Samstag, Oktober 01, 2005

Waffenverbot

"Sollte der Handel von Waffen in Brasilien verboten werden?" Alle daumlang ist diese Frage derzeit in Radio und Fernsehen zu hören. Der Grund dafür ist eine Volksabstimmung zu diesem Thema am 23. Oktober. Schon seit einigen Wochen wird in den Medien erklärt, wie die Abstimmung vor sich geht. Ein kleiner Apparat wird gezeigt und ein dicker Daumen, der wahlweise auf die Taste mit der 1 und die 2 drückt. "Denke genau über die Vor- und Nachteile nach, bevor du dich entscheidest", heißt es in der staatlichen Propaganda. Die Aufforderung finde ich gut. Schon bei den Kommunalwahlen war es so, dass dazu aufgerufen wurde, zuerst nachzudenken und dann zu wählen, um danach Wehgeklage zu vermeiden. Ob es wirklich genützt hat, wage ich indes zu bezweifeln. Aber, wer weiß.
"Es liegt in eurer Hand", heißt es. Wie demokratisch, denke ich mir, verwerfe den Gedanken aber gleich wieder, als ich den Nachsatz höre, dass die Wahl obligatorisch ist. Wer nicht wählt wird bestraft, muss ein Bußgeld bezahlen, zwar nur ein paar Reais, aber trotzdem.
Seit einigen Tagen neu ist die Bewerbung des Referendums durch Künstler, Journalisten und Parteien. Sie treibt mitunter seltsame Blüten. Voller Inbrunst erklärt ein Abgeordneter, dass er gegen ein Waffenverbot ist. Er begründet dies mit dem Recht auf Verteidigung. Wo kämen wir denn da hin, wenn Väter ihre Familien nicht mehr mit Schusswaffen verteidigen dürften? Und wie sollten sich Tankstellenbetreiber und Bankiers bei einem Waffenverbot künftig gegen Überfälle schützen, will er wissen. Nein, so seine Meinung, ein Waffenverbot dürfe es nicht geben, weil dann all die Banditen und Kriminellen einen Freischein hätten und ohne Hindernisse rauben und morden könnten.
Eine Frau, die erst einmal erklärt, sie sei Journalistin und wüsste deshalb über alles besser Bescheid, schlägt in die gleiche Kerbe. Während es in UNESCO-Berichten heißt, dass in Brasilien jährlich etwa 40.000 Menschen durch Schüsse sterben, geht die Regierung von 36.000 Toten im Jahr 2004 aus. Die Zahl der "Schusswaffen-Opfer" sei sogar gesunken. 2003 seien es noch 39.000 gewesen, verraten Nachrichtensprecher des Fernsehsenders Globo. Selbst bei der Annahme von 36.000 Menschen, die 2004 durch Waffenkugeln starben, sind dies aber noch beinahe 100 Tote pro Tag. Vor allem betroffen sind junge Männer im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Ganz abgesehen von den Toten gibt es jährlich zudem unzählige Opfer, die "nur" verletzt werden und nicht selten mit schweren Folgen, wie einer Querschnittslähmung, leben müssen. Nach einer UNESCO-Publikation liegt Brasilien weltweit fast an der Spitze bei den Todesopfern durch Schusswaffen: 19,5 Menschen pro 100.000 Einwohner. Nur in Venezuela sind es mehr: 22 pro 100.000 Einwohner. Ein trauriger Rekord, den die Journalistin in Frage stellt. In ihrer Propaganda gegen ein Waffenverbot suggeriert sie, dass die meisten Opfer Kriminelle und Polizisten seien. Als ob sie keine Menschen wären. Wer die Nachrichten verfolgt, weiß, dass viele der Opfer aus Favelas stammen. Nicht selten kommt es dort zu wahren Kriegsszenen zwischen Polizisten und Drogendealer. Dabei gibt es jedoch auch häufig unschuldige Tote und Verletzte durch sogenannte Querschläger.
Wie der Mord an der amerikanischen Menschenrechtlerin Dorothy Stang im Amazonasgebiet im Februar diesen Jahres zeigte, können in Brasilien zudem ohne große Probleme für ein paar Dollar Killer angeheuert werden. Stang ist nicht die einzige, die 2005 erschossen wurde, weil sie sich für die Rechte der Indios, der Landlosen sowie den Umweltschutz einsetzte. Angeheuert wurden die Mörder Stangs von einem Großgrundbesitzer, wie Untersuchungen ergaben. Eifersüchtige Männer, die ihre Frauen erschiessen (umgekehrt kommt selten vor), Freunde, Partner, Jugendliche, die im Streit die Waffen zücken, reichern die traurige Statistik ebenso an. Um dem Einsatz von Schusswaffen wenigstens ein wenig Einhalt zu gebieten hat die Regierung im Sommer 2004 ein Programm aufgelegt. Wer seine Schusswaffe abgibt, erhält bis zu 300 RS, etwa 100 Euro und der Gegenwert eines Mindestlohns für einen Monat. Weit über 400.000 Waffen wurden seitdem eingetauscht, etwa 33.000 Waffen pro Monat, 1000 pro Tag. Stolze Zahlen, die erahnen lassen, wie viele Schusswaffen in Brasilien in privater Hand sind.
Waffen erzeugen Gewalt und Leid. Damit wirbt eine andere Propaganda, die sich für ein Verbot der Schusswaffen ausspricht. Mütter verlieren ihre Söhne und Töchter, Kinder werden zu Waisen oder zu Krüppeln, Frauen zu Witwen, prangern sie zu Recht an. Ein bewaffneter Einbrecher habe nichts zu verlieren und würde keineswegs so lange warten, bis der Hausherr seine Waffe gefunden hätte. Im Gegenteil. Eine Waffe zur Verteidigung würde Einbrecher nur dazu bringen, eher zu schiessen.
Doch die Waffenlobby und die Macht derjenigen, die denken, ihren Besitz durch Schussgewalt ungesühnt verteidigen zu dürfen, ist groß. So zeigt sich selbst das Referendum in einem seltsamen Licht. "Sollte der Handel von Waffen in Brasilien verboten werden", wird gefragt. Wer dagegen ist, sich also weiterhin für einen freien Waffenhandel ausspricht, darf die Taste 1 drücken und wählt somit ein "Nein". Wer dafür ist und den Waffenhandel und -besitz verbieten will, darf die Taste 2 drücken, ein "Ja". Logisch wäre es eigentlich anders herum. Die Eins für ein "Ja", die Zwei für ein "Nein".

Kommentare:

Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…
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Vera hat gesagt…

Liebe Gabriela,
das mit den Waffen ist schon eine schlimme Sache,finde ich. In Deutschland sind Schußwaffen im privaten Bereich verboten und es hat ja nun nicht dazu geführt, dass hier deshalb alle Nase lang einbegrochen wird. In England tragen ja noch nicht einmal die Polizisten Schußwaffen, soweit ich das weiß.
Heute hatte ich dazu auch wieder ein denkwürdiges Erlebnis, war schwimmen, stehe beim Fönen, ein kleiner Junge kommt, nimmt sich einen Fön und meint zu seinem Freund, guck mal ich habe eine Pistole, quatsch, meinte ich laut, dass ist ein Föhn. Daraufhin die Mutter, ach der ist gerade in so einer Phase, da macht er alles zu einer Pistole. Ja, habe ich gesagt, nur dass die leider aus diesr Phase nicht mehr herauskommen. Es gibt schon genug Pistolen auf der Welt, mir reicht das aus. Der Junge hat mich auf jeden Fall keines Blickes mehr gewürdigt. Ich denke, wir können nicht früh genug anfangen mit dem "Waffenverbot".
Noch etwas zu der Diskussion in meinem Blog. Ich nehme sie nicht persönlich, nicht mehr. Das hat auch etwas mit Eigenverantwortung zu tun. Du sagst etwas vor ganz vielen Frauen und hast genauso viele Meinungen dazu und diese Meinungen, haben manchmal überhaupt nichts mit dem zu tun, was du gesagt hast. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass je schärfer die Kritik, desto mehr lag es bei einer selben im Argen. Menschen, die wirklich mit sich in reinem sind, haben es einfach nicht nötig andere dermaßen anzugehen.
Bis bald mal
Alles Liebe
Vera

Ursel hat gesagt…

Liebe Gabriela,

mehrere Deiner Mails haben mich aber erreicht, komisch, warum sind die anderen denn dann zurückgekommen ?

Zu den Waffen : Eben, ich denke da wie Du und wie es auch immer wieder betont wird : wenn einen Waffe im Haus ist, ist immer die Gefahr da, dass jemand sie benutzt. Also hat man besser gar keine.
Nur: Das Referendum wendet sich ja nur gegen den Verkauf von Waffen. Wer jetzt eine hat, behält sie. Das heisst, es bleiben in jedem Fall noch viel zuviel Waffen im Umlauf und es kann nur evtl. verhindert werden, dass es mehr werden. Ich wünschte, die Brasilianer stimmten wirklich gegen den Waffenhandel ab, aber ich fürchte, dass das Ergebnis eher der deutschen Bundestagswahl gleichen wird.

Liebe Grüsse
Ursel

gabriela hat gesagt…

Liebe Ursel,
stimmt, es geht nur um den Verkauf. Es ist aber schon einmal ein kleiner Anfang. Ausserdem beinhaltet das Verbot neben dem Verkauf von Waffen auch den von Munition... Ich glaube aber wie du, dass das Ergebnis ein Patt sein wird.
beijos Gabriela
P.S. seltsam das mit den Mails. Verstehe es auch nicht, zumal es gestern ja wieder funktioniert hat... glaube, mein PC spinnt...