Sonntag, Juli 08, 2007

globale Diskussion



Ein paar Wälder gibt es auch in Deutschland noch...


Ich weiss gar nicht, was der Anlass war. Plötzlich steckten wir mitten in einer Diskussion darüber, ob andere, ausser Brasilianer, darauf hinweisen dürfen, dass der Amazonasregenwald geschützt werden muss. Ein hier häufig gehörtes Contra-Argument ist, dass die Europäer, jetzt, wo sie in ihrer Heimat alles abgeholzt hätten, plötzlich den Brasilianern verbieten wollten Bäume zu fällen. Erst neulich stiess Präsident Lula bei der Konferenz über Biodiesel in Europa ins gleiche Horn. Der Amazonasregenwald gehöre den Brasilianern und würde sich nicht übers ganze Land erstrecken. Er habe den Europäern eine kleine Nachhilfestunde in Geographie gegeben, verlautbarte der Sprecher in den Abendnachrichten. Die Geographie-Nachhilfe war eine Antwort auf die Bedenken einiger Europäer, dass für den Anbau von Zuckerrohr, aus dem wiederum Biodiesel und Alkohol gewonnen wird, Regenwald abgeholzt werde. Leider geschieht das trotz Verneinung des Präsidenten sehr wohl - auch wenn es verboten ist. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Lula hat recht, der Amazonas Regenwald reicht nicht bis São Paulo, einem der Hauptanbaugebiete von Zuckerrohr. Was er nicht gesagt hat ist, dass es dort einen anderen Regenwald gibt, die Mata Atlanticâ, von der leider nur noch Reste existieren.


Es stimmt auch, dass eher für den Anbau von Soja Regenwald abgeholzt wird, als für den Zuckerrohranbau. Auch aus Soja lässt sich Alkohol und Biodiesel gewinnen. Abgeholzt wird ebenso, um Häuser zu bauen oder die Grundstücke zu verkaufen oder auch, um das Holz zu verscherbeln.


Egal, warum abgeholzt wird und egal, wo dies geschieht, es muss zu Gunsten einer nachhaltigen Forstwirtschaft unterbunden werden, wollen wir, dass auf der Erde noch ein paar mehr Generationen leben können. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass sich jeder einmischen darf und sogar soll, eben auch Nichtbrasilianer. Wir sind schliesslich alle Erdenbürger. Egal, wo wir leben, wir alle hängen von dem Klima und deshalb auch von den restlichen Regenwäldern, den grünen Lungen der Erde ab.


Die Diskussion ist etwas heftig verlaufen. Zum Schluss war ich so sauer, darüber, dass manche Brasilianer denken, in Europa gäbe es keine Wälder mehr und Deutschland sei nichts anderes als eine Betonwüste, dass ich im Internet nach Bildern von der Rhön, dem Harz, dem Bayerischen Wald gesucht habe. Dabei bin ich auf folgende Adresse gestossen



dort können kostenlos Bilder herunter geladen werden. Fotos von allen möglichen Dingen, Landschaften, Menschen...... Dort habe ich auch das Waldfoto her...


Achja zum Biodiesel und Alkohol als Benzinersatz habe ich noch mehr zu sagen. Das kommt aber ein andermal. Den Ansatz das eine durch das andere zu ersetzen und am ungebremsten Giftausstoss der Bequemlichkeitwillen festzuhalten halte ich jedenfalls für falsch und gefährlich. Besser wäre es, über andere Wege nachzudenken. Ein Ein-Liter-Auto beispielsweise. Nur noch solarbetriebene Elektroautos in den Städten zulassen. In Davos funktioniert das schon. Sonnenkollektoren (Photovoltaik) sind längst so effektiv, dass sie auch bei bewölktem Himmel Energie liefern. Ganz abgesehen davon, dass es mittlerweile auch leistungsstärkere Batterien gibt. Und 60 Stundenkilometer schaffen auch Solarautos. Schneller darf in der Stadt theoretisch eh nicht gefahren werden.


Wenn ich mir vorstelle, dass Brasilien Weltlieferant für Biodiesel werden will, bekomme ich zudem Bauchschmerzen. Jedes Jahr sterben einige sogenannte Erntehelfer. Männer und Frauen, die das Zuckerrohr bei brütender Hitze für einen Hungerlohn, von dem keiner leben kann, von Hand schneiden. Aber wahrscheinlich würden die nach einiger Zeit selbst diese Einnahmequelle verlieren, weil mit Geld aus dem Ausland in die Technik, auch in die Anbau- und Erntetechnik investiert werden soll. Toll, Brasilien liefert Soja für Europas Rindviecher, Biodiesel für Japan, Europa und die USA und im Land selbst wird weiter gehungert. Ja, auch Hungeropfer gibt es immer noch. Mit dem gestiegenen Anbau von Soja und dem Export hat sich daran nichts geändert. Ein paar verdienen daran, der Rest zahlt drauf. Weil derzeit mehr Milch exportiert wird, angeblich nach Europa, ist hierzulande der Preis mal eben um 50 Prozent in dei Höhe geschnellt. Für Familien, die mit 380 Reais im Monat auskommen müssen, ist es bitter, für einen Liter mindestens 1,50 Reais zu zahlen. Teurer ist auch das Sojaöl geworden, weil davon mehr exportiert wird. Nichts importiert wird hingegen an Weizen. Der wird importiert, weil in Brasilien zu wenig davon angebaut wird.

Kommentare:

der Gauzibauz hat gesagt…

Hallo Gabriela,
beim Postlesen hatte ich SPONTAN das Bedürfnis aufzuspringen, an die Fotoschachtel wollt ich rennen und ein paar unserer Fotos rauszerren und dir nach Brasilien schicken.
So wirkt sich also Klischeedenken in den Köpfen aus. Deutschland mit seinem Märchenwald! Das geht mir gar nicht runter. Aber wir Europäer bleiben in Punkto Klischee den Südamerikanern auch nix schuldig :)
Liebe Grüsse//Erika

Corriendo Mundo hat gesagt…

An Gauzi: Stimmt genau.

Hola, Gabriela! Erstmal danke für die Fotoseite, habe schon ein paar bezaubernde Raben gefunden und freue mich über die freie Verfügbarkeit.

Was die Sache mit den vielen Diskussionen über den Zustand der Welt etc. betrifft: Ich halte mich da inzwischen völlig raus und setze meine eigene Transformation als oberste Priorität für dieses Leben. Wenn das noch ein paar (Millionen) mehr Leute tun, erübrigen sich solche Diskussionen von selbst.

Natürlich hat jedes Weltenwesen das Recht auf eine eigene Sichtweise und darauf, diese frei zu äußern - aber hat das jemals die Welt geändert?
In der Regel wissen die meisten Menschen ganz gut, was die Anderen alles falsch machen.

Ich ändere also nur noch mich selbst, da kann ich konkret ansetzen.

Habe mir auch abgewöhnt z.B. mit Vielfliegern im Taxi über solche Dinge zu diskutieren. Ich diskutiere auch nicht mehr mit eingefleischten Fleischfressern über sowas (Soja als Futtermittel, s.u.).
Ich schaue einfach, daß ich meine eigene Bilanz vertreten kann - und weiß auch, daß ich nicht perfekt bin. Wenn ich zum Beispiel genug Geld hätte, um fliegen zu können, würde ich es auch tun. Sofort und im Wissen darum, daß ich mitverantwortlich bin für das, was da hinten aus dem Flieger kommt.

Was ich nicht mag, ist diese aktuelle Heuchelei allerorten von wegen "Ach, es ist ja alles so schlimm und wo soll das bloß noch hinführen und was ist denn das bloß für ein Sommer, blablabla...." und 5 Minuten später in den nächsten Flieger steigen.
Oder z.B. eine bekannte Frauenbuchautorin, die kürzlich noch Ablaßbriefe für ihre Flugreisen kaufte und nun wieder andere auf ihrer Homepage der Umweltzerstörung bezichtigte.

Wenn überhaupt, rede ich manchmal noch mit Leuten, diskutieren tue ich nicht mehr, das ist für mich nur noch so eine Art Abfeuern von Positionen von zwei oder mehreren Parteien, die sich ohnehin nicht bewegen wollen.

Manchmal spreche ich noch mit Leuten, das hat eine andere Qualität. Im Allgemeinen spreche ich aber nicht mehr sehr viel, nur noch, wenn ich mal wieder auf irgendetwas reinfalle/anspringe, und spare so auch schon mal Energie.

Schöne Grüße und laß´ dich bloß nicht ruhigstellen dort, Anuja

(PS: Das Soja aus Brasilien wird doch auch für Tierfutter verwendet, gell? Die Firma Monsanto fällt mir da auch nochmal ein und ihr eingebautes System, das nur bei ihnen das Folgesaatgut erstanden werden kann. Ich glaube, es war eine sehr interessante Sequenz über Brasilien und Soja in "We feed the world.")

Gabriela hat gesagt…

Hallo Anuja,
stimmt, seit BSE wird Soja VOR ALLEM als Tierfutterzusatz nach Europa exportiert. Hier hungern Menschen und da wird Nahrung aus einem sogenannten Schwellenland in Viecher gestopft.
Du hast recht, ich kann nicht viel ändern mit meiner Schreiberei. Manchmal habe ich indes die Hoffnung, dass es trotzdem zumindest ein wenig wirkt. Wenn nur eine oder einer das Gelesene wenigstens reflektiert, wirkt es ja schon irgendwo in seinem/ihrem Kopf.
Was mir aber wichtiger als all das ist, ist dass das Schreiben dieser Dinge ein Ventil für mich ist. Ich schaffe es einfach nicht, mich nicht über solche Dinge aufzuregen und mich nur auf mich zu konzentrieren. Manchmal versuche ich es. Es klappt nur nicht immer. Ich müsste mich wohl von allem abschotten, um wirklich Energien zu sparen. Als wir in einem Fischerdorf im Bundesstaat Rio de Janeiro lebten, hatten wir weder Radio, Fernsehen, Zeitung oder Internet und nur manchmal Strom. Nach einiger Zeit machte mich das aber nervös und ich begann damit, in die Stadt zu fahren, um Zeitungen zu kaufen und im Internet nach Nachrichten zu stöbern. Ich glaube, ich brauche eine Mischlösung. Ein wenig Abgeschiedenheit und trotzdem die Verbindung zur Welt.
liebe Grüsse von der, die auf der Suche ist...

Hallo Gauzibauz,
dort, wo ich aufgewachsen bin, begann der Wald gleich hinter dem Gartenzaun und war unser Spielplatz. Aber es ist wohl so, wir leben mit Klischees über Südamerika und die Brasilianer mit Klischees über Europa. Zumindest die in meiner Umgebung werde ich mittels Fotos aufklären! Jawoll!
liebe Grüsse
Gabriela

Corriendo Mundo hat gesagt…

Hey, ich wollte nichts gegen das Schreiben sagen - da hast du völlig recht, das könnte sogar hier oder da auf Gehör stoßen. Habe mich eben auch schon über deinen Besuchsreport "VIPfromMiamiBeach" amüsiert....
Was ich inzwischen einfach meide, sind sinnlose Gespräche mit Leuten, die zu sind wie die Eimer oder verbockt, da sind Gespräche nicht sinnvoll, weil nur die eigene Energie weggeht.

Ich bin ja auch nicht aus der Welt - immerhin bin ich noch 5 Tage die Woche mit Hinz und Kunz auf der Straße in Begegnung und registriere auch die Schlagzeilen der Boulevard-Presse etc., was mir halt so alles entgegenkommt während 12 Stunden Großstadt-abklappern.
Sitze immer noch nicht in einer Höhle im Himalajah oder auf den Kanaren (Letzteres liegt mir eh eher...) - habe nur meine ganz eigenen Prioritäten gesetzt.

Und finde es gut, wenn zum Beispiel du dich weiter um solche Dinge "kümmerst" und aus Brazil berichtest - ohne dir Energie abziehen zu lassen von denen die da zahlreich im Chor rufen "Ich kann sowieso nichts ändern" und/oder "Du kannst doch nicht die Welt ändern" etc. pp.

Ich habe mich einfach nach meinem äußerst intensiven Ausflug vor ein paar Monaten in das Wissen um die Niederungen des Weltkapitals für den Weg der persönlichen Transformation entschieden, da ich ihn als wirksamer und heilsamer betrachte. Gruß aus Kölle, Anuja