Sonntag, Mai 25, 2008

Eifersucht, Baumwahlen und Achterbahnen

Ob ich mich wohl jemals an diese Achterbahn gewöhnen werde? Es fällt mir zunehmend schwerer, das nächste Hoch mit Freude zu begrüssen. Weiss ich doch, dass es danach wieder bergab geht. Auf und ab. Immer wieder.

So viel ist passiert, dass ich noch gar nicht alles einordnen kann.

Nachdem ich Seu Sebastião eine kleine Anzahlung gegeben und ihn zur Arbeit ermahnt hatte, hat er es tatsächlich geschafft, den restlichen Grenzstreifen von Gras und Gestrüpp zu befreien. Er hat den Sumpf gesichelt. Seine Benzin-Sense ist immer noch kaputt.

Als wir vergangenes Wochenende auf dem Grundstück waren, kam er angetrottet. Wir waren gerade dabei, einen kleinen Pfad zu einem der Bäche anzulegen. Der Vermesser wollte es so. Also sind wir mit Machete und Knoblauch losgestiefelt. Der Knoblauch soll die Schlangen fernhalten, glaubt Alessandros Mutter. Vorsichtshalber betet sie aber auch noch bei ihrem täglichen Gang in die Kirche dafür, dass uns kein Unheil geschieht und uns eine Begegnung mit Giftschlangen erspart bleibt.

Eine Schlange ist Sebastião nicht begegnet. Auch kein Jacare, eine Art Aligator. Die soll es in "unserem" Sumpf geben, wie er behauptet. Als er den Teil der Grenze, die mitten durch den Sumpf verläuft, versuchte zu mähen, ist dem alten Mann dennoch ein wenig mulmig geworden. Trotz aller Warnungen war er alleine unterwegs. Ich weiss nicht, wie alt Sebastião ist. Sein Sohn dürfte so um die 50 sein. Damit müsste seu Sebastião schon so um die 70 Jahre auf dem Buckel haben. Er ist schwer einzuschätzen. Seine Haut ist braun gegerbt. Seine braunen Augen funkeln durch einen schwachen Altersschleier hindurch. Aufrecht steht er da. Nur eine leichte Wölbung von der harten Arbeit weist sein Buckel auf. Sein schmaler Körper ist von der Arbeit immer noch gestählt. Ausser seiner Hose schlappert nichts an ihm. Ich muss mich anstrengen, um zu verstehen was er sagt. Während er seine Worte formt, bewegt er seine Lippen nur äusserst sparsam. Vieles versinkt in einem einheitlichen Gemurmel. Auch junge Menschen, die hier an der Küste ausserhalb der Städte leben, haben ein ähnliches Sprachgebahren. Sie verraten sich allein schon damit als "Cabocles", ganz egal, wie sie angezogen sind, wie sie aussehen. Cabocles kennen sich mit den Tücken des Landlebens aus, wissen, auf was sie achten müssen, wenn sie in Sumpf und Wald unterwegs sind. Trotzdem ist unserem Cabocle ein Fehler unterlaufen. Plötzlich sei er fast bis zur Schulter in einem Sumpfloch eingesackt, erzählte Sebastião. Weil ich nicht alles verstehe, was er sagt, untermalte er das Malheur mit Gesten. Am Schilf hatte er keinen Halt gefunden. Baum oder Strauch waren zu weit enfernt. Mit aller Kraft habe er sich deshalb nach vorne geworfen, um wieder freizukommen. Er hat es überlebt und unsere Grenze ist endlich frei gelegt.

Ich hatte schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass wir jemals den Vermesser beauftragen können. Am Dienstag haben wir es getan, nachdem am Montag der Reifen mal wieder platt war. Wir hatten die Fahrt zu ihm gleich genutzt, um Regale und Tischdecken für die Lanchonete abzuliefern. Tische und Theke fehlen immer noch. Nachdem der alte Schreiner nicht in die Gänge kam, hatte Alessandros Mutter einen neuen beauftragt. Der kommt auch nicht in die Gänge. Am Freitag ist alles fertig, hatte er versprochen. Freitage sind wie sonstige Zeigangaben relativ. Schließlich gibt es mehr als nur einen Freitag. Alessandros Mutter hat die Eröffnung der Lanchonete auf Ende Mai verschoben. Nächstes Wochenende. Immerhin, davor liegt noch ein Freitag.

Am Mittwoch sollte Alessandro eigentlich zum Zahnarzt. Daraus wurde nichts. Zuerst kam der Acht-Uhr-Bus einfach nicht. Nichts Ungewöhnliches. Wahrscheinlich hatte auch er einen Platten. Statt Ersatzbusse dürfen die Fahrgäste einfach auf den nächsten warten. Als ich Alessandro mit den Auto nach Paranaguá fahren wollte, klappte aber auch das nicht, obwohl alle vier Reifen prall gefüllt waren. An der ersten "Lombada", diese erhöhten Bodenschwellen, die die Autofahrer dazu zwingen sollen, die Geschwindigkeit zu drosseln, klackte es und der Auspuff röhrte ohrenbetäubend. Nur in der Mitte hing das Auspuffrohr noch an einem kleinen Stückchen Metall. Die Anschlusstellen vor dem Topf und hinter dem Topf waren vollkommen durchgerostet. Die Maresia, ein salzhaltiger Nebel, der vom Meer herüber weht, frisst alles Metall in kürzester Zeit auf. Ein Auspuff ist da ein gefundenes Fressen.

Mittlerweile ist auch das Problem wieder beseitigt. Die vergangenen Tage habe ich damit zugebracht, all meine Informationen über Fruchtbäume und Heilkräuter zu ordnen. Die Liste, die ich angefangen habe, ist längst noch nicht fertig. "Pitanga" werden wir auf jeden Fall anbauen. Ein Strauch mit einer roten, krischartigen Frucht, die süss-sauer schmeckt und neben allen möglichen Vitaminen auch Eisen und Calzium enthält. Auch von drei Palmarten, aus denen "Palmito" gewonnen wird, ist unter unseren Favoriten. Welche es sein wird, weiss ich noch nicht. "Juçara" wäre in der Mata Atlântica heimisch. Heimisch, aber aus weiter nördlichen Gebieten ist auch die "Punha". Sie gibt sogar leckere Früchte, aus denen neben Öl auch Mehl gewonnen wird. Den "Fejoa" werden wir auch anpflanzen. Er entsammt ebenso der Mata Atlântica. Von ihm lassen sich nicht nur die Früchte, sondern auch die Blütenblätter essen.

Wir kommen langsam vorwärts und doch will heute kein freudiges Gefühl in mir aufsteigen. Sissi ist verschwunden. Die vergangenen Tage hatte sie schon ihr Schlafgemach gewechselt. Statt wie üblich auf dem Autodach schlief sie weit oben im Geäst des mit Bromelien und Orchideen übersähten Baumes, der an der Strassenbiegung steht. Sissi eifert sehr. Vor ein paar Tagen hat eine Strassenkatze ihre Jungen zu uns gebracht. Was sollte ich tun? Klar, habe ich sie gefüttert. Streng getrennt von unseren Katzen natürlich, damit sie Sissi nicht ins Gehege kommen. Die Mutter und die Kleinen werden nicht bleiben. Eine Bekannte hat schon Interesse angemeldet. Trotzdem. Sissi war von meiner Gastfreundschaft wenig begeistert. Ich hoffe inständig, dass das der Grund für ihr Ausbleiben ist und dass sie nach ein paar Tagen wieder kommen wird. Vor einem Jahr war sie schon einmal verschwunden. Über drei Wochen dauerte es, bis sie abgemagert und verstört um die Ecke bog, so als wäre sie nur mal eben schnell beim Nachbarn gewesen.

Kommentare:

Juansi hat gesagt…

HalloGabriela!
O ja, Katzen können sehr eifersüchtig sein. Uns ist eine aus diesem Grund mal ganz entschwunden. Hoffentlich kriegt sich Eure Sissi bald wieder ein. Lieben Gruß Juansi

kvinna hat gesagt…

Soviele Pläne, Geschichten, Aufs und Abs - ich für mich habe tatsächlich manchmal das Gefühl, dass das Ruhebedürfnis mit dem Alter zunimmt. Was nicht heißen soll, dass ich mich alt fühle...und vielleicht ist das auch mehr eine Temperamentsgeschichte ;)

In der Hoffnung, dich ein bisschen erheitert zu haben, wünsch' ich dir, was du dir wünschst und denk' an dich!

Anonym hat gesagt…

Hallo ihr zwei Lieben,

Sissi ist wieder da. Jetzt schmort sie mir zu Füssen und spielt beleidigte Mamselle. Bei der Katzenfütterung (9 Stück mit den Gästen!) achte ich streng darauf, dass Sissi als erstes ihren Pott bekommt und die "Gäste" weit entfernt von ihr hinter dem Haus bleiben. Ich hoffe, dass sie sich an dieses Arrangement gewöhnt...

euch alles Liebe
Gabriela