Sonntag, November 13, 2005

Raupentiere


Ratzinger, wo bist du? Musste schon so oft an dich denken. Wer hätte das gedacht. Riesige blaue Schmetterlinge sind daran schuld, schweben tagsüber ums Haus. Nicht immer, aber ab und zu. Und vor einiger Zeit haben braune Nachtfalter Küche und Veranda in Beschlag genommen. Hunderte schwirrten um die Glühbirnen, ließen sich auf Wänden, Schränken und Boden nieder. Etliche starben, der Rest zog am nächsten Morgen wieder ab. Ja, Morgen, nicht Abend, wie es für Nachtfalter eigentlich üblich wäre. Jetzt sind es haarige Raupen, so groß wie mein kleiner Finger, die sich einen Platz zum Verpuppen suchen. An was sie sich dick gefressen haben, weiß ich nicht. Anders als die Blattschneiderameisen, haben sie keine Stengelgerippe hinterlassen. Kamen vielleicht vom Nachbargelände über den Jasminstrauch zu uns herüber. Vielleicht verbirgt sich ja einer der schönen, schillernden Falter dahinter. Wer weiß. Werde einige der Puppen einsammeln, so sie denn morgen noch zu finden sind, und warten, was aus ihnen schlüpft. So wie damals. Fast 20 Jahre ist es her, dass wir Raupen des Weinschwärmers gesammelt, gepäppelt und beim Schlüpfen beobachtet haben. Erinnerst du dich Franz Xaver Ratzinger? Zwei von ihnen hatten es sich in meinem Dachzimmer gemütlich gemacht, sich ein Schäferstündlein gegönnt und auf Büchern, Skripten und Blumen hunderte von Eiern hinterlassen bevor sie in die Nacht entflogen sind. Nur zwei Eier waren es, die ich vom Schwalbenschwanz auf meinem Dill entdeckt hatte. Auch sie wurden zum Studienobjekt, führten dazu, dass ich täglich ihre Wohnungen, zwei Marmeladengläser, putzte und mit frischen Dill befüllte, bis auch sie sich verpuppt hatten, nacheinander schlüpften und meinen Zeigefinger als Startbahn in die Freiheit benutzten. Ihre leeren Puppenhüllen habe ich in einem Glas aufbewahrt, das jetzt in einer der vielen Umzugskisten in Deutschland auf Abruf wartet. Dort ruhen auch die Schmetterlings-Bestimmungsbücher. Die würden mir hier in Brasilien aber ohnehin nicht viel weiter helfen. Enthalten sie doch nur die Arten Mitteleuropas.


Doch ich weiß, Ratzinger, du kennst dich aus. Du wirst mir sagen können, welcher Falter sich in dieser Raupe verbirgt. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Werde die Puppen der Raupen beobachten, bis die Tierchen ihr Geheimnis von alleine preisgeben. Kelvin, der Nachbarsjunge ist schon Feuer und Flamme, auch wenn Tante und Mama meinten "Ihh, was habt ihr denn hier für Ungeziefer" und uns den Tipp gaben "Macht's hin". Nein, nein, wir werden es nicht "hinmachen", wir werden uns nur dranmachen, ans beobachten...

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