Samstag, Juli 15, 2006

Gesucht: VW-Bus - am Besten geschenkt...

Jetzt wird es ernst. Gestern war unsere Vermieterin da. Mit einem älteren Pärchen im Schlepptau. Er Kehlkopfkrebsoperiert und kaum zu verstehen. Sie lange graue Haare schwungvoll zum halb offenen Dutt drapiert und mit dicker Brille auf der Nase. "Er hat Bronchitis. Meerluft, sagen die Ärzte würde ihm guttun", erklärt die Frau während sie die Wohnküche schon in Gedanken vermisst. "Wir möchten einen Häusertausch machen", sagt unsere Vermieterin. Sie gibt das Haus an der Küste und bekommt dafür ein Haus in der Nähe der zweimillionen Einwohner zählenden Stadt Curitiba. Es soll die "kälteste Hauptstadt" Brasiliens sein, heißt es. Feuchtkaltes Klima sommers und winters. Jedenfalls nichts für bronchitis Kranke, wie ich erfahre.

Wann der Häusertausch denn von Statten gehen soll, frage ich. So schnell wie möglich. Am liebsten schon heute, bekomme ich zu hören. Da stockt mir der Atem. Das ist mir dann doch etwas zu schnell. Wie wäre es mit Ende August? Begeistert sind die Haustauscher von meinem Vorschlag nicht. Widerspruch kommt aber auch keiner. Sie werde mich am Abend anrufen, sagt meine Vermieterin. Das Telefon indes bleibt still am Abend.

In den nächsten Wochen müssen wir nun also tatsächlich das Weite suchen. Im Norden wird es liegen. Zumindest nördlich von Rio de Janeiro. Möglichen Wohnort, mögliche Arbeit. Beides noch nicht in Sicht. Ihr seid verrückt, sagen unsere Nachbarn. Mag sein. Verrückt wäre es aber auch, hier zu bleiben. Schließlich gibt es hier auch keine Arbeit für uns, lautet meine Standardantwort.

Manchmal ist mir schon ein bißchen flau im Magen, angesichts der Tatsache, dass ich so gar nicht weiß, wie es weitergehen wird. Ein seltsames Gefühl. Das Haus hier hat mir bisher ein wenig Sicherheit gegeben, war eine Art ruhige Insel - auch wenn die restlichen Gegebenheiten sich in Nichts von den jetztigen unterscheiden. Keine wirkliche Arbeit, keine wirklichen Perspektiven. Also wirklich nichts zu verlieren, beruhigt mich auch die Nomadin in mir. Bei genauerem Überlegen zeigt sich auch schnell, dass es gar nicht die "Zukunftsfrage" ist, die mich beschäftigt. Was mich beunruhigt ist eher die Frage, wie wir den "Umzug" bewerkstelligen sollen, so ganz ohne Kamel und Yak.

Viel haben wir nicht. Keine Möbel und keinen Trödel, nur einen Computer, einen Fernseher, Klamotten, Fahrrad, und ein paar Orchideen, Kakteen und Palmen, die wir so in der Natur Brasiliens gesammelt haben - und unsere FÜNF Katzen. Fünf Katzen und ein kleines Auto, dazu noch 2500 Kilometer. Das wird lustig.

Ob wir zwei unserer Katzen zurücklassen sollen? Aber welche? Eine Nachbarin war neulich ganz begeistert vom schwarzen Maxl. Mein süßer "Negro". Vielleicht der weiße Nino. "Den willst du ja nur hergeben, weil du ihn nicht magst. Ich mag ihn", sagt Alessandro. Findelkatze Sissi muss auf jeden Fall mit. Das steht fest. Von Glückskatze Lili können wir uns auch nicht trennen. Rambo. Nein, nein. Auf die Schmuseeinheiten von Rambo II will ich nicht verzichten.

So wie es aussieht, werden wir die Palme, die Kakteen und den Großteil der Orchideen da lassen oder Schwiegermuttern damit beglücken. Da würde dann die Chance bestehen, dass wir sie irgendwann wieder einmal abholen können. Vielleicht sollten wir den Fernseher auch wieder in ihre Obhut zurückgeben. Und das Fahrrad gleich dazu, in der Hoffnung, dass sie das nicht verscherbelt, bevor wir es abholen können. So schon vor 1,5 Jahren geschehen mit Alessandros Computer und Drucker.

Am Besten wäre es, wir könnten unser Auto gegen einen VW-Bus tauschen. Schlechtes Geschäft, hat ein Bekannter gesagt. Theoretisch ist unser Auto ein "Luxuskarren" und noch einiges Wert. Weil VW-Busse aber sehr gefragt sind, sind sie in schlechterem Zustand teurer als unser Auto in gutem Zustand. Im VW-Bus könnten wir aber wenigstens alles unterbringen, hätten unsere Katzen bei der dreitägigen Reise ein wenig Bewegungsfreiheit und könnten wir bei Bedarf übernachten.

Heute Nacht habe ich schon von einem VW-Bus geträumt. Er gehörte Silke. Vor 20 Jahren (gab es damals überhaupt schon VW-Busse?) ist sie damit durch Brasilien geschippert. Hat ihn aufgehoben, der Nostalgie und Erinnerung wegen. Jetzt würde sie ihn uns schenken, sagt sie im Traum zu mir, damit wir Brasilien durchreisen und ihre Schritte nacherleben können. Wusste gar nicht, dass Silke einen VW-Bus hat. Egal. Oh Yemanjá, mach, dass der Traum wahr wird. Oder zumidest der Teil mit dem geschenkten VW-Bus. Dann könnte ich der Zukunft ganz gelassen entgegen sehen. Ich würde ihn auch eintauschen unseren "Robbocop", unseren Opel, gegen einen VW-Bus. Wir sollten uns am Montag gleich auf die Suche begeben. Werde nachher noch mit Alessandro drüber reden.

Kommentare:

Ursel hat gesagt…

Liebe Gabriela !
Ich versteh' grad garnix !

Ist Eure Vermieterin von allen guten Geistern verlassen ?
Wie kommt sie dazu, Euch vor die Tür setzen zu wollen. Zahlen die anderen Leute mehr Miete oder was ?
Ich versteh' ja, dass der kranke Mensch die meerluft brauchen kann, aber es gibt doch sicher noch andere Häuser zu vermieten..

Ich weiss ja, dass Ihr mit woanders im Norden schon länger geliebäugelt hattet, aber schade ist es doch. Wo ich Euch doch so gern im Dezember besuchen wollte auf dem Weg nach Belo Horizonte (oder auf dem Rückweg).
Und ich versteh auch, dass Ihr noch bei Schwiegermuttern in der Nähe bleiben wollt.

Na, dann wünsche ich euch, dass sich ganz schnell ein VW-Bus findet !!!
Jemanjá há de ajudar !!
Obwohl, die ist vielleicht eher für Bote zuständig, hmm;)
Wie wär's mit dem Hl. Christophorus ??
Klar gb's vor 20 Jahren schon VW-Busse.

Ich kenn' leider niemand, der einen übrig hat. Wenn sich aber doch einer geschenkt finden sollte hier in Casscavel, würdet Ihr ihn dann hier abholen ?

LG Ursel

Wenn Du nachher nochmal telefonieren magst ?

Sam hat gesagt…

Moing Gabriela,

Ihr befindet Euch also auch in der Schwebe gerade. Sein schönes Daheim aufgeben zu müssen ist schon nicht einfach, dieses gar kein Zentrum mehr haben. Mir wars auch immer sonderlich zumute, wenns soweit war. Aber es klingt schon durch in Deinem Post, dass Dein Nomadenherz ein wahres solches ist! Das sich freut übers weiterziehen und das Ungewisse hinterm Horizont.
Könnt ihr Euch keinen Lastwagen leihen oder den Teil einer Fuhre kaufen, der nach Norden fährt? Damit ihr und die Katzen in Euerm Auto reisen könnt? Das ist echt eine Riesenstrecke, die ihr da vor Euch habt!!!
Ich wünsch Dir alles Gute- Euer Umzug ist bestimmt nicht zufällig.

Guten Sprung!
Sam

gabriela hat gesagt…

Liebe Ursel,
liebe Sam,
wir schweben so dahin... Irgendwie freue ich mich schon auch auf die Reise in den "Norden". Eigentlich freue ich mich schon richtig drauf. Dass die Vermieterin jetzt so schnell an ihr Haus will, nehm' ich ihr auch nicht übel. Es bestärkt mich nur, noch schneller meinen Reise-Umzugswunsch in die Tat umzusetzen. Schade ist allerdings, dass ich dann deinen, Ursels, Besuch verpassen werde. Du musst uns halt in Bahia besuchen kommen. Oder wir kommen vorher zu dir, um einen VW-Bus abzuholen. Logisch würde ich den persönlich abholen kommen...
Wie das mit dem Mieten von Lastwagenladungen oder mit Speditionen ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Da habe ich mich noch nicht erkundigt. Momentan gefällt mir die VW-Bus Idee noch so gut, dass ich Alternativen noch nicht angegangen bin. Ein Ford Transit wäre auch nicht schlecht. Naja, werden sehen, was Yemanjá und der Christoperus uns so vermachen werden...
Sam, bei deinem Satz "Euer Umzug ist bestimmt nicht zufällig" fällt mir ein, dass ich in ein paar Tagen die "Siebener Runde" wieder schließen werde (6 x 7 Jahre). Bei den letzten beiden Siebenjahr-Schwellen war's auch spannend - zuerst Hochzeit, dann Scheidung. Jetzt vielleicht einfach nur Neuanfang... Auf jeden Fall ein guter Zeitpunkt...
liebe Grüsse
Gabriela