Sonntag, April 09, 2006

Käfertausch



Das ist ein "fusca". Anfangs dachte ich noch, fusca heißt übersetzt Käfer. Auf der Honiginsel hatte ich einmal einen riesigen Käfer gefunden. Natürlich wollte ich wissen, was das für einer war und fragte nach dem Namen des "fusca". Statt einer Antwort bekam ich nur Achselzucken und fragende Blicke. Ich lernte: Fusca heißt nicht Käfer. Im Online-Wörterbuch wird "fusca" mit "sad, dark" übersetzt, traurig, dunkel. Dann müsste es eigentlich aber "fusco" heißen. Eine andere Übersetzungsmaschine schreibt lapidar "VW-Käfer".

Der Käfer auf dem Foto ist von Vanderley. Er will ihn verkaufen. Baujahr 1975. Eins-A Zustand. 6900 Reais will er dafür, etwa 2400 Euro. Viel Geld für ein altes Auto. Wenig Geld für einen Oldtimer. Vanderley liebt Käfer. Der auf dem Foto ist nicht sein erster. Vanderley kauft die Fuscas zu Spottpreisen, möbelt sie auf und verkauft sie wieder. Klar, gegen Aufpreis.

Das hat er von seinem Patenonkel gelernt. Der macht es genauso so. Neulich wollte der Patenonkel uns seinen Gol aufschwatzen. Auch so ein Lieblingsauto so mancher Brasilianer. Ein Gol, das ist so etwas wie eine äußerst abgespeckte und vereinfachte Rohfassung eines Golfs. Der Patenonkel wollte im Tausch für seinen Gol unseren Opel Astra und 3500 Reais noch oben drauf (etwa 1400 Euro). Opel heißt hier gar nicht Opel. Chevrolet Astra und Chevrolet Corsa sagen sie, wenn sie Opel meinen. Alles eine Firma, sagen sie. Der Patenonkel hat gleich einmal unseren Astra schlecht gemacht. "Braucht neue Reifen." Mit neuen Reifen und neuen Stoßdämpfern haben wir ihn erst vor einem Jahr bestückt. "Die Stoßstange hängt vorne links tiefer." Mit einer kleinen Schraube ist das im Nu behoben. "Er hat eine Beule am Heck." Die Beule ist so klein, dass sie auf den ersten Blick gar nicht auffällt und schlechter fahren tut er deshalb auch nicht. Nein, unser Astra ist ein Schmuckstück. Gut, Baujahr 1995. Nicht mehr ganz der Jüngste. Dafür hat er Heizung, Zentralverriegelung, elektrische Fensteröffner, wahnsinns komfortable Sitze und einen großen Kofferraum. Der Gol vom Patenonkel hingegen hat keine Heizung, keine Zentralverriegelung, keine elektrischen Fensterheber, ewig harte Sitzbänke und einen winzigen Kofferraum. Warum sollten wir uns das antun? "Weil der Gol weniger Sprit verbraucht. Da könntest du dann beim Reisen sparen", meinte der Onkel. Für 3500 Reais kann ich viel Sprit kaufen. So um die 1500 Liter. Stell dir mal vor, was für eine schöne Reise wir damit machen könnten mit unserem völlig komfortablen Astra. Gut, manchmal muckt er. Aber nur, wenn es schüttet. Dann spinnt die Elektronik. Europäische Autos sind eben nicht auf tropische Regengüsse ausgelegt. Außerdem ist unser Astra noch um die 11.000 Reais wert (4250 Euro).

"Der Kofferraum von deinem Gol ist mir zu klein, da hat ja nichts Platz, wenn wir verreisen wollen", sage ich und der Onkel ist eingeschnappt. Hatte sich in Gedanken schon ausgemalt, wie er unseren Astra ein wenig aufmöbelt, um ihn dann für 13.000 Reais zu verkaufen. Damit hätte er dann 13.000 Reais, plus unsere Zuzahlung von 3500 Reais auf einen Schlag eingenommen. Klar, abzüglich der Kosten für den Gol. Der ist grob geschätzt noch so um die 8000 Reais wert, weil noch älter als unser Astra. Es wäre ein schönes Geschäft für den Patenonkel gewesen. 8500 Reais, mal eben so nur durch einen kleinen Tausch. Für uns wäre es kein schönes Geschäft gewesen. Nein, nein.

Bei dem Käfer hingegen, da könnte ich schon schwach werden. Aus Nostalgiegründen. Mein Vater hatte einmal einen Käfer und das erste Auto meiner Schulfreundin Steffi war auch ein Käfer. Der Nostalgie zu Liebe würde ich sogar auf einen Kofferraum verzichten. Obwohl. Tausende Kilometer in einer Klapperkugel zu sitzen, ist auch nicht so lustig. Bleibt also doch alles beim Alten.

Achja, Käfer heißt auf portugiesisch "besouro".

Kommentare:

Juansi hat gesagt…

Hallo Gabriela,
von wem ist denn dieser Onkel, der es wenig gut zu meinen scheint mit Euch, der Pate? Habe richtig aufgeatmet, dass Du ihm widerstanden hast. Träum Dir doch einen viel schöneren und günstigeren Käfer herbei, den Ihr vielleicht sogar als Zweitwagen haben könnt. Das wünsche ich Dir jedenfalls!
Herzlichst Juansi

Sam hat gesagt…

Liebe Gabriela!

dieser Patenonkel scheint Euch anscheinend für völlig bescheuert zu halten. Oder leidet der sonstwie an Realitätsverlust?

Es mag ja primitivster heidnischer Animismus zum sein- aber jedes noch so technische Teil, mit dem man intensiver zu tun hat scheint man irgendwie zu beseelen (ich zumindest). Das werden diese Krämerseelen nie verstehen- ist Dir mal aufgefallen, dass Gebrauchtwarenhändler oft selbst Autos fahren, mit denen sie NUR Ärger haben? Ich sag: Denen sind die Autos beleidigt, weil unbegriffen.
Naja. Vielleichtspinne ich selber grad (mal wieder)geradezu pferdemässig wegen meiner XT, wie Du selbst gelesen hast. Viehhändler haben ja auch diesen Ruch: Rosstäuscher! Man traut ihnen und ihren Angeboten aus gutem Grund nicht so recht. Solltest Du Dich in den Käfer verliebt haben und der zu Dir passen wirst Du ihn kriegen- und zwar ohne Dich finanziell zu ruinieren.

sagt Sam
mit Grüssen ausm neblig- kalten Bayern.

Ahja: Ein fehlendes Gebläse beim Käfer dürfte in Brasilien nicht so ins Gewicht fallen wie hier- oder hat er schon eins, der Käfer?

gabriela hat gesagt…

Hallo Mädels,
der Patenonkel ist zum Glück nur der Patenonkel von einem Bekannten. Aber es stimmt schon, sie halten mich hier alle für so ziemlich bescheuert. Sie denken, wer ihre Sprache nicht richtig spricht, kann auch im Kopf nicht eins und eins zusammen zählen. Mit dem Käfer warte ich noch. Ein blauer wäre schöner...
Achja, Sam, stimmt. Ich beseele auch alles. Wir haben unser Auto Robocop genannt, weil es manchmal so seltsame Geräusche von sich gibt. ähnlich wie du mit deiner xt hat unser Robocop auch schon tausende Reisekilometer mit uns hinter sich gebracht. Es ist schon so, ich hänge an ihm, auch wenn wir ihn momentan kaum nutzen. Aber wenigstens die Katzen nutzen ihn: zum Schlafen auf der Motorhaube...
liebe Grüsse Gabriela