Der Baum mit dem Wohlfühlduft
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| Selbst bei Regen verbreiten die kleinen Blüten des Tabocuva-Baumes einen herrlichen Duft. |
Einer der ersten Bäume, den ich hier im Atlantischen Regenwald kennengelernt habe, ist der Tabocuva (Pera glabrata). Er ist eher ein kleiner Baum, der laut Angaben in der Literatur nur acht bis zehn Meter hoch werden soll.
"Tabocuva brennt hervorragend. Du kannst ihn schlagen und das Holz gleich als Scheit hernehmen", haben Renato und Sebastião uns einhellig erklärt. Wie bei den meisten Einheimischen unserer ländlichen Region stehen in ihren Häusern Holzöfen, auf denen sie Reis, Bohnen und andere Mahlzeiten zubereiten.
Ich habe ihn mir schnell gemerkt. Nicht wegen seiner Brennqualität. Seine graubraune, geriffelte Rinde unterscheidet sich von den meisten der anderen Bäume. Seine Blüten habe ich indes erst kürzlich per Zufall entdeckt.
Schon lange wollte ich wissen, von wo dieser herrliche Duft herkommt, der im Sommer die Luft unseres Waldes durchzieht. Es ist ein angenehmer, süßlicher und gleichzeitig ein wenig herber Duft, der alles umhüllt. Ganz entfernt erinnert er ein wenig an Bergamotte. Bisher habe ich noch keinen getroffen, der diesem Duft nicht erlegen ist. Ihn mit einem langen Atemzug aufzunehmen verbreitet sofort ein Wohlgefühl.
Bis vor ein paar Tagen war die Duftquelle für mich ein absolutes Geheimnis. Zahllose Male bin ich über die Jahre hinweg immer wieder mit der hochgereckten Nase durch den Wald gelaufen, um sie auszumachen. Das Ergebnis blieb jedes Mal ohne Erfolg.
Dann war ich oben auf dem Waldweg mit den Hunden unterwegs. Gloria Maria, Jack Sparrow und Paçoca liefen wie immer voraus, sich jagend, spielend, die Freiheit genießend. An einem Stück blieben sie stehen und schnüffelten aufgeregt am Boden. Es war an einem Wildwechsel. Auf der einen Seite des Weges geht es steil bergab, hin zu einem mit Rohrdommel ähnlichen Pflanzen bewachsenen Sumpf. Auf der anderen Seite des Weges geht es über eine Böschung den Hügel hinauf.
In unserer Region ist der Atlantische Regenwald durch einen starken Unterwuchs geprägt. Farne, Baumfarne, Sträucher, krautige Pflanzen bilden unter den Baumkronen ein dichtes Konglomerat. An der Stelle des Wildwechsel haben die Tiere für einen schmalen Pfad gesorgt. Wir haben zwar keine selbst auslösenden Kameras. Gesehen haben wir dort aber schon Guatis, die Waschbären ähneln, Capivaras, Gürteltiere und sogar einen Cagado, der zu den Landschildkröten gehört und sich mit seinem langen Hals spielend wieder umdrehen kann, sollte er auf den Rücken fallen.
Jetzt standen die Hunde da und schnüffelten aufgeregt an der Stelle, wo der Wildwechsel den Waldweg quert. Wahrscheinlich waren in der vorangegangenen Nacht dort wieder Wildtiere unterwegs. Plötzlich trifft mich eine Wolke dieses herrlichen Duftes von der geheimnisvollen Quelle. Beim Aufsehen entdecke ich direkt vor meiner Nase winzige, gelbe Blüten an einem Ast. Da war sie, die Duftquelle.
Von Weitem sind die vielen kleinen Blüten kaum zu sehen. Sie wachsen nah am Ast und werden von den Blättern verdeckt. Weil der Baum aber weiter unten an der Böschung wächst, ist seine Krone vom Waldweg aus quasi direkt auf Augenhöhe. Das gleiche gilt für seine Blüten. Ein Blick auf den Stamm des Baumes hat mich zum Staunen gebracht. Einwandfrei ein Tabocuvabaum. Das war mir neu, dass der Tabocuva solche Blüten hat, die noch dazu diesen Wohlfühlduft verstreuen.
Natürlich habe ich im Internet gestöbert und herausgefunden, dass der Tabocuva wie die Weide zweihäusig ist, d.h. ein Tabocuvabaum hat entweder nur männliche oder nur weibliche Blüten. Beide blühen zur gleichen Zeit. Der süßlich-herbe Duft wird aber nur von den männlichen Blüten verbreitet.
Laut Studien sollen die Blüten lediglich tagsüber auf sein. Duftwolken wehen aber auch nachts durch die offenen Fenster in unser Häuslein. Sogar an Regentagen schweben die Duftmoleküle an den Regentropfen vorbei zu uns herüber.
Wenn ich könnte, würde ich den Duft der Tabocuvablüten in kleinen Fläschchen auffangen, um ihn auch im Winter genießen zu können.

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