Sonntag, Juni 03, 2007

Was für eine Woche. Seltsame sieben Tage. Nichts ist mehr, wie es war. Normal. Der Lauf der Dinge. Trotzdem anders als sonst. Seltsamerweise fing es mit den Scheiben in den Fenstern an.

Die Katzen waren von der durchsichtigen Barriere gar nicht begeistert. Rambo ist bei einigen Fluchtversuchen ein paarmal dagegen gerannt. Was es seinem Bruder Maxl erleichtert hat, ihn zu fangen und abzuwatschen. Bis dato hatten sich die zwei ganz gut vertragen. Mag sein, dass es daran lag, dass sie sich vor der Verglasung ohne Probleme aus dem Weg gehen konnten. Seit die Fenster verschlossen sind, muss Rambo direkt an Maxl vorbei. Der gebärdet sich wie ein König, liegt brettelbreit auf der Türschwelle und lässt nicht jeden so ohne weiteres die Schwelle überschreiten. Wer vorbei will, muss sich das Wegerecht erkämpfen. Sogar Katzenmama Sissi musst fauchen und ihre Krallen gebrauchen, um an ihm vorbei zu gelangen.

Genau eine Woche nach dem Tod von Kater Nino, hing schwere Luft im Haus. Jede Katze lag auf ihrem Platz und belauerte die anderen. Plötzlich ein Fauchen und Rambo versuchte, Lilli zu vertreiben. Das nutzte Maxl, um sich auf Rambo zu stürzen. Im Tumult suchte Sissi das Weite. Das war das letzte Mal, dass ich sie sah. Sie hat das Haus verlassen und kam einfach nicht wieder. Zuerst dachte ich, sie werde warten, bis sich die Streitfahne im Haus gelegt hat. Als sie am Montagabend immer noch nicht zurückkam, bin ich losgezogen, um sie zu suchen. Nichts. Auch am Dienstag keine Spur von ihr. Mir kam die Idee, dass sie irgendwo eingesperrt sein könnte. Am Sonntag waren einige Stadtmenschen hier am Strand in ihren Ferienwohnungen und Sissi ist sehr zutraulich und neugierig. Vielleicht hat sie sich eingeschlichen, ohne, dass die Stadtmenschen es bemerkt haben. Ich begann damit, verschlossene Häuser zu umkreisen, nach Sissi zu rufen, sie mit Miauen zu locken. Nichts. Kein Mucks kam zurück. Sämtliche Strassen, Wege und Pfade bin ich abgelaufen, habe im Gebüsch, im Bach am Strassenrand gesucht, mit dem Ergebnis, dass ich unser Viertel nun ganz gut kenne, Sissi aber weiterhin spurlos verschwunden bleibt.

Sissi war meine Lieblingskatze. Es hört sich vielleicht pathetisch an, aber sie hatte sich in mein Herz geschlichen. Es fällt mir schwer, zu begreifen, dass sie nicht mehr um meine Beine schnurren, ihren Kopf an meine Stirn legen wird und ich merke, wie die Trauer nach mir greift. Es sind einfach zu viele Verluste, die ich in den vergangenen Wochen hinnehmen musste. Da kommt alles zusammen. Zuerst Clara, dann Kater Nino und dann auch noch Lieblingskatze Sissi. Dazu kommt, dass wir unser "Barzinho" aufgelöst haben und ich deshalb auch noch mehr Zeit habe, bei den trüben Gedanken zu verweilen.

Um etwas sinnvolles zu machen, habe ich versucht, den alten Computer auf Vordermann zu bringen, damit wir ihn verkaufen können. Als ich gerade an ihm herumbastelte und versuchte, persönliche Dateien zu speichern und zu löschen, rief meine Schiegermutter an. Schwiegermutter heisst im Portugiesischem "sogra", was mich an Sorgen erinnert. Sorgen bereitet mir meine Schwiegermutter auch so einige. Was Geld betrifft, hat sie eine seltsame Einstellung. Sie ist auf einer Insel aufgewachsen, auf der es nicht wichtig war, Geld zu haben. Was dort zählte, war nicht die Eigenschaft mit Geld zu wirtschaften. Wichtiger war es, die Mondzyklen zu kennen, um zu wissen, wann es Fische, Nahrungsmittel, gibt. Später hat es meine Schwiegermutter nicht mehr gelernt, zu haushalten. Sie gibt das Geld aus, als hätte sie einen Drucker im Haus, mit dem sie für Nachschub sorgen kann. Das blöde daran ist, dass sie bereits auf Alessandros Namen Kredite aufgenommen hat, weil sie mit ihrem Namen keine mehr bekommen hat. Seit sie im Krankenhaus als Köchin arbeitet, hat sie sich ein wenig gebessert und sogar ein paar ihrer Schulden abbezahlt - ausser denen, die sie auf Alessandros Namen aufgenommen hat.

Beschwingt erzählte sie am Telefon, dass sie einen Drucker für uns gekauft hat. Eigentlich ein erfreuliches Ereignis, würde ich nicht um ihr Geld- und Schuldengebahren wissen und um eine weitere Schwäche meiner "sogra". Sie schenkt nicht ganz zweckfrei. Noch bevor ich etwas sagen konnte, kam auch schon ihre Order. Im Gegenzug zum Drucker hätte sie gerne unseren alten Computer. 400 Reais bar auf die Hand - da flogen sie dahin. Ich konnte ja schlecht "Nein" sagen. Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten ihn an jemand fremden verkaufen und das Geld so Ausgeben können, wie wir es wollten. Zu Alessandros Verdruss habe ich ihr das auch noch gesagt. Ihr solche Dinge zu sagen, ist kein Problem. Sie ignoriert ohnehin jegliche Kritik oder was sonst noch so von mir kommt. Schweren Herzens willigte ich ein. Ein Drucker mit Scanner und überhaupt ganz toll. Ein riesen Gerät. Was wir mit dem Scanner sollen und wo wir den Kasten im überfüllten Arbeitskabuff hinstellen sollen, weiss ich nicht.

Am nächsten Tag habe ich mich also daran gemacht, den PC für die Schwiegereltern herzurichten. Alle überflüssigen Programme habe ich deinstalliert und angefangen Anleitungen für die restlichen Programme zu schreiben. Ich sah mich schon die nächsten Wochen damit verbringen, meinem Schwiegervater unterricht zu geben. Für ihn war ein Computer bis dato ein Bildschirm, in dem Männchen sitzen, die alles von alleine machen und erraten, was der Mensch davor gerne hätte, das sie machen. Bis jetzt ist es noch nicht dazu gekommen. Ich war gerade dabei die letzten Daten auf CD zu brennen, als nichts mehr ging. Das Motherboard hat nun endgültig den Geist aufgegeben. Das hat dazu geführt, dass die CPU blind umsich schlug und nichts mehr erkannt hat, zum Schluss nicht einmal mehr das CD-Laufwerk mit meiner CD drinnen (!) und die Tastatur. Einen schlechten Tausch hat meine Schwiegermutter da gemacht. Naja, für uns war es wohl Glück. Gut, wir hätten einige neue Teile, die wir so reingerichtet haben, einzeln verkaufen können, wie die 80 GB Festplatte, Speicherplätze, Modem und so fort. So ist es aber einfacher, wenn ich mal so frank und frei sein darf.

Obwohl - heute habe ich erfahren, dass der Tauschhandel doch noch nicht so feststeht. Den Drucker hat sie nämlich noch gar nicht gekauft, weil sie ihr Kreditkartenlimit schon wieder überzogen hat. Vier Stunden lang sei sie alle möglichen Geschäfte abgelaufen und keiner wollte ihr den Drucker auf Kreditkarte oder auf Pump verkaufen, hat sie bei ihrem Besuch heute mit entrüstetem Ton erzählt. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Wenigstens müssen wir so nicht für irgendwelche Schulden aufkommen, die meine Schwiegermutter macht. Als Referenz hat sie nämlich jedesmal uns angegeben. Einige Anrufe gab es deshalb. Geschäftsinhaber und Verkäufer wollten wissen, ob ihre Angaben stimmen und ob sie ihrem Versprechen trauen können, alles nach der nächsten Gehaltsüberweisung zu bezahlen. Wäre ich am Telefon gewesen hätte ich gesagt, dass es besser sei, gegen Cash zu verkaufen. Alessandro hat mir das abgenommen. Hat einfach lapidar gesagt, er wisse nicht, wieviel sie verdiene, und dass sie sich doch an ihren Chef oder an die Bank wenden sollten.

Ich habe beschlossen, das Thema einfach abzuhaken und mich wieder meiner Homepage zu widmen. Ich bin gerade dabei, sie wieder einmal völlig umzubauen, mit dem Ziel, mit ihr im Gepäck auf Verlagssuche zu gehen. Vielleicht findet sich ja so ein Verlag, dem meine Geschichten gefallen und der sie in Form eines Buches voll mit Reportagen aus Brasilien veröffentlichen will. Bis ich mich mit meiner Homepage auf den Weg machen kann, dauert es allerdings noch eine kleine Weile. Immerhin, es gibt mir Arbeit und ich mache mir damit selbst ein wenig Mut bei all der Tristesse, die sich sonst so gerade bei mir auszubreiten versucht.

Kommentare:

Ursel hat gesagt…

Bin wiedermal zspät zum Anrufen...ach Mensch...

Ich hoffe, dass Deine Sissi doch noch zu Dir zurückkommt !!

Ganz liebe Grüsse
Ursel

Juansi hat gesagt…

Liebe Gabriela,

das erinnert mich an meine Stimmung, wenn bei uns der Winter kommt...

Ich schick Dir einfach mal etwas Wärme und Sonne für dein Herz.

Grüße
Juansi

Sam hat gesagt…

Guten abend Gabriela
Wenn die Katz weg ist, das ist schlimm. Und die Verwandtschaft auch, ich kenn beides und denk mir: Vielleicht ist die Sissi gegangen, weil sie sonst als nächstes die Rudelschwächste geworden wäre und vielleicht krank.
Gesunde Katzen sind da beweglicher als Hunde, die haun einfach ab wenns wo nicht mehr gut ist für sie.
Wenn Dir das ein Trost sein kann.
Mir wars nie wirklich einer, ich hatte auch immer die Sorge, sie könnte irgendwo leiden müssen, ich hab das viermal erlebt. Und zwei Katzen kamen zurück, eine erst nach drei Wochen.

Ich denk an Dich und wünsch Dir wenigstens mit deiner Schreiberei ein gutes Gefühl und Erfolge
Sam

kvinna hat gesagt…

Tut mir leid, seit Tagen fällt mir dazu nichts ein, was nicht abgedroschen klingt, obwohl ich so gern was dazu sagen tät'!

Ich hoffe, du verstehst mich trotzdem...

Gabriela hat gesagt…

Hallo ihr Lieben und Danke!
ja, ich hoffe, es ist, wie Sam es beschrieben hat. Ich glaube, sie hat sich einfach ein sicheres Plätzchen gesucht, an dem es keine Reibereien mit Katern gibt und ich hoffe immer noch, dass sie eines Tages mit hochgereckten Schwanz zur Tür reinkommt, dann wenn die Kater nicht mehr so spinnen. Seufz. Stimmt, Juansi, der Winter trägt auch zu meiner tollen Stimmung bei. Fühle mich ganz eingefroren. Habe deshalb heute gebacken wie eine Weltmeisterin. Semmeln und Schnecken. Jetzt ist es etwas wärmer in der Stube und mein Bauch ist ziemlich voll. Sollte die Kaltwetterperiode noch lange andauern, sehe ich mich schon davon kugeln. Wie hältst du das nur in dem kalten Cascavel aus, Ursel?
Danke auch dir Kvinna. Euer aller Zuspruch tut gut...
liebe Grüsse
Gabriela

Corriendo mundo hat gesagt…

Hola! Die Katze meines Neffen kam nach Monaten wieder, als wirklich niemand mehr damit rechnen konnte. Und vielleicht wird dein Buch ja der Grundstein für das Haus am Meer. Ich wünsche es dir nach all den Tiefschlägen. Anuja