabriela hat gesagt…

Liebe Ursel,

erkläre dich hiermit zu meiner ganz persönlichen Werbefachfrau! Danke!

"Alles Müller oder was" ist auch nicht schlecht....
LG
Gabriela

mondin hat gesagt…

:)