Sonntag, November 13, 2005

Lesen für die Zukunft

"Sag mal, darf meine Vanessa auch zu dir kommen?" In ein paar Wochen ist das brasilianische Schuljahr zu Ende. Das erste von Vanessa. Lesen hat sie in dem Jahr nicht gelernt. Ihre beiden Brüder, Eduardo und Alexandre, in der zweiten und dritten Klasse können es mittlerweile. Ein paar Mal haben sie mich besucht, mit mir lesen geübt. Stolz blickten sie drein, wenn sie mir ein Wort erklären oder meine Aussprache verbessern konnten. Eduardo, der Jüngere, liest inzwischen hervorragend, fließend, mit einer Melodie, als würde er für ein Hörspiel eine Geschichte erzählen. Alexandre muss noch etwas üben, ist aber auch nicht schlecht. "Die Lehrerin hat mich schon gefragt, was ich mit den Jungs gemacht habe, weil sie plötzlich lesen können", sagt Val, die Mama der Jungs und von Vanessa. So oft waren sie doch gar nicht bei mir beim Lesen, antworte ich. Doch anscheinend habe ich sie angestachelt. Jetzt würden sie sogar Comics lesen, sagt Val. Nur Vanessa, die wolle noch nicht so recht. Naja, sie hat ja auch noch etwas Zeit, entgegne ich. Natürlich darf sie aber zu mir zum Lernen kommen.
Darüber, dass die Schule daran schuld sein könnte, dass ihre Kinder nur langsam lernen, darüber verliert Val kein Wort. Eigentlich habe ich darauf gewartet, weil es oft heißt, dass die staatlichen Schulen schlecht sind und deshalb kaum einer, der diese Schulen besucht, an Universitäten studiert. Wer es sich leisten kann, schickt seine Söhne und Töchter deshalb in private Schulen. Die öffentliche Schule hier kann aber trotzdem wohl mit der Grund- und Hauptschule in Deutschland verglichen werden. Die Klassenstärken dürften ebenso ähnlich sein. In Kelvins und Eduardos Klasse sitzen 28 Buben und Mädchen, also nicht übertrieben viele. Der Lehrplan ist ähnlich wie in Deutschland. Bei manchen Dingen habe ich das Gefühl, dass sie schneller sind. Bruchrechnen in der zweiten Klasse. Daran kann ich mich in Deutschland nicht erinnern. Aber, wer weiß, vielleicht ist das inzwischen dort ja auch so. Erstaunt bin ich, dass jedes Heft persönliche Einträge der Lehrerin enthält. Jede Hausaufgabe wird von den Lehrern kontrolliert, abgehakt und gegebenenfalls mit Einträgen versehen wie "gut gemacht", "tolle Leistung" oder auch "da musst du noch mehr üben". Gerade das dürfte das Problem sein. Mit wem sollen die Kinder üben? Val und ihr Mann arbeiten. "Ich habe auch nicht die Geduld und manchmal kann ich das Zeug selber nicht", gesteht Val zudem. Viele Erwachsene, besonders aus den armen Schichten, können selbst nur mehr schlecht als recht lesen, schreiben und Kopfrechnen. Die Alphabetisierung soll bei 80 Prozent liegen, heißt es zumindest in einer staatlichen Propaganda, mit der Erwachsene dazu ermuntert werden, an Kursen zum Lesenlernen teilzunehmen. Selbst, wer lesen kann, versteht aber nicht immer das, was er da so liest. Das mit den Büchern und Zeitschriften ist auch so eine Sache. Für viele Brasilianer ist beides nahezu unerschwinglich teuer. Etwa 39 Reais kostet ein Roman im Normalfall. Das entspricht fast 50 Kilogramm Reis. In den ärmeren Haushalten gibt es deshalb meist nur ein einziges Buch: die Bibel.
Immerhin weiß Val um die Bedeutung der Schule. Nur selten fehlen ihre Kinder in der Schule. "Die Mama sagt, ich muss in die Schule, auch wenn ich nicht will", gesteht ihre Tochter Vanessa. Nur, wenn ihre Kinder lernen, haben sie später einmal eine Chance auf eine bessere Arbeit, bei der sie mehr verdienen als gerade einmal so viel Geld, um die lebenswichtigsten Dinge bezahlen zu können. Diese Einstellung teilen nicht alle. Für einige ist Schule so etwas wie eine Wahloption ohne Folgen. Keine Seltenheit ist es, dass einer der Nachbarsjungs nicht in die Schule geht, weil er keine Lust dazu hat oder seine Mutter andere Pläne für den Tag hat. 27 Fehltage hat er, erzählt der Bub stolz. Im vergangenen Schuljahr waren es mehr, fügt er hinzu. Das rächt sich. Mit zehn Jahren kann er weder lesen noch fünf und fünf zusammenzählen.
Morgen nach der Schule wird Vanessa kommen. Dann wird es schon abends sein. Nein, das liegt nicht daran, weil es vielleicht eine Ganztags-Schule wäre. Die sind hier eben so selten wie in Deutschland. Es liegt daran, weil sie den Nachmittagsunterricht von 13.30 Uhr bis 17 Uhr besucht. 3,5 Stunden. Nicht gerade viel, denke ich mir. Wir werden ein bis zwei Stunden dranhängen...

Kommentare:

Ursel hat gesagt…

Liebe Gabriela !

Grad steht meine 7-jährige Tochter neben mir und liest einen Teil Deines Eintrags. Sie hatte in Deutschland die erste Klasse angefangen (3 Monate) und dann hier in eienr ganz normalen öffentlichen Schule das erste Schuljahr nochmal neu begonnen und jetzt fast abgeschlossen.
Ich weiss, dass man ihre Sozialisation nicht mit der der brasilianischen Kinder vergleichen kann, aber ich wollte nur zu der Qualität der Grundschule hier sagen, dass ich sie gut finde !!
Und garnicht so schlecht, wie immer behauptet wird...
Genau, es sind 21 Kinder in der Klasse (einige sind im Laufe des Schuljahrs weggezogen) und die Lehrerin ist sehr kompetent !

Zu den Erwachsenen :
Die Dame, die mein Zeugnis ausgestellt hat zur bestandenen "Abi-Prüfung", hat es zweimal falsch ausgestellt, da sie es nicht durchgelesen hat.
Und die nächste Dame, die sich dann mit der Anerkennung meiner Ausbildung beschäftigen soll, hat mich erstmal gefragt, wieviel Stunden ich denn nun in der Ausbildung hatte. Dabei hatte sie das Papier dazu vor sich liegen und hätte es nur durchlesen brauchen.. Und das sind Akademikerinnen !!
Wie haben die wohl studiert, wenn sie sooo ungerne lesen ??

Liebe Grüsse
Ursel

gabriela hat gesagt…

Liebe Ursel,
ich glaube auch, dass es nicht immer an der Schule oder den Lehrern liegt, wenn ein Kind nichts lernt. Das soziale Umfeld spielt ebenso eine Rolle wie auch die Einstellung der Eltern. Sind sie nicht hinterher oder zeigen kein Interesse daran, was das Kind kann oder lernt, dürfte es das Kind schwer haben.
Das mit dem Lesen ist auch so eine Sache. Neulich habe ich eine Studie gelesen nach der die aktuellen Studenten an Unis und Fakultäten im Schnitt sage und schreibe ein einziges Buch pro Jahr lesen. Und das nennen sie dann studieren...
Für deine Töchter habe ich noch einen Tipp (falls du die site nicht ohnehin schon entdeckt hast...): www.alzirazulmira.com/links.html
da gibt es jede Menge links auf Seiten für Kinder im Internet - in portugiesisch...
liebe Grüsse
Gabriela

Ursel hat gesagt…

Hallo,
nein, die Seite kenne ich noch nicht.
Sara guckt mehr auf den Seiten der deutschen Zeichentrickfiguren, wie Benjamin Blümchen, Die Sendung mit der Maus und so.
Ich werde mal schauen.

Alles Liebe
Ursel