Donnerstag, Juni 07, 2007

Wenn "Mata" zum Baugrund wird

Je näher am Meer, desto teurer werden die Grundstücke. Schade. Ich hätte gerne eins direkt am Meer. Ich stelle mir das ganz romantisch vor. Ungefähr so: ich wache auf, schaue zum Fenster raus und sehe die Brandung. Meer, das erste am Morgen, das letzte am Abend, was ich sehe. Von der Terrasse aus laufe ich dann direkt barfuss den Strand entlang, um ein Plätzchen für mein Yoga zu suchen. Palmenwedel wehen im Wind, Möwen kreisen und ich bin Mutterseelenallein, kann meine Gedanken im Meer ablassen.

Tatsche ist, dass die erste Häuserfront mit einer Strasse vom Meer und der Böschung abgetrennt ist. Kokos-Palmen gibt es hier im Süden nicht so häufig und erst recht nicht am Strand. Stattdessen ist die Reihe entlang der Strasse ziemlich hässlich verbaut mit Hochhäusern, die 90 % des Jahres leer stehen, winzig kleinen Einfamilienhäusern, in denen Familien zu Weihnachten auf engsten Raum schönstes Zankklima verbreiten können und vielleicht ein Prozent von ganz normalen Häusern, in denen sogar das ganze Jahr über Menschen wohnen.

Leer ist unser Strand selten. Senioren und Angler teilen sich das, was die paar wenigen Fischer, die es noch gibt, ihnen lassen.

Trotzdem. Unser Strand hat etwas und ein Strandspaziergang wirkt äusserst beruhigend auf mich. Ein Grundstück direkt am Strand können wir uns allerdings nicht leisten. Da kostet eine kleine "Lote" mit 250 Quadratmetern ungefähr so viel wie andernorts 20 Lotes kosten, die noch dazu grösser sind.

Ein paar solcher günstigen "Lotes", Baugrundstücke, hat der Luis entdeckt. Sein Schwager hat es ihm verraten. Luis' Schwager arbeitet in der Gemeindeverwaltung und bekommt es so ziemlich als erster mit, wenn es irgendwo Grundstücke günstig zu verkaufen gibt. 360 Quadratmeter für 1500 Reais, erzählte mir der Luis heute freude strahlend. Für ihn zahlt sich die Investition doppelt aus. Er darf die Bäume die darauf stehen abholzen und als Brennmaterial für seinen Grill im Restaurant nutzen. Überhaupt sei das ganze Gelände mit all seinen Loten wahnsinnig toll, weil es noch so viel unberührte "Mata" darauf gäbe. Mata, damit wird hier so ziemlich alles bezeichnet, was irgendwie grün ist und an Natur erinnert, sei es der Schilfbewuchs am Bachufer oder der Küstenregenwald, der tatsächlich "Mata Atlantica" heisst. Jetzt weiss ich nicht, ob auf besagten Baugrundstücken Reste vom Küstenregenwald wachsen oder "nur" Wildaufwuchs. Ein paar Kilometer weiter beginnt jedenfalls der Küstenregenwald und der steht eigentlich irgendwie unter Naturschutz. Dachte ich zumindest immer. Um den Naturschutz kümmern sich hier aber nicht allzu viele Menschen. Warum auch, fragen sie, wenn ich ihnen davon erzähle. Es gebe doch Grün und "Mata" im Überfluss. Ausserdem, wo "Mata" wächst, sind Tiere zu Hause, Tiere wie giftige Schlange, giftige Spinnen und weiss nicht was noch, und die sehen viele als Bedrohung, was sie zugegebenermassen auch sein können. Geballter Menschengeruch, wie er von Siedlungen ausgeht, verscheucht in der Regel aber fast alles an Wildtieren - ausser Mücken, die ja auch irgendwo Wildtiere sind. Die gebe es dort zu Hauf, sagt Luis und erklärt, dass das Gelände so ziemlich versumpft ist (ebenso typisch für die Mata Atlantica im Küstenflachland). Vor Baubeginn müsste das Grundstück deshalb erst einmal aufgeschüttet werden, erhalte ich noch als Tipp. Leider kenn ich mich mit den tropischen Biotopen nicht so gut aus. Versumpft, baumbestanden, mit dürren und von Flechten übersähten Bäumen, könnte auch auf ein Moor hinweisen. Moore wachsen, ebenso wie Regenwälder, nicht in ein paar Jahren. Meistens sind Jahrhunderte oder gar Jahrtausende notwendig.

Wäre ich in Europa, würde ich glauben, dass schon alles seine Richtigkeit hat, weil die Gemeinde das Gebiet erst nach Abstimmung mit den Umweltschutzbehörden als Baugebiet ausgewiesen hat. Umweltschutzbehörden gibt es hier auch. Manchmal sind sie auch aktiv. Manchmal sind deren Mitarbeiter allerdings nicht nur blind, sondern auch geldgierig, sprich korrupt. Und Baugebiete werden in kleinen Gemeinden nicht mit deutscher Gewissenheit ausgewiesen. Eher entstehen sie zufällig. Einer fängt an ein Stück land zu roden und zu verkaufen und andere machen es ihm nach. Manchmal werden auch Waldgebiete oder Weideflächen in Bauland umgewandelt. Wenn der Landwirt seine Grundstückssteuern nicht bar bezahlen kann, gibt es schon mal einen Tauschhandel nach dem Motto "überlass' uns deine "Mata" und wir regeln das mit den Steuern". Ein anderes Problem ist der ganz normale Zivilisationsdruck. Was ein Wort. Wenn der Sohn flügge wird und seine Freundin schwanger, muss eine Unterkunft her. Das Haus der Familie ist oft einfach zu klein, der Geldbeutel für den Kauf eines neuen Grundstückes auch. So wächst ein wenig hinter unserem Haus eine Art "Favela" in Richtung Küstengebirge. Nicht nur die flügge gewordenen Kinder sind daran schuld. Neuzuzüge gibt es schliesslich auch und einen sozialen Wohnungsbau eben nur in manchen grösseren Städten und auch dort nicht ausreichend. Irgendwo müssen die Menschen aber wohnen.

Alessandro hat die Grundstücke schon gesehen und war ganz begeistert. Er mag Bäume und findet den Gedanken gar nicht schlecht, das Auto zu verkaufen und davon gleich ein paar Grundstücke zu kaufen. Er mag auch viel Platz um sich herum. Bei mir regt sich indes schon wieder mein der Natur geneigtes Gewissen. Am Wochenende werde ich wohl mal im Internet stöbern, wie das so mit dem Schutz des Küstenregenwaldes aussieht, was sonst noch so alles geschützt ist und wie es so mit der Legalität besagter Grundstücke ist. Die sind natürlich nicht direkt am Strand. Der ist so ungefähr einen Kilometer weg...

1 Kommentar:

mondin hat gesagt…

Mensch, pass' auf ! Ruckzuck wirst Du zur Grossgrundbesitzerin, hehe ;)
Das mit der "Mata" ist mir hier auch nie klar. Hier gibt es in unserm Stadtviertel auch viele neue Grundstücke, die sind auch alle richtig ausgezeichntet und so mit Plänen etc. Aber es wachsen auch grosse, alte Bäume drauf mit Lianen und so. Moos habe ich noch nicht beobachtet und versumpft sind sie auch nicht.
Trotzdem,, wenn's o.k. ist, wär' es bestimmt zu allermindest eine gute Geldanlage, denn die Preise werden steigen. Wir haben unser Grundstück hier (~ 600 qm) in der Stadt vor 8 Jahren für ca. 5000 Reais gekauft. Heute kosten sie 30.000. Also, auch wenn Ihr nicht dort bleibt, kann es sich lohnen.
Aber ich finde es klasse, wie Du immer ordentlich recherchierst, wenn Dich was interessiert !!
So, ich hoffe, der Strandspaziergang war schön und ich werde jetzt mal unten gucken, was mein Mann im Hof mit dem Pflaster macht, dass er rad legt. Wird richtig schön !!!

Beijos
Ursel