Sonntag, Februar 25, 2007

Clara

Die Fruchtblase ist geplatzt. Warum, weiss der Arzt auch nicht. Eine Infektion habe ich nicht gehabt, sagt er. Er vermutet, dass der Muttermund schon ein wenig geöffnet war, ein Teil der Blase da heraus gelurt und solange mit Fruchtwasser gefüllt hat, bis er geplatzt ist. Nix Genaues wollte er aber nicht sagen. Ich finde das Ganze etwas seltsam.

Am Donnerstag war es passiert. Der Arzt hat mich gleich ins öffentliche Krankenhaus eingewiesen. Mit einem Zettel in der Hand, auf dem das Wort "Abort" unterstrichen war, stand ich da, in der Geburtsstation. Die Tränen liefen nur so. Vor lauter Schreck und Trauer habe ich kein Wort hervor gebracht. Mir fiel ohnehin nicht ein, in welcher Sprache ich mich artikulieren sollte. Selbst in deutsch hätte ich es wohl nicht fertig gebracht.

Eine Schwester nahm mich am Arm. "Heul nur, du hast allen Grund dazu", sagte sie. "Heute heulst du, morgen vielleicht auch noch, aber dann wirst du irgendwann weitergehen." Sie schoben mich in eine kleine Kammer mit drei Liegen. Auf einer lag eine junge Frau. "Das ist Daisy, sie hat das gleiche durchgemacht, was dir jetzt passiert." Schon lagen Daisy und ich uns in den Armen, um gemeinsam zu heulen. Zu zweit heult es sich leichter.

Das Krankenhaus äusserst öffentlich. Nur mit dem Allernotwendigsten ausgestattet - auch was Bettwäsche und Medikamente anbelangt. Die Krankenschwestern kümmerten sich indes rührend, huschten nicht schnell zwischen den Betten hin und her, sondern nahmen sich Zeit, fragten, erzählten, trösteten.

Da hang ich also am Tropf und wartete, dass die Wehen einsetzten. In der 17. Schwangerschwaftswoche. Keine Chance für das Baby. Die Herztöne waren schwach, es fehlte Fruchtwasser und dennoch wollte sich der Muttermund nicht weiter öffnen. Auch am nächsten Tag nicht. Nach 24 Stunden Wehenmittel ohne irgendeinen Erfolg, meinte der Arzt, er werde einen befreundeten Kollegen in einem Krankenhaus in der Hauptstadt fragen, ob der nicht ein stärkeres Mittel schicken könnte. Das Mittel, das er verwenden müsse sei eigentlich nur ein schwacher Ersatz, weil mit dem "richtigen" Mittel nur die Hauptkrankenhäuser in den grossen Städten ausgestattet würden. Per Boten schickte der befreundete Arzt das Mittel. Nach wenigen Stunden wirkte es. Plötzlich und äusserst stark setzten die Wehen ein, kam das kleine Menschlein Freitagnacht auf die Welt. Ein Mädchen. Winzig klein, aber wunderschön.

"Wollen sie das Kind wirklich sehen", fragte die Ärztin, die mittlerweile die Schicht übernommen hatte. Ich wollte und sie fügte sich, zeigte mir das Kindlein. Fast sah es aus, als würde die Kleine ein wenig lächeln. Schon ging es in den OP zur obligatorischen Ausschabung. Einmal durch die Hölle und zurück. Was ich da erlebt habe, wünsche ich keinem und möchte ich nie wieder erleben müssen. Ich kippte buchstäblich aus den Latschen. Das Blut wollte nicht aufhören zu fliessen, der Blutdruck sackte dramatisch ab und gleichzeitig erbrach ich allen Rest, der sich noch in mir befand. Schwestern und Ärzte wirbelten um mich herum. Infusionen, Injektionen, Zusprachen. Irgendwann stieg der Blutdruck wieder auf 90/60, stoppte der Brechreiz, versiegte der Blutstrom, konnte mit der Anästhesie für die Ausschabung begonnen werden. Die funktionierte nur nicht so wirklich. Ich habe keine Ahnung mehr, wie die Narkoseform hiess. Das einzige, an was ich mich erinnern kann ist, dass der Arzt mir Flüssigkeit aus dem Rückenmark gezogen hat, ich die Füsse aber trotzdem noch bewegen konnte. Nur der Bauchinnenraum und der Hintern die fühlten sich kurzzeitig an wie eingeschlafen, bis die Ausschabung begann. Eine stärkere Dosis sei nicht möglich, entschuldigte sich der Arzt und versuchte, mich von den Schmerzen abzulenken. Sein Opa sei Deutscher gewesen, erzählte er, um dann auf Deutsch zu fragen: "Tut's weh?"

Ich habe es überlebt. Nicht einmal 48 Stunden sind seitdem vergangen und trotzdem fühlt es sich an, als wären Jahre an uns vorbei gerast.

Jetzt werden wir uns erst ein wenig erholen. Unsere Kioskbar ruht. Meine Partnerin traut es sich alleine nicht zu, sie zu öffnen. Wer weiss, vielleicht fühle ich mich in ein bis zwei Wochen danach, sie wieder zu öffnen. Wir werden sehen. Darüber zerbreche ich mir den Kopf, wenn es soweit ist. Unsere neue Herausforderung ist es nun, unsere Zukunft neu zu strukturieren. Und das werden wir angehen. Langsam und Stück für Stück, ohne Eile. Wer weiss, welche Türen sich so öffnen werden.

Das kleine Menschlein haben wir übrigens Clara genannt.

Kommentare:

Corriendo Mundo hat gesagt…

Dieses verrückte Leben!
Clara ist ein schöner Name.
Ich denke an Euch.
Alle guten Wünsche für einen neuen Anfang, de corazón, Labbatú und der Gefiederte

Sam hat gesagt…

Ich klick immer rein und wieder weg, weil ich mir denke, das letzte was Du jetzt brauchen kannst ist ein Kommentar.

Ich denk an Dich und wünsch Dir, dass Du Dich, ihr Euch in vollem Umfang erholen kannst von dem was Du durchgemacht hast.

Grüsse,
Sam

Ursel hat gesagt…

Sam, mir ging's genau wie Dir.
Ich hab' dann lieber eine Mail geschickt.
Ja, Clara ist wirklich ein wunderschöner Name..
Au Mann, für das öffentliche Gesundheitswesen hier muss frau sich echt schämen ! Und ich schäm' mich fast auch dafür, dass ich vor 2 Jahren noch das Glück hatte, mir eine private Behandlung leisten zu können. Was für ein Unterschied..

Gabriela, abraços !!!

Ursel

Juansi hat gesagt…

Gabriela, ich umarme Dich.
Habs erst jetzt (30.3.) gelesen.
So sorry.
Juansi