Dienstag, November 12, 2013

Coral

Ich habe sie nicht gesehen. Wären da nicht die Katzen gewesen, wäre ich vielleicht sogar drauf gestiegen. In der Nachmittagshitze liegen die Katzen eigentlich immer träge rund ums Haus herum verteilt. Als wir gestern vom Gassigang mit den Hunden zurück kamen, standen zwei von ihnen aber in Habachtstellung auf der Stufe vor dem Eingangsbereich und starrten in eine Richtung. Verharren sie in einer Stellung und starren vor sich hin, weiß ich, da ist etwas. Und da war wirklich etwas. Eine Coral. Eine äußerst giftige Schlange, versteckt im Gras direkt vor dem Eingang. Rot, weiß, schwarz geringelt. Alarmfarben. Dennoch fallen sie kaum auf. Die, die ich bisher hier gesehen habe, waren alle nur etwa 40 bis 50 Zentimeter lang und nur wenig dicker als mein Mittelfinger. Vom Gras umgeben sind sie nur schwer auszumachen.


Das Foto habe ich von "biocatarinense.blogspot.com" ausgeliehen...
Es zeigt die giftigste Schlange Brasiliens. Und glaubt es oder nicht,
obwohl sie so schön bunt ist, ist sie leicht zu übersehen, weil sie sich
zwischen den Grashalmen und unter den Blättern hindurch schlängelt...


Panik wäre vor ein paar Jahren noch meine natürliche Reaktion gewesen. Die Panik hilft aber nicht viel. Inzwischen habe ich gelernt. Die meisten Schlangen greifen nicht so ohne Weiteres an, außer du steigst auf sie drauf. Häufig bleiben sie einfach bewegungslos dort liegen, wo sie aufgestöbert wurden. Manche machen sich auch einfach nur auf und davon. Andere rasseln erst einmal mit ihrem Schwanz, um ihr Gegenüber einzuschüchtern und darauf hinzuweisen, dass eine mögliche Attacke ihrerseits bevorsteht. Die Coral mit ihrem tödlichen Gift ist indes eher friedlich gesinnt, was nicht heißt, dass sie nicht zubeißt, wenn ihr potentielle Feinde zu Nahe kommen, besser gesagt, äußerst Nahe kommen. Vor ein paar Wochen bin ich mit den Hunden nur einen halben Meter entfernt an einer Coral vorbei spaziert, ohne dass etwas passiert wäre. Sie hatte es sich auf einem Baumstumpf bequem gemacht, von wo aus sie uns wohl schon eine Weile lange beobachtet hatte, wie wir so den Weg herunter kamen. Mir ist sie gar nicht aufgefallen. Ein Bekannter, der einen der Nachbarn besuchen wollte, entdeckte sie.

Die Coral von gestern lag wie eingefroren da. Die Katzen ebenso eingefroren. Die Zeit stehen geblieben. Und wir mitten drin. Alessandro nahm sich eine der Bambusstangen, die überall am Haus herum angelehnt sind, weil ich keinen wirklichen Lagerplatz habe. Angesichts der Begegnung gestern, sollte ich meine Pläne für ein Bambuslager noch einmal überdenken. Stellte es sich doch als äußerst praktisch heraus, eine Bambusstange griffbereit zu haben. Mit der Stange versuchte Alessandro, die Schlange aufzugabeln, um sie weiter hinten im Wald wieder auszusetzen. Nein, Schlangen müssen nicht umgebracht werden. Normalerweise kommen sie nicht bis zum Haus. Ausserdem gibt es hier im Wald so viele, dass wir mit dem Umbringen gar nicht nachkommen würden.

Dass diese Coral es sich direkt vor dem Eingang bequem gemacht hatte, hatte einen Grund. Ausser den Katzen beobachteten auch zwei Riesenechsen ein paar Meter weit entfernt das Schlangentier. Wahrscheinlich hatten sie die Coral irgendwo im Unterholz aufgestöbert und zur Flucht gen unser Haus getrieben.

Während Alessandro damit beschäftigt war, die Schlange aufzugabeln, lockte ich die Katzen mit einem Wienerwürstl, um sie von der Serpente abzulenken. Das Aufgabeln schlug fehl. Stattdessen schlängelte die Coral angesichts der Stupser mit der Bambusstange davon. Später haben wir beobachtet, wie eine der Riesenechsen die Schlange zielsicher mit ihrem Maul hinter dem Kopf packte, sie schüttelte bis ihr das Genick brach und dann genüßlich auffraß. Wie froh bin ich, Katzen und Riesenechsen als Mitbewohner unseres “Sítios”, unseres Hofes, zu haben.

Nachts da schlafen die Riesenechsen allerdings. Nicht so aber einige der Schlangen. Und gestern war ein richtiger Schlangentag. Sie mögen die Übergangszeiten, Frühjahr und Herbst, wenn es noch nicht so heiß ist, wie im Sommer und nicht so kühl wie im Winter. Mitten in der Nacht war ich wieder mit den Hunden unterwegs. Der letzte Gassigang des Tages. Dieses Mal war es eine kleine, dünne Schlange mit beige-farbenen Ringeln. Keine Ahnung, welcher Art sie zuzuordnen ist. Sie kreuzte einfach nur unseren Weg, schlängelte von der einen Seite zur anderen und verkroch sich im Unterholz des Nachbargrundstückes. 

Keine Kommentare: