Dienstag, Juni 18, 2013

Der Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebracht hat - Brasilien auf den Strassen

Es ist noch nicht zu Ende. Neue Proteste sind bereits angekündigt. Angekündigt sind ebenso Streiks. Streiks, die seit der Ära Lula rar geworden sind, ist er doch Kind und Papa der Gewerkschaften.

Die Proteste jetzt drehen sich nicht um Arbeitgeber, Urlaubstage oder Löhne, auch nicht um die Regierung, die Präsidentin und Freundin Lulas, Dilma und noch weniger um 20 centavos, die Tariferhöhung der Omnibusse. Die Tariferhöhung waren höchstens der letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Jahrzehnte hat es ins Fass getropft, wurde die Korruption ignoriert, herunter gespielt oder wenn Korrupte verurteilt wurden, blieben und bleiben sie dennoch meist auf freien Fuss. Platsch, Tropfen ins Fass.

Wer nicht ausgeraubt werden will, verzichtet auf schöne Autos, teure Häuser, verschanzt sich hinter Bodygard und Stacheldraht - oft hilft das aber auch nicht. In der zwei-drei Millionen Einwohner zählenden Stadt Curitiba (Hauptstadt vom brasilianischen Bundesstaat Paraná) und dem Grossraum Curitibas werden pro Wochenende 30 Menschen umgebracht. Gewalt. Grossstädte und ihre Umgebungen sind unsichere Orte, gefährliche Orte. Platsch, Tropfen ins Fass.

Gewalt, Kriminalität, Betrug hat oft freie Bahn. Nur acht Prozent der Delikte werden aufgeklärt, wie es erst unlängst in den offiziellen Nachrichten "Voz do Brasil" hiess. Platsch, Tropfen ins Fass.

Hiess es zunächst Brasilien sei von der Wirtschaftskrise nicht betroffen, zeigen Zahlen, dass dem nicht so ist. Das Bruttosozialprodukt steigt nur zaghaft, bleibt hinter den Erwartungen zurück. Was hingegen nach wie vor steigt, ist die Inflation. Obwohl die Präsident versucht hat, die Grundnahrungsmittel zu verbilligen, werden sie teurer. Der öffentliche Nahverkehr wird teurer, das Leben wird teurer. Betroffen sind vor allem die, die vom Mindestlohn oder weniger leben müssen und die, die es erst vor kurzem geschafft haben in die untere Mittelklasse aufzusteigen. Platsch, Tropfen ins Fass

Die Schere zwischen Arm und Reich bleibt entgegen allen Ankündigungen offen. Parlamentarier und Senadore verdienen bis zum 20 fachen und mehr eines Mindestlohnempfängers, arbeiten offiziell nur wenige Monate im Jahr und viele sind in Skandale verstrickt, Platsch, Platsch. Tropfen, Tropfen ins Fass.

Die Fussballweltmeisterschaft 2014 bejubelt - die Ausführung der Arbeiten dazu ein ganzer Regenfall. Milliarden öffentlicher Mittel wurden in Fussballstadien gesteckt. In Brasilia wurden für 2 Millionen Reais Steuergelder Eintrittskarten erworben, um sie an Politiker und Freunde zu verschenken. "Ist dein Kind krank, bring es ins Fussballstadium" - einer der Protestsprüche gegen die Ausgaben für den "Copa das Confederações", die Fussballweltmeisterschaft. Stadien, deren Bau oder Umbau 800 Millionen Reais kosten sollte, lasteten zum Schluss mit über 2 Milliarden Reais. Milliarden werden in den Fussball gesteckt, während es im Bereich der Gesundheit, der Erziehung an allen Ecken mangelt, Kinder und Alte in den Warteschlangen der KrankenHäuser sterben, Frauen im Kindsbett sterben, per Gesetz garantierte kostenlose Medikamente gegen Bluthochdruck und Diabetes fehlen, Schmerzmittel in den Krankenhäusern rar sind, Ärzte während ihren Schichten schlafen oder einfach nicht zum Dienst erscheinen, garantierte Medikamente gegen Krebs per Justiz eingeklagt werden müssen - die Liste ist ohne Ende, der Gesundheitsbereich eher ein Fass ohne Boden. Bei der Erziehung und Ausbildung sind es nicht weniger Probleme. Die Zahl der funktionellen Analphabeten bei den Studenten an den Hochschulen und Universitäten liegt bei über 25 Prozent. Ganztagsschulen seit langem gefordert, sind dünn gesät. Berufsausbildungen für Jugendliche gibt es kaum. Und die offizielle Zahl der Arbeitslosen, die bei wenigen Prozent liegt, geht nicht mit den vielen arbeitslosen Menschen auf den Strassen einher. Platsch, Platsch noch mehr Tropfen ins Wasser.

Vielen reicht es jetzt. Die ersten Proteste waren zaghaft. Nur wenige Menschen, viel Presse und Polizei. Polizei, die nicht wusste und weiss, wie sie mit Demonstranten umgehen soll. Waren Demonstrationen in Brasilien bisher doch eher unbekannt - bekannt höchstens aus dem Fernsehen, das Proteste in Griechenland, Portugal und Italien ausgiebig zeigte. Kleine Proteste von Gruppen oder Studenten gab es hin und wieder. Auch Indios protestierten. Nie war die Zahl derjenigen, die auf die Strasse gingen, aber so gross, wie in den vergangenen Tagen. Da trafen plötzlich die Gummigeschosse der unvorberteiteten Polizisten auf Journalisten und unbeteiligte Passanten, liessen unpassende Kommentare von Landesführeren (governadores) die Welle höher schlagen. Platsch.

"Jetzt reicht's", war die automatische Folge von vielen Tropfen. Nur gerechnet hat damit keiner. Jetzt sind die Strassen gefüllt, sind neue Proteste angekündigt. Die meisten Proteste und Demonstranten sind friedlich. Bilder von brennenden Autos zeigen nicht die Wirklichkeit: 100.000 Demonstranten und eine kleine Gruppe von Randalieren, Vandalen, Gewalttätigen. Wackersdorf lässt grüssen.

Ein Gefühl ist erstarkt: Zu lange wurde geduldet. Jetzt wird gefordert, nicht nur von der Regierung. Alle Politiker stehen auf dem Prüfstand.

Soziale Netzwerke (Facebook, Twitter) tragen ihren Teil bei. Nachrichten breiten sich rasend schnell aus. Unmut kann schnell allen mitgeteilt werden.

"Demonstrationen sind Teil der Demokratie", sagt die Präsidentin. Dilma Rousseff, lässt aber klar, dass Gewalt nicht geduldet wird. Wie weit wird sie gehen? Wird die spezielle Schocktruppe eingeschaltet? Wie wird sich das Militär verhalten? Die Militärdiktatur liegt noch nicht lange zurück und manche munkeln schon, ob nicht Soldaten die Gewalt bei einer der Demonstrationen angeheizt hätten.

Anders als erwartet macht sich aber nicht Angst breit. Was sich mir einprägt, sind Bilder von Menschen, die froh sind, endlich etwas zu tun, die froh sind auf die Strasse zu gehen, um für ein besseres Brasilien einzustehen, ein Brasilien mit einem funktionierenden Gesundheits- und Schulsystem, ein Brasilien ohne Armut und ohne Korruption.



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