Samstag, August 23, 2008

Bambusgeflüster

"Uhh", zischelt es. "Es kriecht die Wärme in uns hinein. Lasst sie verdunsten die Wassergeister. Lasst uns ablegen die Schwere. Sie vertauschen gegen die Leichtigkeit. Leicht werden wir sein. Leicht, wie ein Grashalm im Wind. Gelb werden wir sein. Gelb wie der Honig. Glitzern werden wir. Glitzern wie der Bernstein in der Sonne. Uhh", zischelt es, "wie die Wärme uns gut tut, wie sie uns wohl tut, uns verschönert, Glanz gibt und neuen Zweck."

Er zischelt wirklich, der Bambus. Wir alle, die wir das Feuer umzingelt haben, haben es gehört. Auch die Nachbarin war dabei. Sie hatte das Feuer gemacht. Ein alter, von den Termiten zerfressener Holzschrank hatte ihr im Weg gestanden. Ab damit ins Feuer, hat sie gesagt. Das Feuer habe ich genutzt, um über dessen Glut ein paar Bambusstangen zu trocknen. Bei 90 % Luftfeuchte geht das sonst nur äusserst langsam voran.


Ein Holzbock links. Ein Holzbock rechts. Und darauf die "Grashalme".

Sie haben geschwitzt, was das Zeug hält. Bis zu 80 % ihres Gewichtes soll aus Wasser bestehen. 75 % Wasser werden unsere Bambusstangen nach zwei Wochen Trockenzeit im Schatten wohl noch gehabt haben. Jetzt sind sie schon erheblich leichter geworden. Ihr dunkles Grün hat sich in ein helleres verwandelt. Die dünneren Stangen haben nach zwei Stunden Schwitzen schon ein wenig Honigfarbe angenommen. Bald werden sie ganz trocken sein, können wir sie verarbeiten. Rausgeschwitzt haben sie auch eine Art Wachs. Glänzend waren sie und pappig. Ein wenig pappig haben sie auch meine Hände gemacht, wenn ich sie alle Viertelstunde gewendet habe, damit sie von allen Seiten trocknen können.

Sissi, meine Feuerkatze, hat aufgepasst, damit auch nichts passiert. Ein paarmal ist sie vor Schreck zusammengezuckt, wenn die leisen Seufzer der Bambusstangen durch lautes Knacken abgelöst wurden. "Bah", machte es und Sissi sprang ein wenig zur Seite.

Aufgeplatzt sind nur zwei der Stangen. Und das auch nur am Rand, bis zum ersten Diaphragma. Die Diaphragmen sind eine tolle Einrichtung der Natur. Sie geben dem Bambus erst seine richtige Stabilität, bewahren ihn davor, ganz aufzuplatzen, was geschehen kann, wenn der Temperaturunterschied von Kalt zu Heiss zu gross ist oder eine Stange aus Versehen auf den Boden knallt...

Jetzt flüstert der Bambus wieder leise vor sich hin. Hinter dem Haus. In der Ecke neben dem Waschplatz und den duftenden Blüten des Zitronenbäumchens. Vor Sonne und Regen geschützt stehen sie an die Wand gelehnt.

"Schön werden wir sein in unseren neuen Formen, als Lampen, als Windlichter, als Kästchen und Bett", flüstern sie stolz. "Schön und voller neuen Aufgaben, um die Menschlein weiterhin glücklich zu machen."

Kommentare:

Grye Owl Calluna hat gesagt…

Hallo Gabriela!
So viel Arbeit und Mühe, und doch klingt es wie ein Abenteuer, auch voller Bewunderung für den Bambus.
Schönen Sonntag,
liebe Grüße
Grye Owl

Gabriela hat gesagt…

Hallo Grye Owl,
es stimmt, wenn die Lampen oder Kästchen erst einmal im Laden stehen, siehst du ihnen gar nicht an, was da alles für Arbeit dahinter steckt. Dann sehen sie einfach nur nach Bambus aus und viele zollen dem Bambus nicht gerade einen hohen Wert.
Aber es macht wirklich Spaß, sich auf das "Abenteuer" Bambus einzulassen. Es ist sehr spannend zu entdecken, wie er sich verändert, wie er besser zu bearbeiten ist, was sich aus ihm machen lässt...
Liebe Grüsse
Gabriela - jetzt bei euch schon am Montag... aber du bist ja Frühaufsteherin, wie ich gesehen habe...

Juansi hat gesagt…

So eine schöne Bambusgeschichte, danke!
Hab mir überlegt, warum der Bambus wohl trocknen soll. Wenn die Luft 90% Feuchtigkeit hat, warum sollte der Bambus weniger haben? Oder anders: wenn er denn getrocknet ist, saugt er die Luftfeuchte hinterher nicht wieder auf?

LG Juansi

Gabriela hat gesagt…

Hallo Juansi,
das ist eine gute Frage, die ich auch schon im Bambusforum gestellt habe. Da dachten sie aber, dass ich wohl spinne. Jedenfalls kam nicht wirklich eine Antwort darauf, ausser, dass er eben trocknen muss, damit er nicht vom Pilz befallen wird usw. Die einzige brauchbare Antwort war, dass beim Trocknungsprozess wohl auch irgendwie Stärke abgebaut oder umgewandelt wird, die sonst Käfer und Termiten als Nahrung dient. Ich glaube aber, dass die meisten sich einfach nicht wirklich mit der Frage beschäftigt haben, weil sie irgendwo in Teilen Brasiliens leben, wo es eben keine so hohe Luftfeuchte hat wie das bei uns der Fall ist. Ich sehe die Trocknungszeit eher als Reifezeit, ähnlich wie beim Holz. Wer weiss, was sich dabei im Bambus alles verändert. Jedenfalls verändert er fast täglich seine Farbe. Es ist wohl auch nicht so, dass er, wenn er einmal trocken ist, wieder so viel Wasser wie vorher aufnehmen kann. Es heisst, dass der Bambus sogar auch dann vorher einige Wochen lang trocknen sollte, wenn er als Wasserrohr verwendet werden soll. Der Bambus - ein Mysterium...
Wer weiss, vielleicht schaffen wir es ja, dieses Mysterium mit der Zeit nach und nach zu entschlüsseln... Fühle mich schon ganz Entdeckerinnenmässig....

liebe Grüsse
Gabriela

kvinna hat gesagt…

Ich denke auch, dass sich die Struktur durch die Trocknung sosehr ändert, dass das hinterher einfach ein anderer "Stoff" mit neuen Eigenschaften ist.

Feucht ist er doch eher faserig, oder? Und trocken schein er spröde wie Glas zu sein. Wenn auch nicht so zerbrechlich, aber ebenso hart.

Da macht es schon Sinn, dass er als Wasserrohr auch gut trocknen muss: er soll ja zuverlässig ableiten und nicht aufnehmen.

Stela hat gesagt…

Deine Bambusgeister sind toll!
Der intensive Umgang mit dem beseelten Bambus eröffnet dir eine "Daseinsebene" zu der du normalerweise keinen Zugang/Draht hast.Ich hab sowas bei anderer Gelegenheit gemerkt:als ich einige Zeit sehr intensiv in unserem früheren uralten Gemäuer gelebt hatte
hat das Haus mit mir Kontakt aufgenommen: ich lebte in einer anderenZeit/Welt,als bsp. mein Freundeskreis.Jeder Balken hatte
mir was zu sagen ich "verstand" das besondere Knacken des Holzbodens und den Geruch des Gewölbekellers-
all das hat mit mir kommuniziert.
...noch viel Freude mit den grünen Geistern wünscht Stela

Grye Owl Calluna hat gesagt…

......ich schlaf auch ganz gerne mal aus..........Aber, um so später frau aufsteht, um so kürzer wird der Tag, um so weniger Zeit für die zu erledingenden Dinge......
Liebe Grüße
Grye Owl