Sonntag, September 09, 2007

Es wird Frühling

die kommen jetzt nicht mehr so oft zum Einsatz
- nur noch abends, wenn es abkühlt

Lilien, Orchideen, Myrte, alles steht in Blüte


Stilleben: Lilli mit Lilie

In den 70er Jahren hat sich die Autobahn München-Innsbruck zu Ferienbeginn alle Jahre wieder zu einer gigantischen Standspur verwandelt. "Die Blechlawinen rollen wieder" und ähnliche Titelzeilen waren zu lesen. Später gaben sich Landesregierungen alle Mühe, um die Ferien nicht alle am gleichen Tag beginnen zu lassen. Entzerrung nannten sie das. Es gab Empfehlungen des ADAC nachts oder einen Tag später aufzubrechen, um die große Stauwelle zu vermeiden oder Urlaub auf Balkonien zu machen. Doch wer es sich leisten konnte, wollte Sommerfrischler, Feriengast, Urlauber sein, die Welt ausserhalb der Gemeindegrenze kennenlernen. Da half alles nichts. So und so, der Stau war vorprogrammiert.
Stau als Wirtschaftsbarometer. Wer genügend verdient, kann sich ein Auto kaufen, Benzin leisten und sich mit an Wochenenden, Feiertagen, Ferienbeginn in den Stau stellen. Hunderttausende Städter sind an diesem Wochenende rund um São Paulo, Curitiba und andere brasilianische Großstädte im Stau gestanden. Am Freitag war Feiertag. Ausrufung der Unabhängigkeit Brasiliens vom Königreich Portugal. Die Meteorologen hatten schönes Wetter für fast alle Regionen vorhergesagt. Selbst für den Süden waren sommerliche Temperaturen angekündigt. Auch ohne den Schlager "Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein..." folgte, wer es sich leisten konnte, dem Ruf der Erholungskultur und machte sich auf den Weg zu einem Strand.

Plötzlich war wieder Leben in unserer winterlich verwaisten Strandsiedlung. Rave und Discomusik bis zum Hahnenruf, stundenlanges Warten an den Kassen in den Supermärkten, aufgeregtes Geschnatter und Gegacker von flannierenden Teenagern und aus allen Ecken waberte der Geruch von gegrilltem Fleisch und Sonnenmilch.
Wir verhielten uns antizyklisch, haben den Strand für einen Tag den Rücken gekehrt und sind in die Berge gefahren, um Grundstücke zu besichtigen. Gustavo, ein Bekannter, zeigte uns die "Chácara" seines Vaters, ein kleines landwirtschaftliches Anwesen mit vier Hektar Land und direkt am Stadtrand von Morretes. Einst hatte sie einem Reisenden gehört, der Spaß daran hatte, Pflanzen zu sammeln. Alle möglichen Baumarten, deren Samen und Setzlinge er nicht nur in ganz Brasilien eingesammelt hatte, finden sich rund um das Haus. Die Baum- und Fruchtplantage hat Gustavos Vater in den vergangenen Jahren noch mit Kanalarbeiten angereichert, um das Gelände vor Überschwemmungen zu schützen und es ein wenig im Stile einst königlicher Landschaftsplaner zu gestalten. Das Ergebnis: Kanäle mit Brückelchen, Inseln, Fischteiche, Pferdekoppel und eigenes Fussballfeld. Daran anschließend ein kleiner Dschungel, die Mata atlanticâ.
Leider will Gustavos Vater das Gelände nur am Stück verkaufen. 39.000 Quadratmeter. Ungefähr zehnmal so viel, wie wir uns für unsere Traumverwirklichung vorgestellt haben. Nur den Dschungelteil abtreten wollte er nicht. Nach dem Preis hatten wir vorsichtshalber auch nicht gefragt. Da stand nämlich noch ein zweites Riesengelände zum Kauf. Es gehört einem Onkel Gustavos. Einem Förster, der mitten in den Regenwald genau oben auf eine Bergkuppe einen kleinen Palast gestellt hat und jetzt da nicht wohnen will. 90.000 Reais, etwa 37.000 Euro. Ein Schnäppchen eigentlich, doch weit ausserhalb unserer Möglichkeiten.
Schade. Naja. Wir werden weiter suchen. Immerhin scheint jetzt der Winter vorbei zu sein. Lilien, Orchiedeen und andere Frühlingsboten haben schon ihre Pracht entfaltet und die Kraft der Sonne nimmt von Tag zu Tag zu.

Kommentare:

Ursel hat gesagt…

Schön, Deine Blütenpracht !!
Auf die warte ich noch.. Nur die Bäume stehen schon allerorts in Blüten.

LG Ursel

kvinna hat gesagt…

...und hier kommt der Herbst unausweichlich!

Ich stell' mir deinen Strand atmosphärisch so vor, wie Ostern an der Ostsee, wenn das Leben langsam wieder hervorbricht...

Hachja. Derweil ich hier den Barfußgang gegen den Sockenlauf tausche...

Du machst mich melancholisch :)

Wollt ihr denn in den Bergen zu Selbstversorgern werden?

Gabriela hat gesagt…

Hallo Kvinna,
naja, nicht wirklich Selbstversorger, aber ein wenig Gemüse, Kräuter und Früchte hätte ich schon gerne im Garten. Hier am Strand wächst leider nichts, weil die Erde aus reinem Sand besteht. Humus gibt es so nicht zu kaufen. Was du kaufen kannst, ist eine braun-rote, ziemlich schwere Tonerde oder ein schwarzer Torf. Letzteres wird illegal im Regenwald ausgegraben. Die Erde hält sich zudem nicht allzu lange, weil sie ruckzuck ausgewaschen wird. Wir könnten sie in etwas grössere Container tun und dort Gemüse anbauen. Aber das ist nicht das Gleiche, wie richtiges Garteln. Und das würde ich nämlich schon gerne. Lauch, Radi, Radieschen, Sellerie fehlen mir. Das gibt es nur in grösseren Städten... oder Ursel? Du hast doch schon mal Lauchsuppe gemacht :) Lecker.
Vorerst träume ich noch von all dem. Aber irgendwann wird es ernst...
LG
Gabriela

Ursel hat gesagt…

Ja, Lauch gibt's hier im Winterhalbjahr zu kaufen. Ist aber mit 2 Reais pro Stange teuer. Trotzdem, so ab und zu muss es doch sein. Ich mag's so gern und die Kinder auch !
Die Japaner bauen ihn an. Ich weiss garnicht, ob er in so 'nem normalen Garten wachsen würde ohne Bewässerung etc. Testen kann ich's ja mal, wenn wir unsern Garten umgegraben haben nach dem Baumanöver hier ;)
Radieschen gibt's hier auch gard mal, die sind total selten !
Ich muss überhaupt mal öfter auf den Markt geh'n, wo's richtig frische Sachen aus der Region gibt..